bedeckt München 30°

Die Schule als Erzählmaschine:Läuse in der Förderklasse

Bitte mehr davon: J. L. Carrs menschliche Komödie aus der englischen Provinz.

Von Gustav Seibt

Wieder ein kleiner Roman von J. L. Carr! Es ist der vierte, der nun auf Deutsch erscheint, nachdem der 1994 verstorbene englische Autor erst 2016 seinen späten Auftritt hierzulande hatte, mit der bezaubernden Idylle "Ein Monat auf dem Land": Ein stotternder Kriegsheimkehrer des Ersten Weltkriegs wird geheilt durch die Arbeit an einem mittelalterlichen Fresko in einer Dorfkirche. Das danach übersetzte Buch berichtete von einer aus Außenseitern zusammengesetzten dörflichen Fußballmannschaft, die unvermutet einen Pokal holt, trainiert unter anderem von einem Lehrer ("Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten", 2017). Es folgte ein Kriminalfall in einer Kleinstadt, Gelegenheit für ein düsteres Sozialgemälde, verdichtet auf einen einzigen Tag, ein Bild aus der zweiten Nachkriegszeit: spannend, rührend ("Ein Tag im Sommer", 2018).

Das neue Buch, pünktlich im Jahresabstand, wiederum übersetzt von Monika Köpfer, erschien auf Englisch zuerst 1971. Es entfaltet ein halbes Jahr im Leben und Arbeiten eines Grundschuldirektors, auch diesmal in einer Kleinstadt. Damit widmet Carr sich unverstellt dem Beruf, den er selbst viele Jahre ausgeübt hat. Und wieder zeigt der nicht dicke Roman einen Kosmos - denn das ist eine Schule -, und zwar in zwei Ringen: Der innere Bezirk ist die Schule selbst mit Lehrerkollegium, Hausmeister, Beirat und aufsichtführender Schulverwaltung; der äußere Ring, das sind die Kinder mit ihren unterschiedlichen Begabungen, Eltern, sozialen Hintergründen, Wohngegenden, als Abbild der ländlichen Gesellschaft.

Die Zeit um 1970 muss auch in England ein Moment des Umbruchs zwischen überlieferten pädagogischen Routinen und neuen Experimenten gewesen sein - eine junge Kollegin, Cambridge-Absolventin, redet schon wie heutige Feministinnen. Der Held des Romans, George Harpole, ist noch jung, für ein halbes Jahr darf er den beurlaubten Rektor vertreten, und wie er das bei bestem Willen erst mit Unsicherheit und Ungeschick angeht, wie er in Konflikten stark wird, davon handelt die Geschichte. Carr hat sie formal ambitioniert aus Korrespondenzen und Vermerken der Beteiligten zusammengebaut, so sehr lustig die bürokratische Grundierung heutiger Schulbetriebe nachahmend. Denn natürlich muss selbst die Erneuerung von Lehrmitteln aufwendig beantragt und genehmigt werden.

Das Buch zeigt eine Typenkomödie, die sich bei englischen Lehrern offenbar bis heute großer Beliebtheit erfreut. Das Kollegium glänzt mit exzentrischen Charakteren, die vom insektenhaft erstarrten Schulfuchs über die frustrierte Lehrerin der Förderklasse bis zur hochfahrenden, akademisch auf neuesten Stand gebrachten Reformerin reichen. Der kleine bunte Haufen muss mit einem mäßig motivierten, selbstherrlichen, gewerkschaftlich organisierten Hausmeister (wir sind ein Jahrzehnt vor Margaret Thatcher) und einer alles abblockenden Aufsichtsbehörde kämpfen - an beiden Fronten wird gern mit lakonischen Zetteln gearbeitet, deren Inhalt immer "nein" ist.

Harpole, idealistisch und ängstlich zugleich, kommt irgendwie trotzdem voran - er löst die demütigende Förderklasse auf (Inklusion!), kümmert sich um Läusebefall (Stigma!), beschäftigt sich mit den zahlreichen übel riechenden Sprösslingen der von der Stütze lebenden Familie Widmerpool (Anspielung auf Hochliteratur, Anthony Powell!) und versetzt einem renitenten Vater einen herzhaften und sehr wirksamen Kinnhaken. Nachdem er die Avancen einer lüsternen Dame vom Gemeinderat abgewehrt hat, scheint er erledigt. Doch am Ende lieben ihn alle, obwohl seine Freundin ihn inzwischen für einen Kosmetikartikelvertreter verlassen hat.

Das hat Lokalfarbe, es lebt von einer präzisen Beobachtungsgabe, die sich hier auch auf die Idiolekte von Dorfbewohnern, Pädagogen und Bürokraten erstreckt. Natürlich hat der kleine große Roman inzwischen gehörig Patina angesetzt - das Schulwesen ist wandelbar überall, da gehen fünfzig Jahre nicht spurlos vorbei. Das mindert das Vergnügen nicht, das Carrs kleine menschliche Komödie auch in diesem Abschnitt zeigt - Komplettierung erwünscht.

J. L. Carr: Die Lehren des Schuldirektors George Harpole. Roman. Aus dem Englischen von Monika Köpfer. DuMont Verlag, Köln 2019. 287 S., 20 Euro.

© SZ vom 13.11.2019
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB