Doku von Wim Wenders im Kino Der oberste Gläubige ist der Regisseur selbst

Wim Wenders wurde vom Vatikan eingeladen, einen Film über Papst Franziskus zu drehen.

(Foto: dpa)

Wim Wenders sucht in seinem Dokumentarfilm über Papst Franziskus nach Trost und Halt beim Pontifex. Und verliert sich in dessen gütigem Blick.

Von Philipp Stadelmaier

Die Stimme von Wim Wenders klingt besorgt, während die Kamera über die nebelverhangene umbrische Landschaft gleitet. Ja, die Zeit. Sie vergeht wie im Fluge. Sie hat uns am Wickel. Wir verstehen sie einfach nicht. Jeden Tag sterben über hundert Arten aus, sagt er. Aber klar: So wie wir heute leben, sind wir am Artensterben und vielen anderen Dingen auch selbst schuld.

Die Kamera gleitet über Assisi, landet vor der Basilika San Francesco, es geht hinein. Da sind die Wandmalereien des Künstlers Giotto, auf denen er die Lebensstationen des Franz von Assisi festgehalten hat. Wenders Stimme schöpft wieder Hoffnung. Immerhin, vor vielen Hundert Jahren gab es diesen Heiligen, der ein Leben in Armut, Demut und Nächstenliebe geführt hat. Und heute gibt es einen, der seinen Namen angenommen hat, um in seinem Namen zu wirken: Jorge Mario Bergoglio, seit dem 13. März 2013 besser bekannt als Papst Franziskus. Der erste Papst aus der südlichen Hemisphäre, der erste Jesuit, der erste, der sich am Heiligen Franz orientiert.

Er ist dieser Mann, den Wenders in seiner Doku "Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes" porträtiert. Den Auftrag dazu hat er vom Vatikan erhalten, ebenso wie die Möglichkeit, das Kirchenoberhaupt persönlich zu treffen und zu interviewen. Wenn Wenders eingangs die Schwäche und Endlichkeit des Menschen skizziert und den beklagenswerten Zustand der Welt, dann ist es Franziskus, der auf dieses Unglück antworten wird, auf der sommerlichen Terrasse eines päpstlichen Anwesens in Italien. Was Franziskus' Worte betrifft, so sind sie wenig überraschend. Er propagiert eine arme, bescheidene Kirche im Geiste des Heiligen Franz und prangert die ungleiche Verteilung des Weltvermögens an sowie die Ausbeutung des Planeten. Er will Homosexuelle nicht verurteilen und fordert die Gleichstellung von Mann und Frau. Und auch bei den Themen Migration und Flucht zeigt er sich vorbildlich.

Neben dem Interview sieht man den Papst bei zahlreichen Auftritten rund um die Welt, in Neapel, auf Lampedusa, Lesbos oder in Brasilien. Überall verbreitet er mit Nachdruck seine Botschaft. Aber den Kern des Films bilden die Interviewszenen. Nicht nur wegen der Worte des Papstes, sondern weil er direkt in die Kamera schaut und damit direkt in die Augen der Zuschauer. Diesen Effekt erzielt Wim Wenders mit einem speziellen Kamerasystem.

Es wurde in den Neunzigerjahren vom amerikanischen Dokumentarfilmer Errol Morris entwickelt. Er setzt seine Gesprächspartner vor eine Kamera und lässt sie ins Objektiv schauen, aber vor diesem ist ein Spiegel angebracht, auf dem Morris selbst auftaucht, während er von einer anderen Kamera zeitgleich gefilmt wird - einem Teleprompter vergleichbar, auf dem kein Text, sondern ein Livebild erscheint.

Die Kameratechnik des Films war ursprünglich nicht zur Verehrung, sondern zum Verhör gedacht

So sprechen die Interviewten direkt mit ihrem Gesprächspartner, ohne dabei an der Kamera vorbeizuschauen. Morris nannte diese Vorrichtung "Interrotron", was an "Interrogation" und "Verhör" erinnert. Wenn Morris komplizierte Gestalten wie den Architekten des Vietnamkriegs, Robert S. McNamara, den ehemaligen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld oder den Holocaustleugner Fred A. Leuchter interviewte, dann konnten diese weder der Kamera noch seinem Blick ausweichen - womit Morris ihnen teils intime Geständnisse und auch Zweifel entlockte.

Auch der Papst hatte nun also nicht einfach das leblose Kameraobjektiv vor Augen, während er sprach, sondern einen echten Menschen, Wim Wenders. Dennoch funktioniert die Vorrichtung hier anders als beim Historiker Morris. Welche Geständnisse sind von einem Papst auch zu erwarten, was kann der freundliche Wenders dem freundlichen Papst Geheimnisvolles entlocken? Es ist keineswegs Wenders, der den Papst verhört, sondern der Papst, der dem Zuschauer in die Seele und ins Gewissen blickt, wie bei einer Privataudienz. Er will die Zuschauer überzeugen, dem Elend der Welt entgegenzutreten.

Der erste Gläubige ist dabei Wenders selbst. Seine Kamera sperrt den Interviewten nicht in einer Gesprächssituation ein, um ihn zu manipulieren. Sondern sie haftet sich an den Pontifex, nachdem sie anfangs verloren über den umbrischen Himmel geirrt war, auf der Suche nach ein wenig Halt und Hoffnung.

Bleibt die Frage, ob das Interrotron-Verfahren funktioniert, wenn es nicht für ein kritisches Gespräch, sondern für eine Predigt verwendet wird? Eher nein. Es ist vor allem der Blick eines freundlichen älteren Herrn, der von Wenders' Film in Erinnerung bleibt - weniger das, was er sagt. "Ein Mann seines Wortes" lautet der Untertitel des Films, aber es hätte besser heißen müssen: "Ein Mann seines Blickes". Wenders sucht die Rettung der Welt in den Worten des Papstes und verliert sich dabei in seinen Augen. Das wäre Errol Morris nicht passiert.

Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes, CH/D/I/F/VAT, 2018 - Regie: Wim Wenders. Buch: Wenders, David Rosier. Mit Papst Franziskus I. Universal, 96 Minuten.

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