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Diskussion:Ziemlich überrollt

Der Geheimdienst-Chef Ruandas tritt im Literaturhaus auf

Eigentlich wollte man Politik und Literatur in Dialog bringen. Aber beim Auftakt der anlässlich der Münchner Sicherheitskonferenz stattfindenden Reihe "Sicherheit und Literatur" kam alles ganz anders. Denn der ins Literaturhaus eingeladene ruandische Außenminister Vincent Biruta sagte nur wenige Stunden vor der Veranstaltung ab. Der Georg-Büchner-Preisträgers Lukas Bärfuss, der mit ihm reden sollte, war angereist, trat aber nicht auf. Was das Publikum erst nach einer halben Stunde erfuhr. Dann hieß es, ein Gespräch werde es doch geben, aber nun mit General Joseph Nzabamwita, dem Geheimdienst-Chef von Ruanda, und dem deutschen Botschafter Ruandas, Igor Cesar. Die Folge im Saal: Enttäuschung, Verwirrung, leichte Aufregung. Ein älterer Besucher sprang auf, sagte, Herr Bärfuss sei doch im Hause, das sei so doch keine Diskussion mehr. Und verließ erbost den Saal.

Was war passiert? Warum Biruta abgesagt hatte, war bis zum Ende nicht klar. Es gab vom Programmleiter der Sicherheitskonferenz Julian Voje nur die beschwichtigende und abwiegelnde Antwort, dass plötzliche Änderungen für die Sicherheitskonferenz ganz normal seien. Dort hieße es ständig, umzudisponieren. Und Bärfuss? Der habe wegen der plötzlichen Änderung keine Möglichkeit mehr für eine Vorbereitung auf das Gespräch gesehen. Eine Lesart, die Literaturhaus-Leiterin Tanja Graf am Freitag auf telefonische Anfrage bestätigte. Man wolle keine "Worthülsen", sondern "in die Tiefe gehen", so Graf. Und bei einem durchaus heiklen Thema wie Ruanda möchte man natürlich gerne vorher wissen, wem man gegenübersitzt. Jedenfalls fühlte auch sie sich von dem Ganzen ziemlich überrollt. Das Gleiche gilt für den Tübinger Germanistik-Professor Jürgen Wertheimer, der die Reihe "Sicherheit und Literatur" seit drei Jahren mit betreut und der nach seiner Einleitung, in der er unter anderem auf die Aktualität der griechischen "Whistleblowerin" Kassandra hinwies, lakonisch meinte: Er fühle sich wie die Vorgruppe für ein schlechtes Konzert. Für ein völlig anderes, so nicht geplantes, hätte er wohl richtigerweise sagen müssen. Und für eines, in dem eine Begegnung zwischen Literatur und Politik nicht stattfinden konnte.

Stattdessen gehörte General Nzabamwita die Bühne. Er berichtet von der ruandischen Geschichte, vom Kolonialismus, dem Völkermord im Jahr 1994. Er sagte, es sei das Ziel, Opfer und Täter von damals zusammenzubringen. Dies sei aber "kein einfacher Weg". Um das zu schaffen, brauche es politischen Mut, ergänzte Botschafter Cesar als Antwort auf Zuschauerfragen. Dabei könne vielleicht die afrikanische Philosophie Ubuntu helfen, die den Mitmenschen als gleichwertiges Gegenüber sieht. Im Gegensatz zur westlichen "charity", die von einem Ungleichgewicht ausgehe.

Worüber sie nicht sprachen: Ruanda gilt zwar in mancher Hinsicht als Vorzeigeland in Afrika und verzeichnet wachsende Tourismuszahlen. Aber Menschenrechtsorganisationen beklagen, dass die politische Opposition verfolgt und die Meinungsfreiheit unterdrückt wird, Regimekritiker leben gefährlich. Eine Folge des Genozids war die Destabilisierung der gesamten Region. Die anschließenden Kriege im Kongo kosteten Millionen Menschen das Leben. Ebenfalls beteiligt: Die ruandische Armee.

Das zweite Gespräch zwischen Kim Thuy und Justin Trudeau lief besser, wie man hörte. Das dritte, zwischen dem Literaturhistoriker Stephen Greenblatt und dem lettischen Präsident Egils Levits, findet am Samstag um 18.30 Uhr statt (eine Anmeldung ist über die Webseite des Literaturhauses möglich).

© SZ vom 15.02.2020