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"Diese Fremdheit in mir" von Orhan Pamuk:"Von der Schwierigkeit, ein Mädchen zu entführen"

Pamuk lässt ihn mit einem melodramatischen Auftakt par excellence beginnen. "Von der Schwierigkeit, ein Mädchen zu entführen" heißt das erste Kapitel: Auf einer Hochzeit hat sich "unser Held" in eine glutäugige Schönheit aus dem Nachbardorf verliebt, der er fortan schmachtende Briefe schreibt, die natürlich unbeantwortet bleiben.

Eines Nachts verschleppt er sie, mit tatkräftiger Hilfe seines Neffen, nach Istanbul, um noch vor Ankunft festzustellen, dass er versehentlich statt der schönen Samiha deren ältere Schwester Rayiha entführt hat. Macht nichts, sagt sich Mevlut, und auch die überrumpelte Rayiha findet sich schnell mit ihrem Schicksal ab.

Ein groß angelegter Stadthistorienroman

Mevlut, der Mann mit dem Lastjoch, ist ein gutmütiger Held, den so schnell nichts aus der Bahn wirft. Zum ersten Mal hat Pamuk einen Roman vollständig aus der Perspektive eines sogenannten einfachen Mannes geschrieben. Auch wenn Mevluts Abenteuer und Träume von verschiedenen Figuren erzählt und kommentiert werden, geht die Erzählung kaum je über seinen Gesichtskreis und seine Vorstellungswelt hinaus.

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Orhan Pamuk.

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Das führt, bei aller Buntheit der geschilderten Umstände, zu einer gewissen Eintönigkeit. Gemildert wird sie durch vielerlei Wissenswertes über Stadt, Land und Welt zwischen 1969 und 2012. Der groß angelegte Stadthistorienroman verlangt nach solchen Hinweisen und Kontexten, nur bleiben sie als allgemeine Sachverhalte den Figuren fremd.

Schrecklich gutmütig

Pamuk will erkennbar dem Leser mehr mitteilen, als es die Lebenswelt seiner Figuren glaubhaft vermitteln kann. "Eine Fremdheit in mir" - man meint bisweilen zu spüren, dass Pamuk mit seinen eigenen Figuren fremdelt. Alles soll so lebensnah wirken und könnte es vielleicht auch sein, wenn Pamuk seine Figuren wirklich von der Leine ließe. Das Problem ist nicht, dass Mevlut ein Simplex oder ein Schelm ist und deswegen die großen Zusammenhänge nicht durchschaut. Das Problem ist vielmehr, dass er so schrecklich gutmütig ist oder sein muss, eine Eigenschaft, die selten große Literatur nach sich zieht.

Vielleicht steht diese allzu offensichtliche Gutmütigkeit eines Helden, der ein bisschen religiös und ein bisschen säkular ist, der den überall lauernden Gefahren und Konflikten nach Kräften aus dem Weg geht, mit Pamuks pädagogischen Neigungen in Zusammenhang. Dies ist ein erstaunlich mildes, heiteres Buch geworden, erstaunlich deshalb, weil Pamuk auch anders kann und weil er auf 600 Seiten die Ursachen und Urheber der Zerstörung des alten Istanbul deutlich genug beim Namen nennt. Ist es vielleicht nicht nur vorsichtiger, sondern auch klüger und wirkungsvoller, wenn er sein Lebensthema diesmal auf eine Weise instrumentiert, die weder in ihrer Form noch in ihrer Botschaft mögliche Leser vor den Kopf stößt?

Weder Schelm noch Schurke

In diesem Roman jedenfalls präsentiert sich Pamuk als Aufklärer, der sein "J'accuse" in menschenfreundlicher Form unter die Leute bringt. Wer verstehen will, warum Istanbul heute nicht mehr die tolerante, multikulturelle, kosmopolitische Stadt ist, an die Pamuk sein Herz verloren hat, findet in diesem Roman Erklärungen genug. Lange Passagen, und vielleicht die besten, sind einem Thema gewidmet, mit dem sich Pamuk, der gelernte Architekt, auskennt wie ein Profi: dem illegalen Bauen. "Gecekondu" heißen solche provisorischen Bauten, Wohnkomplexe und -viertel, die jetzt die Hügel rings um die Stadt überziehen. Gebaut haben sie Leute wie Hadschi Hamit Vural.

Vielleicht ist er der heimliche Held des Romans, weder ein Schelm noch ein Schurke, aber einer, der in Mevluts Straßenhändlerwelt die Fäden zieht. Wie Mevlut und all die anderen ist er aus Anatolien nach Istanbul gekommen, aber anders als Mevlut hat er bald eine Moschee gestiftet und sich dann als Bauunternehmer etabliert. Hadschi Hamit Vural ist kein Fundamentalist oder Islamist, beides Wörter, die in Mevluts Welt kaum eine Rolle spielen, er ist ein Anführer der "Frommen", der "Religiösen", der sich mit Jobs, Wohnungen und anderen guten Werken die Gefolgschaft der Zuwanderer vom Lande verschafft. Illegales Bauen und religiöses Eiferertum sind zwei Seiten derselben Medaille, verkörpert in Figuren wie Hadschi Hamit Vural, der sich ins Istanbuler Establishment vorarbeitet, ohne je ein Bürger sein zu wollen.

Der ambulante Schriftsteller

Bei der Schilderung all dieser Machenschaften ist Pamuk spürbar in seinem Element, genauso wie in den Kapiteln, die Mevlut, nachdem er alle möglichen Jobs durchlaufen hat, als Stromableser zeigen. Was gibt es nicht alles an Möglichkeiten, den Stromableser zu täuschen? Und welche Einsichten ins Innerste der Stadt gewährt das Stromablesen dem wachsamen Ableser. In Mevluts ambulanten Tätigkeiten, dem Boza-Verkäufer oder dem Stromableser, hat Pamuk sich selbst, dem ambulanten Schriftsteller, ein Denkmal gesetzt.

Wie in Baudelaires Gedicht "Der Schwan" wird dem Wanderer alles, was er sieht, zur Allegorie, aber die Melancholie raubt ihm nichts von seiner Wachsamkeit. "Diese Fremdheit in mir" ist ein Buch geworden, das es seinen Lesern vordergründig zu leicht macht. Sein tatsächlicher Gehalt erschließt sich erst, wenn man die Handlung Handlung sein lässt und, wie der Stromableser, ein bisschen hinter die Fassaden schaut.

Orhan Pamuk: Diese Fremdheit in mir. Roman. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Carl Hanser Verlag, München 2016. 592 Seiten, 26 Euro. E-Book 19,99 Euro.

© SZ vom 30.01.2016/luc

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