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Die Kunst der Hautfarbe:Weiß einer weiter?

Jared Theis
Alle Arbeiten aus der Serie Cuties for Space Invaders, Installationsansicht "Wet Dreams", Kunsthall Stavanger, Norwegen

Was wird aus den Kuschelbedürfnissen im All? Jared Theis: „Wet Dreams“ aus der Serie „Cuties for Space Invaders“.

(Foto: Maya Økland, Kunsthall Stavanger, Norwegen)

Noch bevor sie eröffnet wurde, ist die Ausstellung "Milchstraßenverkehrsordnung (space is the place)" im Künstlerhaus Bethanien ins Gerede geraten.

Am 24. April 1967 verbrannte beim Aufprall einer Landekapsel im Gebiet Orenburg der sowjetische Kosmonaut Wladimir Michailowitsch Komarow. Er war der erste Mensch, der auf einer Weltraummission starb. Der Künstler Via Lewandowsky hat Ende der Neunzigerjahre einen Komarow-Gedächtnisraum im Stil sozialistischer Traditionskabinette eingerichtet. In der neuen Ausstellung des Berliner Künstlerhauses Bethanien ist diese Installation "Last Call (Komarow-Gedächtnisraum)" wieder zu sehen.

In Vitrinen liegen von Feuer verheerte Alltagsgegenstände wie eine Bleistiftspitzmaschine oder eine elektrische Zahnbürste. Ein großer Brandfleck ziert eine Rheumaweste, auch den Stützstrümpfen hat die Hitze zugesetzt. Aus dem Lautsprecher sind Geräusche und Sprachfetzen zu hören. An der Wand des mit blauem Licht abgedunkelten Raums steht in Handschrift ein Dialog von existenzieller Kürze: "Ingenieur: ,Weiß einer weiter?' - Komarow: ,Zierrat ist Unrat.' - Ingenieur: ,Du Idiot.'" In diesem Raum zu stehen, von Licht und Sound attackiert, über Hygieneartikel und Hilfsmittel gebeugt, ist ein starker sinnlicher Eindruck. Er provoziert die Frage, ob die Raumfahrteuphorie nicht in erster Linie ein Stützstrumpf des Fortschrittsglaubens ist. Sie mag angekokelt sein, liefert aber noch immer faszinierende Bilder von Aufbruch, Erlösung und dem Zurückgeworfensein aufs Ich.

Sarkastisch ziehen Aktivisten den Hut vor so viel Engagement für weiße Männlichkeit

Um all das geht es in der Ausstellung, deren Titel ein Wort des polnischen Schriftstellers Stanisław Lem mit einem Album-Titel des Jazz-Avantgarde-Genies Sun Ra kombiniert: "Milchstraßenverkehrsordnung (space is the place)". Die Ausstellung ist ins Gerede gekommen, bevor sie am Donnerstag eröffnet wurde. Ein offener Brief des Kollektivs "Soap du jour" warf dem Künstlerhaus Bethanien und seinem künstlerischen Leiter Christoph Tannert vor, überwiegend männliche weiße Künstler zu zeigen, obwohl man doch afrofuturistische Ideen vereinnahmend aufgreife. Sarkastisch ziehen die anonymen Aktivisten den Hut vor so viel unerschütterlichem Engagement für die weiße Männlichkeit ( news.artnet.com/art-world/soap-du-jour-kunstlerhaus-bethanien-1612108).

Der offene Brief reagierte nicht auf die Ausstellung, die noch gar nicht zu sehen war, sondern auf einen Ankündigungstext und die Künstlerliste, auf der in der Tat 18 weiße Männer, drei weiße Frauen und ein nicht-weißer Künstler aus Singapur stehen. Christoph Tannert, der die "Milchstraßenverkehrsordnung" kuratiert hat, erhielt ihn am vergangenen Sonntag. Bald kursierte, völlig losgelöst von den Tatsachen, das Gerücht, es handle sich um eine Ausstellung über Afrofuturismus. Das ist aber nicht der Fall. Er bediene sich dessen nicht, sagt Christoph Tannert. Gezeigt werden lediglich zwei Sun-Ra-Plattencover, im Katalog findet sich ein Aufsatz über die "Suche nach Freiheit" und "Sun Ras Flucht vor Herman Blount".

Grundsätzlich verstehe er die Kritik, dass zu viele weiße Männer beteiligt seien. Es handle sich jedoch um ein thematisches Projekt zu Weltraumutopien und dem Universum in uns. Tannert vermutet, das Nebeneinander der zwei Namen Elon Musk und Sun Ra habe die wütenden Reaktionen provoziert. Per Mail hat er die Aktivisten nach konkreten Forderungen gefragt und zum Gespräch eingeladen. Auch wollte er gern wissen, wer seine Kritiker sind. Als Antwort erhielt er weitere sarkastische Attacken. Der offene Brief wird in der Ausstellung ausgehängt. Christoph Tannert ist ein großer Kenner der alternativen, subversiven Kunstszene in der späten DDR. Er hat auch diesmal eine programmatisch subjektive Werk-Auswahl getroffen. In der Ausstellung begegnen einander David Bowies Ziggy Stardust, der den Menschen nie Gehörtes bringen sollte, wobei dann auch Geschlechterordnungen durcheinander geraten, und die Kosmonauten-Euphorie des Ostblocks.

"Kosmos" heißt der riesige Papierschnitt Annette Schröders aus dem Jahr 2018. Zwei Heldendenkmalfiguren, die sowjetischen Filmen der Vierziger oder Fünfziger entstiegen schienen, halten je einen Sputnik in die Höhe. Es geht aufwärts, es geht empor, und doch wirken die beiden, als seien sie an ihre Postamente gekettet, erstarrt in der Aufbruchsgeste. Der Papierschnitt, fast drei mal drei Meter groß, ironisiert das Monumentale und rettet, was an ihm faszinieren mag, ins Dekorative.

Jenseits der Erdenschwere, im All, kann man von ganz anderen Verhältnissen träumen und ist doch sehr bei sich. Mehr noch als hier unten ist das Leben auf technischen Beistand angewiesen. Die Schwerelosigkeit, heißt es, bringe Erektionsprobleme mit sich. Der amerikanische Künstler Jared Theis hat sich des Problems und der Kuschelbedürfnisse der Astronauten angenommen. Aus Keramik, Stoff, Metall und Draht formt er "Cuties for Space Invaders". Sie sehen bunt und ziemlich folkloristisch aus und lassen die konkreten Formen kosmischer Erotik nur erahnen.

Klänge spielen eine große Rolle, etwa im Fall der kabelreichen Installation "Electroacoustic Spaceways" von Andreas Ammer, Andreas Gerth und Martin Gretschmann, eines Versuchs in Autopoiesis. Momentaufnahmen von einem Kellerrave, Rüdersdorf, nicht weit von Berlin, 30. Oktober 1993, präsentiert Sebastian Szary. Die Ausstellung wirkt nirgends repräsentativ, auf Vollständigkeit erpicht, sie gleicht einem Essay, ist spielerisch, experimentell, zeigt eine Vorliebe für Ironie und Dystopien, scheint offen für Ergänzungen. Die Kritik an der Werkauswahl trifft nicht eine besonders mächtige Institution, sondern einen Ort des alternativen Kunstlebens, an dem man auf Diversität meist besonders achtet. Soll es nicht bei einem diskursiven Auffahrunfall bleiben, müssen Gespräche folgen. Man wird sehen, ob eine oder einer der Kritiker von "Soap du jour" zur öffentlichen Diskussion im September kommt.

Milchstraßenverkehrsordnung (space is the place). Künstlerhaus Bethanien, Berlin. Bis 15. September. www.bethanien.de