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Dieter Hildebrandt im Interview:"Betrügerische journalistische Arbeit"

Kabarettist Dieter Hildebrandt spricht im Interview über seine NSDAP-Mitgliedschaft - von der er erst jetzt erfuhr: "Vielleicht war es meine Mutter."

Martin Zips

Die Sache klingt spektakulär: In der Zentralkartei der NSDAP wurden die Schriftsteller Siegfried Lenz und Martin Walser sowie der Kabarettist Dieter Hildebrandt als Parteimitglieder geführt. Das hat das Magazin Focus herausgefunden. Kabarettist Hildebrandt, 80, spricht von einer "liederlichen, betrügerischen journalistischen" Arbeit.

SZ: Herr Hildebrandt, wie bewerten Sie die Enthüllung?

Dieter Hildebrandt: Ich bewerte sie als Rufmord.

SZ: Aber warum? Die Journalisten haben doch nur etwas aus dem Archiv geholt, was von öffentlichem Interesse ist.

Hildebrandt: Tatsächlich? Erst habe ich mir gedacht, ich nehme einen Anwalt und verklage die wegen Ruf- und Berufschädigung. Aber so einen Prozess gewinnt ja keiner. Den würde wahrscheinlich niemand überhaupt annehmen. Und gegen wen sollte ich bitte klagen? Gegen den Chefredakteur Markwort? Den habe ich immer den Fakten-Kalfaktor genannt. Während meiner Bühnenjahre habe ich ihn nie gut behandelt.

SZ: In wenigen Jahren wird es weder Flakhelfer noch Nazi-Opfer der ersten Generation geben. Haben Sie Angst, dass dann theoretisch jeder schreiben kann, was er will?

Hildebrandt: Das wird ja jetzt schon gemacht. Und das Brutale ist: Irgend etwas bleibt immer hängen. Da können Sie als Betroffener noch so ausräumen und argumentieren. Es wird immer einen geben, der sagt: Mit dem war doch mal was. Aber da kann man nichts machen.

SZ: Nein?

Hildebrandt: Der Mantel der Geschichte wird einem um die Ohren geschlagen.

SZ: Irgendwann ist alles Legende?

Hildebrandt: Ja. Das ist der Lauf der Dinge. Sehen Sie mich an. Die Leute nennen mich eine noch lebende Legende.

"Betrügerische journalistische Arbeit"

SZ: Zum konkreten Fall. Sie sagen: "Ich war im Februar 1944 als Luftwaffenhelfer in Oberschlesien und habe nie einen Aufnahmeantrag gekriegt."

Hildebrandt: Richtig. Auch Martin Walser und Siegfried Lenz sagen, sie hätten nie einen Aufnahmeantrag unterschrieben. Es ist ja so: Wir 16-Jährigen steckten damals alle schon in Uniformen. Da kam das Dekret, dass der Jahrgang 1927 bereits ein Jahr früher in die Partei übernommen werden soll. Es kann natürlich sein, dass der Aufnahmeantrag zu mir nach Hause geschickt wurde und meine Mutter ihn unterschrieben hat. Ja, vielleicht war es meine Mutter.

SZ: Man könnte sich ja die Unterschrift auf dem Formular ansehen.

Hildebrandt: Würde ich gerne. Gibt es aber angeblich nicht mehr.

SZ: Martin Walser ließ sich die Unterlagen zuschicken, als er hörte, dass man in dieser Angelegenheit recherchiert.

Hildebrandt: Ich habe den Antrag beim Bundesarchiv ebenfalls gestellt. Dieser Antrag ist wohl noch nicht behandelt worden.

SZ: Dem jetzigen Papst wurde in der britischen Presse ebenfalls die Parteizugehörigkeit in der NSDAP unterstellt.

Hildebrandt: Es heißt, seine Karteikarte sei nicht mehr aufzutreiben. Ratzinger war in der gleichen Situation wie wir. Er war Luftwaffenhelfer und hätte auch in die Partei übernommen werden können.

SZ: Schildern Sie doch mal Ihre Situation im Jahr 1944.

Hildebrandt: Ich durfte seit Sommer 1943 nur noch zu Kurzurlauben nach Hause. Zwei Tage. Eigentlich musste ich als Luftwaffenhelfer in Berlin arbeiten, im Januar 1944 wurden wir nach Ostoberschlesien versetzt. Dort war ich Flakhelfer auf einem Flugplatz. In dieser Zeit spielte die Partei keine Rolle mehr. Es ging nur noch darum, dass man als junger Mensch um Gotteswillen nicht in die SS kommt. Wieso sollte ich ausgerechnet am 20. April 1944, an des Führers Geburtstag, noch in die NSDAP eintreten?

SZ: Und warum sollte Ihre Mutter einen solchen Antrag ausfüllen?

Hildebrandt: Mein Vater und meine Mutter waren Mitglieder der NSDAP. Und all den Historikern, die jetzt sagen, das hätte es in so einem durch und durch organisierten System nicht gegeben, dass die Unterschrift von Eltern ausgereicht hätte, denen sage ich: Schaut euch die Kartei vom Walser an! Da fehlen ja alle möglichen Angaben. So perfekt war das alles dann doch nicht.

SZ: Keine dunklen Flecken in Ihrer Jugend?

Hildebrandt: Ich wusste von dem Antrag gar nichts. Aber ich habe immer offengelegt, dass ich in der Hitlerjugend war. Und ich habe meine Militärzeit stets genau beschrieben.

SZ: Ist Ihr Fall mit dem Fall Grass vergleichbar?

Hildebrandt: Nicht ganz. In einem Wehrertüchtigungslager hatten wir SS-Ausbilder. Das waren die dümmsten Menschen, die mir je begegnet sind. Vor denen hatten wir wirklich Angst. Als die Werber, also die Offiziere der Waffen-SS, dann in die Oberschulen kamen und uns kriegen wollten, da hatten wir vorher einen Tipp bekommen: Es hieß, dass man der SS entkommt, wenn man sich vorher freiwillig für eine andere Waffengattung meldet. Also meldeten wir uns zur Heeresflak. Es mag sein, dass Grass diesen entscheidenden Trick nicht kannte.

SZ: Und beim jungen Hildebrandt gab es keine - wie auch immer geartete - Sympathie mit den Nazis?

Hildebrandt: Es gab den Willen, bei diesem Haufen dabei sein zu wollen. Irgendwann aber ging mir das Kommandieren, Exerzieren und Marschieren auf die Nerven. Deshalb bin ich mit 14 Jahren in die Spielschar abgedriftet. Dort konnte man Theater spielen. Und es gab ein Streichquartett. Das hat mir gefallen.

SZ: Die Zeit danach - Ihre große Zeit als Kabarettist - war das auch eine Form von Aufarbeitung des Erlebten?

Hildebrandt: Aber natürlich. Ich begrüßte eine Regierungsform, die ich bis dahin noch nie erlebt hatte: die Demokratie. Besonders, was die zuvor von den Nazis verfolgten Sozialdemokraten in der Regierung so machten, das hat mir außerordentlich imponiert.

SZ: Warum kommt die Karteikarte Hildebrandt gerade jetzt an die Öffentlichkeit?

Hildebrandt: Ich kann da nur mutmaßen. Meines Erachtens ist die Stimmung bei einigen Journalisten derzeit so: "Was melden sich ständig diese blöden ehemaligen Luftwaffenhelfer zu Wort?" Könnte sein, dass man hier versucht hat, uns mit einem Streich alle loszuwerden. Mit mir persönlich hat das, denke ich, nicht unbedingt etwas zu tun.

© SZ vom 3.7.2007
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