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Ausstellung "Unsubscribe":Treffsichere deutsche Lösung

Während er in Duisburg verhindert wurde, lud man ihn nach Stommeln ein. Die historische Synagoge wurde in der Vergangenheit schon von Größen wie Lawrence Weiner, Sol LeWitt, Rosemarie Trockel und Daniel Buren bespielt. Der kleine Bau ist eines der wenigen jüdischen Gotteshäuser, die den Nazi-Terror unbeschadet überstanden haben - weil er bereits 1938 aufgegeben und von einem Bauern als Stall genutzt wurde. Gregor Schneider verkleidete den Backsteinbau mit der Fassade eines Einfamilienhauses. Sogar eine Adresse hat er der versteckt hinter der Straßenfront liegenden Synagoge verpasst. Und weil es auch hier um Sichtbarkeit und Verschwinden geht, liegt die Stommelner "Hauptstraße 85a" in unmittelbarer, gedanklicher Nachbarschaft zum "Geburtshaus".

Keiner der weltberühmten Künstler, die vor ihm dort arbeiteten, hat eine so treffsichere, eine so deutsche Lösung finden können: Umbau und Ausbau, Dämmplatten und gelbe Fassadenfarbe. Was sicher damit zu tun hat, dass Gregor Schneider, der als Professor in München an der Akademie unterrichtet, weiterhin an Rheydt festhält, sich lieber arbeitend dort ausbreitet, als in Berlin, London, Tokio oder New York zu produzieren.

Rheydt muss man sich wohl so durchlöchert, umgenutzt und verbaut wie "Haus ur" vorstellen. Gregor Schneider unterhält hier Lager, Abraumhalden, Hallen, Ateliers. Sein Büro hat er in einem ehemaligen Bordell im Bahnhofsviertel untergebracht. Er kauft Häuser, Ruinen, solche, die dem Bergbau im Weg standen, er braucht Platz. So fand er auch die Verkaufsanzeige Odenkirchener Straße 202. Seitdem der Ankauf perfekt ist, verbindet den Propagandaminister und den Künstler nicht nur der Geburtsort, sondern auch eine gemeinsame Adresse - erstaunlich war für Schneider, dass offensichtlich alle Bescheid wussten im kleinen Rheydt, außer ihm.

Gregor Schneider musste den Besitz nun aushalten, sich dieses grün gestrichene, zweistöckige, schmucklose Gebäude aus der Gründerzeit aneignen, das noch einiges an Überraschungen enthielt. Weil es komplett möbliert von der Familie Schmitz verlassen wurde, bei der die Familie Goebbels sich einst eingemietet hatte. Und da fand sich, was sich bis heute auf so vielen deutschen Dachböden findet oder unter Treppen: Lesestoff zur "Rassenkunde", Anleitung zur "Selbstmassage" und Gymnastik, im Werkzeugkasten habe ein Kraniometer gelegen, ein Gerät zur Schädelvermessung, im Keller fade befüllte Weckgläser für Notzeiten.

Nazi-Schutt in der Stadt

Jeder, der in der Nachkriegszeit aufgewachsen ist, kennt solchen Ramsch, er wurde ja oft nicht einmal versteckt. Ein Video dokumentiert in der Warschauer Ausstellung einen Rundgang durch das Goebbels-Haus mit den niedrigen Decken, den laminierten Möbeln, dem fahlen Linoleum. Wem spürt Schneider hier nach - der exemplarischen Familie Schmitz? Der Aura des Unortes? Oder dem kleinen Joseph, der sich auf der Treppe ans Geländer krallt?

Einige der industriell gedrechselten Holzpfosten staken aus dem Geröll auf der Ladefläche des Trucks, der vor dem Portikus der Nationalgalerie Zachęta parkt. Von einem Alu-Gerüst aus kann man hineinschauen. Die Warschauer Vernissage-Gäste reagieren vorbehaltlos darauf, dass ihnen Nazi-Schutt in eine Stadt geliefert wurde, die nach Kriegsende in so feine Trümmer zermahlen war, wie das, was hier ausgebreitet wird. Die Kultusministerin eröffnet dann die Ausstellung, umarmt den "geliebten Künstler" in ihrer Rede zumindest rhetorisch.

Doch ein Exponat wie Gregor Schneiders "Geburtshaus" zieht auch andere Kommentare an, schon am Tag nach der Vernissage: "Herr Dr. Goebbels ist durch eine hiesige Kreatur, welche sich Künstler schimpft, welcher zusammen mit den Mördern der ungesühnten polnischen Morde an deutschen Zivilisten eine billige Selbstdarstellung produziert, nicht zu erniedrigen!", heißt es in einer E-Mail an den Künstler. Die Kuratorin Anda Rottenberg wird auf den Internet-Seiten der polnischen Presse beschimpft, wo von "jüdischen Fanatikern" die Rede ist, von "linken Irren".

Doch Rottenberg ist keine Provokateurin, wie auch Gregor Schneider nicht einfach ein Vandale ist. Die zeitgenössische Kunst ist einfach so weit: Sie hat die White Cubes verlassen und sich auf Biennalen und Großausstellungen Orte erschlossen und auf ihre Bedeutung untersucht. Arbeitet mit authentischem Material, mit Fundstücken, Fotografien, privaten Filmen und ethnologischen Sammlungen, Archiven.

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