"Dictator" von Robert Harris Cicero, der quirligste aller Wanderer

Mit "Dictator" ist seine Politik-Trilogie vollendet: Im letzten Teil erzählt Robert Harris von den letzten Lebensjahren des römischen Staatsmannes Cicero.

Von Bernd Graff

Kann man Menschen, die vor über 2000 Jahren lebten, überhaupt verstehen, auch wenn ausreichend Zeugnisse aus ihrer Welt überliefert sind?

Wenn Menschen nicht nur das Produkt ihrer Gene, sondern auch das ihrer Sozialisation sind, dann wird man nur schwer Empathie und Verständnis für sie aufbringen können, wenn man ihre Gesellschaften und sozialen Netzwerke, ihre Umgangsformen und umgangsförmlichen Verbindlichkeiten, das also, was ihren Alltag regelte und was ihnen selbstverständlich war, nicht kennt. Reagierten sie wie wir auf die Zumutungen, die das Leben für sie bereit hielt? Oder anders: Warum sollte uns die Mentalität von Menschen, die vor 2000 Jahren in Europa lebten, näher sein als die der autochthonen Völker, die heute auf einem fernen Kontinent leben - auch wenn wir ihre Sprache und die Dokumente, die sie uns hinterlassen haben, dem Wortsinn nach verstehen?

Leseprobe

Einen Auszug des Romans stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Man kann diese Fragen für unbeantwortbar halten. Dann muss man verstummen. Man kann aber, wenn man Menschen prinzipiell für verstehbar hält, auch den Tigersprung wagen und schauen, wie weit man kommt. Im Fall von Robert Harris: sehr, sehr weit!

Der britische Journalist und (inzwischen) Erfolgsschriftsteller hat gerade seine Cicero-Trilogie abgeschlossen, die ihn zwölf Jahre lang beschäftigte. "Wir sind zusammen alt geworden", schreibt Harris. "Dictator" ist dieser letzte Teil - nach "Imperium" und "Titan" - betitelt. Harris leitet ihn beherzt mit einem Zitat von Gustave Flaubert ein, um die mentale Differenz zwischen einst und heute zugleich zu belegen und zu überwinden:

"Gerade, als die Götter schon nicht mehr da waren und Christus noch nicht gekommen, gab es diesen einzigartigen Augenblick in der Geschichte, von Cicero bis Mark Aurel, da stand der Mensch allein. Nirgends sonst finde ich diese besondere Majestät."

Cicero also ist für Harris ein Mann der transzendentalen Obdachlosigkeit, ein Mann der Tat gleichwohl, der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Und hier sieht Harris auch den plausiblen Zugang für einen Brückenschlag: Die Zeit, in der Cicero so selbstbewusst (und -verloren) wirkte, ähnelt unserer Zeit.