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Deutsches Theater Berlin:Draußen gibt's nur Kännchen

Sophie Rois fährt gegen die Wand im Deutschen Theater

„Ja Ja Ja Ja Ja, Nee Nee Nee Nee Nee“ - Sophie Rois hält Ausschau nach einem vielleicht tieferen Sinn des Eingeschlossenseins.

(Foto: Arno Declair)

Nur so ein Stück mit Alpenblick und Erdbeertorte: Die unvergleichliche Sophie Rois fährt im Deutschen Theater Berlin mit einer neuen Romanadaption leider gegen die Wand.

Von Anna Fastabend

Vermutlich könnte man Sophie Rois in jeder Inszenierung besetzen, ihre Anhänger kämen in Scharen. Sogar Heike Makatsch und Trystan Pütter sind nun bei der Premiere unter der Gästeschar, die sich von ihr den Kopf verdrehen lässt und sie mit viel Applaus feiert. Und natürlich ist Rois wieder urcool und hinreißend, aber trotzdem fühlt man sich nach den 80 Minuten, die das Stück in Berlin dauert, ziemlich unbefriedigt.

Denn bis auf Rois' Bühnenpräsenz stimmt wenig an diesem dritten Soloabend im Deutschen Theater, den die Schauspielerin zusammen mit dem Regisseur Clemens Schönborn entwickelt hat. Das geht schon los mit dem sperrigen Titel: "Sophie Rois fährt gegen die Wand im Deutschen Theater". Vermutlich hat man sich da in eine Doppeldeutigkeit verliebt, die aus dem Titel der Romanvorlage "Die Wand" und der "Vierten Wand" des Theaters resultiert. Leider findet aber keine Auseinandersetzung mit dieser reizvollen Wechselwirkung statt. Auf der Bühne des Großen Saals bleibt die undurchdringbare, durchsichtige Wand, die im Roman eine essenzielle Rolle spielt, reine Behauptung.

Jedenfalls hätte man mit der Ausgangslage mehr anstellen können, die die österreichische Schriftstellerin Marlen Haushofer in ihrem 1963 veröffentlichten Buch plastisch schildert und die Martina Gedeck als Hauptfigur der Verfilmung von 2012 erschütternd glaubwürdig verkörpert.

In der Erzählung wacht eine vierzigjährige Frau eines Morgens in einer Berghütte auf und muss erkennen, dass sie wie durch Panzerglas von der Außenwelt abgeschnitten ist. Was verändert das in einem? Wie überlebt man, wenn man vollkommen auf sich allein gestellt ist? Doch um diese Fragen diskutieren zu können, müsste die Bedrohungssituation in der Inszenierung etabliert werden, doch darauf hatte anscheinend niemand Lust.

So kommt es, dass Sophie Rois diesen Abend, erst mit hochhakigen Schuhen, später mit Wanderstiefeln, auf einer halben Pobacke absitzt. Am Anfang gefällt es noch, wie sie auf der nahezu leeren Bühne die perfekte Märchentante mimt, die die Ich-Geschichte erst vorliest, dann Richtung Publikum vorträgt. Man hört ihrer rauchig-kratzigen Stimme gerne zu, auch weil Rois ein Gespür für dramatische Pausen und Betonungen hat. Als sie zum Schluss eine eigene Version von Bob Dylans "Like A Rolling Stone" singt, hängt man ergeben an ihren Lippen.

Aber was will dieses Stück? Offenbar nicht viel, so macht es zumindest den Eindruck. Klar, ist es spaßig, Rois dabei zuzusehen, wie sie lässiger als das lässigste Cowgirl durch die Gegend ballert oder auf einem Campingstuhl sitzend Joseph Beuys' Performance "Ja Ja Ja Ja Ja, Nee Nee Nee Nee Nee" rezitiert. Auch das gigantische Stück Erdbeertorte, das irgendwann herabschwebt und für Rois mal Bergmassiv, mal Jagdhütte ist, findet man kurz verlockend. Doch dann hat sich die Faszination an dem kindlichen Umwidmungsspiel erschöpft und es folgt pure Langeweile.

Dabei verlangt ja keiner, dass dieser Abend so düster und klaustrophobisch wie das Buch sein soll. Man kann sich so einer Katastrophenfantasie schließlich auch mal mit viel Humor nähern. Aber wenn man sich dafür entscheidet, muss man die Absurdität des Eingeschlossenseins auch auf die Spitze treiben oder zumindest konsequent durchhalten. Dafür klebt die Inszenierung jedoch zu sehr an der Ernsthaftigkeit des Originals. Sie will alles sein, ironischer Kommentar, existenzielle Nabelschau und Prepper-Workshop in einem. Das Resultat ist ein unausgegorenes Zwischending, das einen ratlos in die Welt der echten Katastrophen entlässt.

© SZ vom 03.02.2020

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