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Doku "Die Rückkehr der Wölfe":Räuber wie wir

"Die Rückkehr der Wölfe" wirft einen erfrischend unideologischen Blick auf ein Tier, dessen Präsenz den Menschen etwas kostet.

Von Martina Knoben

Er ist wieder da. Der Wolf, der in Mitteleuropa ausgerottet und rund 150 Jahre lang verschwunden war, streift wieder durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Naturschützer feiern das als Riesenerfolg - für viele Menschen aber ist es ein Riesenproblem. Der Wolf polarisiert wie kein anderes Tier.

Mensch und Wolf seien einander unheimlich ähnlich. "Schwesternarten" nennt sie der österreichische Wolfsforscher Kurt Kotrschal. Beide Arten täten viel fürs eigene Rudel, beide hätten aber auch ein "fremdenskeptisches Gehirn". Und beide Arten töten. Kein Wunder eigentlich, dass die Beziehung zwischen Mensch und Wolf so speziell ist. Viele hassen und fürchten ihn - die gelben Augen! Das Heulen! Dass er ein hinterlistiger Killer sei, der Großmütter, Geißlein und saftige Rotkäppchen frisst, erfährt schließlich schon jedes Kind. Von Stadtmenschen, die noch nie ein gerissenes Rehkitz oder Lamm gesehen haben und sicher sein können, ihm nicht zu begegnen, wird der Wolf dagegen gern als Inbegriff heiler Natur romantisiert: Trotz Klimawandel - im Wald ist alles wie früher.

In seiner Dokumentation über "Die Rückkehr der Wölfe" lässt der Schweizer Filmemacher Thomas Horat Menschen zu Wort kommen, die den Wolf gewissermaßen persönlich kennen, nicht nur aus Märchen. Es sind knorzige, urige Typen, ein bisschen wie der Wolf selbst, die aus der emotional geführten Debatte auf angenehme Weise die Luft rauslassen. Sie argumentieren unideologisch, ganz pragmatisch, zu diesen eigenwilligen Charakteren und ihren Aussagen passt die Musik des Artra Trios. Da ist etwa ein Schweizer Schafhirte, der erzählt, wie aufwendig es ist, seine Herde zu schützen. Hütehund und Behirtung kosten Geld; einen großen Hund zu haben, der im Winter im Tal viel bellt, weil er unterfordert ist, sei auch nicht jedermanns Sache. Bewegend auch das Interview mit einem alten Schafzüchter, der von seiner Bindung zu jedem seiner Tiere erzählt. Wenn der Wolf eines reißen würde ... Er wisse nicht, was er tun würde.

Menschen und Wölfe sind Tiere, die töten. Lämmer zum Beispiel essen beide Arten gern

Auch die andere Seite kommt - ausführlicher und überzeugender noch - zu Wort: Biologen, die den Wolf als Bereicherung sehen und schützen wollen. "Der Wolf hat ein Lebensrecht, nicht nur im Gesetz, sondern weil es ihn gibt. Er ist Teil der Schöpfung", sagt einer und will das ausdrücklich nicht religiös verstanden wissen. Vielfalt durch Evolution ist ein Wert an sich. Auch ökologisch spiele der Wolf eine wichtige Rolle, weil er das Wild nicht nur frisst, sondern aus Gebieten, in denen er sich aufhält, allein durch Abschreckung fernhält. Das fördere den Artenreichtum. Der Biologe rechnet minutiös aus, warum das Entschädigungsprogramm, das es in der Schweiz für Landwirte gibt, deren Tiere von Wölfen gerissen werden, den Staat am Ende billiger kommt als Bodenschutzmaßnahmen. Man sollte häufiger Biologen zuhören, ihre Nüchternheit ist erfrischend.

„Meinen ersten Wolf in freier Wildbahn konnte ich an einem Dezembermorgen 2016 in der Lausitz beobachten“, sagt Regisseur Thomas Horat.

(Foto: Mythenfilm)

Schon frühere Filmen von Thomas Horat waren Heimatfilme mit knorzigen Typen, Filme, die sich mit der Kultur der Alpwirtschaft ("Alpsummer"), traditioneller Wetterkunde ("Wätterschmöcker") oder der Holzernte im Bergwald ("Ins Holz") beschäftigten. "Die Rückkehr der Wölfe" startet wieder in der Schweiz, mit großartigen Naturbildern, wird schließlich aber zur Weltreise, die Horat zu Wolfsrudeln in die deutsche Lausitz, nach Polen und Bulgarien und schließlich bis in die USA führt.

Der Wolf erscheint in diesem klugen, unaufgeregten Film als das, was er ist: ein Raubtier, das tötet, um sich zu ernähren, den Menschen aber nur ausnahmsweise gefährlich wird. In seinen besten Momenten ist "Die Rückkehr der Wölfe" noch mehr als das: eine Reflexion über den Menschen, den noch größeren Räuber, der, ganz oben in der Nahrungskette, seine Mitbewohner auf der Erde jahrhundertelang nur unter dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit bewertet hat. Der Wolf stört seine Ordnung. Ein bisschen.

Die Rückkehr der Wölfe, Schweiz 2019 - Regie, Buch: Thomas Horat. Kamera: Luzius Wespe, Lukas Gut. Schnitt: Guido Henseler. Musik: Artra Trio. Verleih: Mythenfilm, 95 Minuten.

© SZ vom 19.09.2020

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