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Die Geschichte eines gefälschten Bildes:Vernichtendes Urteil

So hatte Ronte bald nach dem Kauf im Februar 1997 an den Eigentümer geschrieben: "Ich erlaube mir die Anfrage, ob Ihr Bild von Josef Albers jetzt als Dauerleihgabe den Weg in das Kunstmuseum Bonn finden kann. Der Sammlungskomplex zum Thema Farbe baut sich immer weiter aus, doch Meister Albers fehlt noch." Das Gemälde hing dann von 1997 bis 2001 in Bonn. Als der Sammler in ein größeres Haus bei München umzog, erhielt er es zurück, in seiner auf Farbfeldmalerei ausgerichteten Kollektion war es von zentraler Bedeutung.

Offensichtlich hatte Wolfgang Händel mit seiner Entscheidung, Mitte der neunziger Jahre in ein Werk von Albers zu investieren, nicht schlecht gelegen - die Preise stiegen mit jedem Kunstboom. Albers' qualitätvolles Werk wurde vom internationalen Markt neu entdeckt, der sich an der Figuration sattgesehen hatte, auch Kunst und Design aus dem Bauhaus und vor allem die amerikanische Farbmalerei der Nachkriegszeit stiegen im Wert.

Für den Sammler war Kunst stets auch eine "Altersversicherung", als das Gemälde auf einen Schätzwert von einer Million Dollar zusteuerte, "da hielt ich es nicht mehr für verantwortlich, es einfach an der Wohnzimmerwand zu belassen". Außerdem wollte er seine erwachsenen Kinder bei der Familiengründung unterstützen. Wolfgang Händel ist das, was man einen mittelständischen Sammler nennt, er ist kein Spekulant, verachtet es aber nicht, wenn sich die Leidenschaft schlussendlich auszahlt.

Viele solche Geschichten enden an diesem Punkt. Galeristen können sich irren, auch Kunsthistoriker sind nicht unfehlbar, manche Fälschung hängt über Generationen an der Wand. Doch der Fall "Spring-Tide" war mehr als ein Versehen, Ahnungslosigkeit oder Unachtsamkeit. Sowohl das Museum als auch die Galeristin, Karin Fesel, wussten, dass "Spring Tide" eine Fälschung ist - lange bevor Wolfgang Händel erfuhr, dass er betrogen wurde.

Denn Nicholas Fox Weber, der Leiter der amerikanischen "Josef and Anni Albers Foundation", Hüter über das Werkverzeichnis, hatte das Kunstmuseum in Bonn schon Jahre zuvor besucht und zwei Albers-Gemälde inspiziert. "Ich bedaure, Ihnen mitteilen zu müssen, dass keins von beiden ein authentisches Gemälde von Josef Albers ist", schrieb er am 29. Juni 1999 an Dieter Ronte.

Von der Wand genommen

Und die Museumsleitung reagierte prompt - aber nicht, indem man die Besitzer informierte. Das beanstandete Bild wurde von der Wand genommen, während Ronte detailliert nachhakte. Die "Albers Foundation" konnte darauf hinweisen, dass es sich bei "Spring Tide" und "Glimmering", beide stammten aus der Galerie Fesel und waren im Museum verwahrt worden, um Werke handelt, die aus einer bekannten Quelle für Fälschungen stammen: einer Galerie in Bozen, wo sie in den Siebzigern erstmals auftauchten.

Ronte recherchierte im Alleingang, die Inhaber erfuhren zudem auch nicht, dass er ihre Gemälde an die ehemalige Verkäuferin, Karin Fesel, übergab, die sie Ende 1999 im Doerner Institut in München untersuchen ließ. Das Urteil war vernichtend. Die Untersuchung der Farben und des Bildgrunds ergeben zweifelsfrei, dass es sich um Fälschungen handelt. Und es sind nicht aufwendige chemische oder physikalische Analysen, die diese Annahme bestätigen. "Ein entschiedener Punkt für die Authentizität der Gemälde stellt die Maltechnik von Albers dar", schreiben die Gutachter am 14. Oktober 2000 an Karin Fesel. Sie haben auf den ersten Blick Pinselspuren entdeckt: "Die Gemälde (wurden) in lasierenden Farben mit dem Pinsel auf die raue, offensichtlich ungeschliffene Grundierung zum Teil streifig aufgetragen. Dies widerspricht vollständig den Intentionen des Künstlers und seiner Maltechnik. Man muss sogar feststellen, dass auf die künstliche Alterung der Rückseiten mehr Sorgfalt verwendet wurde als auf die höchst unsensibel aufgetragene Malerei."

Doch auch davon wird der Sammler nicht informiert. Kommentarlos gibt man ihm sein Bild - über die Galerie Fesel - Jahre später zurück, weder die Galeristin noch die Museumsleitung setzen ihn in Kenntnis.

Kann man darin erste Anhaltspunkte dafür sehen, dass Museum und Galerie andere Pläne verfolgten, als nur die Fälscher oder Hehler nicht aufzuschrecken? Was nicht in den Akten steht: Karin Fesel und Dieter Ronte verband lange eine Beziehung, sie traten öffentlich sogar als Paar auf.