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Die Mentalität in der Krise:Mechanik der Angst

Das größte Problem der französischen Gesellschaft ist nicht der soziale Abstieg, sondern die Angst davor - verkündet ein Buch, das man auch hierzulande lesen sollte.

Wer ständig mit dem Schlimmsten rechnet, rüstet sich für den Fall, in dem es tatsächlich einmal eintreten könnte. Bloß ist der schlimmste Fall meist auch der unwahrscheinlichste: In Frankreich macht derzeit ein Buch von sich reden, das genau diesen Zusammenhang ins Zentrum einer luziden Gesellschaftsanalyse stellt, die man auch bei uns aufmerksam lesen sollte.

Es kann nicht jeder Präsidentensohn sein: Nicht nur in Frankreich hat die Mittelschicht Angst vor sozialem Abstieg.

(Foto: Foto: oH)

Éric Maurin, Soziologe von der Pariser "École des hautes études en sciences sociales", stellt in einem schlanken Essay (La peur du déclassement - une sociologie des récessions, Seuil) eine ganze Reihe von Allgemeinplätze zur Disposition und entwirft eine widerspruchsgeladene "Soziologie der Rezessionen".

Es geht um Abstiegsängste und die Krise einer Gesellschaft, die eine besondere Sensibilität für soziale Ränge pflegt, von Maurin mit dem Begriff der "Statusgesellschaft" markiert. Das ist natürlich zunächst auf Frankreich bezogen, liegt unseren neuerlich entbrannten Debatten über Bürgerstolz und Steuerstaat aber möglicherweise gar nicht so fern. Man fühlt sich bei Maurin zunächst an Pierre Bourdieu erinnert, der nachgewiesen hat, wie sehr sich in Frankreich, zum Beispiel im republikanischen Bildungswesen, die Residuen einer Ständegesellschaft erhalten haben.

Der Autor richtet sein Augenmerk aber nicht auf die Eliten, sondern auf die Mittelschicht. Diese ist, wie man auch hierzulande immer wieder liest, seit Jahren im Erodieren begriffen. Wie viel von dieser Erosion ist aber Angstszenario und wieviel schon die gelebte Realität?

Die beiden Kategorien sind wohl kaum zu trennen, denn sie betreffen eine Psychologie der Masse, in der Vorstellungen und Ängste mindestens genauso wirkmächtig sind wie empirisch verfügbar gemachte Fakten. In Frankreich wird die Bespiegelung der nationalen Psyche mit nahezu masochistischer Leidenschaft betrieben, zumal in der Wirtschaftskrise. Ob diese nun ökonometrisch gesehen wieder abklingt oder nicht - Krise ist solange, wie man von ihr spricht, und da gibt es vorerst keine Entwarnung.

Der Generalbass von regelmäßig erscheinenden soziologischen Abhandlungen und Befindlichkeitsessays schwingt in getragenen Tönen. Die nach 1960 Geborenen erreichen den sozialen Status ihrer Eltern nicht mehr, heißt es zum Beispiel in "Le déclassement" (Grasset), einer Studie der Soziologin Camille Peugny, die im Februar das Schlagwort zur Rezession lieferte. Uni-Abschlüsse seien nichts mehr wert, der soziale Aufzug defekt, die Gesamtgesellschaft von Deklassierung bedroht. Mit nirgendwo sonst gekannter Radikalität stemmten sich einzelne Arbeitergruppen gegen Entlassungen und Umstrukturierungen in diesem Krisenjahr, das mit der Selbstmordserie bei France Télécom seinen bisherigen Tiefpunkt erreichte.

Angst regiert über Stolz

Diesem düsteren Nationalporträt, an dem auch ein sehr französischer Hang zum Deklinismus seinen Anteil haben dürfte, stellt Maurin eine verblüffende These entgegen: Das größte Problem der französischen Gesellschaft sei kein zu erwartender oder bereits eingetretener, massenhafter sozialer Abstieg, sondern die generalisierte Angst vor genau diesem Abstieg. Mit dem Schlimmsten rechnen und das Schlimmste tatsächlich erleiden ist nicht ein- und dasselbe. Ganz im Gegenteil, erklärt Maurin: Gerade diejenigen, die am effektivsten vor sozialem Abstieg geschützt sich, leiden an den größten Ängsten. Und diese noch immer recht breite Mitte der Gesellschaft löst politische Reflexe aus, die ihre Ängste paradoxerweise noch verschärfen.

Das Argument ist denkbar einfach und klingt aus der Feder eines als links geltenden Intellektuellen verdächtig nach Fahnenflucht: Frankreich schützt seine Arbeitnehmer wie kein anderes Land und verschafft ihnen damit einen Status, der so sicher ist, dass sein Verlust einer Katastrophe gleichkommt.

Denn "wegen der geringeren Wahrscheinlichkeit, wieder einen gesicherten Arbeitsplatz zu finden, ist das zu Verlierende viel wertvoller als anderswo. Je höher die Schutzmauern um einen Status, desto tödlicher der Absturz - ganz egal wie unwahrscheinlich er ist." Leidtragende sind vor allem Berufseinsteiger, Geringqualifizierte und Arbeitslose, für die die Barriere zu einer privilegierten Festanstellung immer schwerer zu überspringen ist. Lesen Sie weiter auf Seite 2 über sozialen Stolz und erniedrigte Leistungsträger.

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