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Die Zukunft des Wohnens:Zimmer zimmern

Wenn das Home-Office bleibt, müssen Räume neu gedacht werden.

Von Gerhard Matzig

"Drei Tage nicht duschen, Ravioli essen, gute Musik und immer leicht einen sitzen haben. Andere gehen dafür auf Festivals, ich mache Home-Office." Man muss nicht traurig sein, dass die Witze über das häusliche Arbeiten seltener werden. Noch vor Kurzem waren sie virulent. Eine baldige Inzidenz nahe null ist diesen Sprüchen zu wünschen. Wie dem Virus selbst.

Die Gründe für den Niedergang des Home-Office-Humors sind vielschichtig. Zum einen hat es sich herumgesprochen, dass viele Berufsgruppen, von den Fliesenlegern bis zu den Intensivärztinnen, von der Friseurin bis zum Bauleiter, gar nicht in den Genuss eines virensicheren Arbeitsplatzes kommen können; zum anderen - das legt eine aktuelle Studie nahe - wird das Home-Office auch abseits solcher gesellschaftlicher Schieflagen seinem Namen nicht gerecht. Arbeiten, eingeklemmt zwischen Bügelbrett und Kita-Ersatz im Wohnzimmer, entwickelt sich selten zum Festival.

Die Studie des Baufinanzierungsvermittlers Interhyp untersucht "Auswirkungen der Pandemie auf die Wohnsituation der Deutschen". Fast ein Drittel der Befragten verbringt demnach Zeit im Home-Office, allerdings verfügt die Hälfte davon über kein separates Arbeitszimmer. Das führt zu Turbulenzen zwischen der Privatheit des Wohnens und der öffentlichen Arbeitssphäre. Die Zunahme von Videokonferenzen spielt in diesem Zusammenhang eine nicht unerhebliche Rolle.

Nur 15 Prozent wollen zurück an den angestammten Arbeitsplatz

Einerseits sei der Job "omnipräsent" in Räumen, die zwischen dem privaten Wohnen und dem öffentlichen Arbeiten nicht unterscheiden; andererseits bekommen "durch Videokonferenzen Kollegen wie Führungskräfte einen Einblick in eine persönliche Welt", der nicht gewollt ist und Stress verursacht. Dennoch wollen nur 15 Prozent der Befragten zurück an den angestammten Arbeitsplatz. "Ein eigenes Arbeitszimmer wird deshalb bei der Immobiliensuche ein wichtiges Thema." Das Home-Office, das belegen auch andere Studien, wird nach der Krise bleiben. Doch sind die Wohnungen dafür nicht gerüstet.

Nun rächt sich, dass die Moderne das Wohnen und das Arbeiten getrennt hat. Bis ins 18. Jahrhundert war das "ganze Haus" bautypologisch prägend in einer Welt, die zwischen Arbeits- und Lebensräumen kaum unterschieden hat. Hausvater, Hausmutter, Kinder, Verwandte, Mägde, Knechte, Dienstboten, Lehrlinge, Tagelöhner: Sie alle wohnten unter einem Dach. Die Räume waren multifunktional. Die hochkommunikative Work-Life-Balance, wie sie jetzt wieder angesagt ist, war bereits erfunden.

Privatheit gab es aber kaum. Auch ohne die vormoderne Lebensweise zu romantisieren, muss man sagen: Derart ganzheitlich verstandene, generationenübergreifende und multifunktionale Räume sind wieder gefragt. Das Wohnzimmer, wie es erst später zur bürgerlichen Repräsentation ersonnen wurde, könnte sich als Sackgasse der Wohnevolution erweisen. In den Innenstädten, die nun stiller sind, wären statt Kettenläden auch Wohn- und Werkstätten denkbar. Wie früher. Die Wohnungen müssen wie selbstverständlich Arbeitsbereiche haben. Auch wie früher. Man muss das Leben nicht neu erfinden. Die Festivals aber vielleicht schon.

© SZ
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