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Dokumentarische Literatur:Versuche zu zaubern

Jürgen Oberbäumer erzählt engagiert, aber ohne Sensationalismus, wie er und seine Familie das Atomreaktor-Unglück in Japan erlebten. "Fukushima - Im Schatten" nennt er seine persönliche Chronik der Katastrophe.

Impressionen der Zerstörung, auf der Fahrt zum Hafen Yotsukura: "Fischerboote kreuz und quer, Berge von Müll mit aufmunternden Parolen auf Schilder gemalt: ,Wir schaffen das!' ,Es lebe Yotsukura!' . . . Wie Schmerzensschreie kamen uns diese roten Sätze vor, wie Inkantationen, Versuche zu zaubern." Absurde Hoffnungslosigkeit, man kennt die Situation, von Goethes Zauberlehrling mit seinem beschwörenden "Seid's gewesen!"

Jürgen Oberbäumer, ein Ostwestfale, erlebt Fukushima vor fünf Jahren, die große japanische Umweltkatastrophe im März 2011, vor seiner Haustür, Tsunami, Erdbeben, drohende Kernschmelze im Atomkraftwerk am Meer. "Fünfzig Meter vor uns lief sich die Welle aus. Hier im Ort war sie mit knapp sieben Metern extrem niedrig; etwas höher, Normalhöhe, und wir wären alle unsere Sorgen los."

Es war wie auf der "Mary Celeste", dem berühmten Geisterschiff

Über 27 Jahre lebte Jürgen Oberbäumer 33 Kilometer südlich von Fukushima Dai-ichi, mit seiner Frau Mariko und seinen Kindern, in einem schönen alten japanischen Haus. Sie sind Erdbeben gewohnt und wissen, wie man darauf reagiert, aber dann passiert eben das Unerwartete, das einen Riss zieht durch ihr Leben, Ungewissheit bringt, hastige Flucht, auch Stagnation und Leere. Surreale Momente, wie auf der Mary Celeste, dem berühmten Geisterschiff, das gefunden wurde vor Gibraltar, "die Suppe warm auf den Tellern, und kein einziger Mensch an Bord . . ."

. Es ist ein engagierter, liebevoller, manchmal sanft pathetischer Bericht, aber ohne sensationslüsterne Unterstreichungen. Eine Mischung aus Trotz und Gelassenheit, aus Lamento und Stoizismus. Die Informationspolitik der Betreiberfirma Tepco und der Regierung ist katastrophal, die Ungewissheit lähmt. Soll man wegziehen, alles aufgeben? Kann man kämpfen? Hunderttausende werden evakuiert aus der Zone ums Kraftwerk, in Behelfssiedlungen umgesiedelt am Rande der Orte, wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen, "Ohne Busverbindungen, ohne Geschäfte, ohne Sinn. Abgeschoben." Die Asylanten, Flüchtlinge Japans.

Es ist ein persönlicher Bericht, über die Spuren der Katastrophe im Alltag, im Denken, in den familiären Beziehungen. Eine Perspektive, die sich bewegt zwischen westlicher Reflexion und einer fast natürlichen Vertrautheit mit japanischer Tradition, und in den Tausenden Details wird eine schöne Reflexion spürbar über das, was Heimat ausmacht: "Wir MUSSTEN einfach zurück . . . Katzen und Hunde laufen quer durch einen Kontinent, wenn's sein muss." Auf Ebay ersteigert man sich einen Geigerzähler aus zweiter Hand. Mit Gebrauchsspuren.

Jürgen Oberbäumer: Fukushima - Im Schatten. Verlag Ch. Möllmann, Borchen 2015. 334 S., 20 Euro.