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Deutscher Alltag:Sei nicht so peinlich

Neulich bei einem Konzert: Die Mutter wird von der Musik mitgerissen, tanzt sichtbar glücklich. Ihr Sohn ist sichtbar unglücklich. So ist das mit den Teenagern: Wehe, man tut unter anderen Leuten so, als sei man selbst noch jung oder gar witzig.

Kurt Kister

Ein Konzert vor dem Rathaus, Spätfrühlingsabend, angenehm warm. Auf der Bühne junge Männer, die sehr hübsche Musik machen, was man aber jetzt nicht näher ausführen möchte, weil sonst wieder zwei Dutzend Musikexperten Mails, Kommentare und Briefe schreiben, dass und warum man keine Ahnung von Musik hat.

Lunapark im Spreepark

Obacht: Zu ausgelassenes Tanzen kann Kinder verschrecken - zumindest die eigenen.

(Foto: dapd)

Im Publikum Menschen fast jeden Alters, unter ihnen eine Familie mit zwei Kindern. Der Vater ist ausweislich seines Dialekts Hesse, sieht aber zu seinem Glück nicht so aus. Die Mutter, Ende 30, wenn man freundlich ist, trägt ein breites Stirnband und ist jünger angezogen, als sie es sein sollte. Die Tochter ist ungefähr sechs und niedlich; der Sohn ungefähr elf, möchte aber eindeutig schon gerne 13 sein.

Die Mutter wird von der Musik, nun ja, mitgerissen, sie schwenkt die Hüften und rudert mit den Armen. Sie ist sichtbar glücklich. Ihr Sohn ist sichtbar unglücklich. Er steht mit verschränkten Armen neben der moderat zuckenden Mutter. In seinem Gesicht ist zu lesen: "Mama, lass das. Mama, du bist peinlich." Mama wiederum ist das entweder egal. Oder sie merkt nicht, was wahrscheinlicher ist, wie peinlich es ihrem Sohn ist, dass sie sich genauso benimmt wie die ungefähr 17-Jährige, die ein paar Schritte weiter auch tanzt.

So ist das mit den Teenagern. Zwar mögen sie, wenn alles gut geht, elterliche Nähe in nicht zu öffentlicher Umgebung immer noch gern. Aber wehe, man tut unter anderen Leuten so, als sei man selbst noch jung oder gar witzig.

Lautes Muhen in der Tiefgarage beschert dem Vater Schläge auf den Rücken. Macht er im Foyer der Sparkasse auch nur sehr verhaltene Anstalten, zu krähen oder zu gackern, weist der Sohn ihn mit einem scharfen: "PAPPA!" zurecht und zischt anschließend: "Sei nicht wieder peinlich". Mit sieben oder acht Jahren fand er es wahnsinnig komisch, wenn der Vater mal öffentlich muhte. Fünf Jahre später wäre der Sohn auch bereit, den Vater bei wiederholtem Muhen an die Türken zu verkaufen, nein: zu verschenken, hielten die denn noch christliche Galeerensklaven.

Nun sind die Dinge heute ohnehin mehr im Fluss als früher. Die Vorstellung, 1973 wären die Eltern mit zu Emerson, Lake and Palmer gegangen, ist höchst sonderbar. Heute dagegen sind EL&P im Rentenalter, was sie aber nicht daran hinderte, 2010 noch einmal aufzutreten. Bei Gruftie-Revivals dieser Art ist nichts peinlich, weil so gut wie alle Anwesenden es nur peinlich fänden, wenn zu viele Junge im Publikum wären.

Dem 13-Jährigen, der bei Lucky Man nicht mit geschlossenen Augen und gespitztem Mund "Uuuuuuuuh, what a lucky man you are" sänge, müsste man sagen: Sei nicht so peinlich cool.

© SZ vom 04.06.2011/rus
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