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Deutsche Welle: China-Berichterstattung:Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit

Den Ausgangspunkt der Debatte hat Wickert, dem unter anderem Rückübersetzungen der angegriffenen Beiträge vorlagen, in seiner "journalistischen Beurteilung der Kritik am chinesischen Programm der Deutschen Welle" untersucht: Am 4. August 2008 hatte Zhang Danhong anlässlich einer Debatte über Menschenrechte im Deutschlandfunk gesagt: "Es ist China gelungen, in den letzten dreißig Jahren 400 Millionen Menschen aus absoluter Armut zu befreien. Damit hat die KP-China mehr als jede andere politische Kraft auf der Welt zu Artikel 3 der Menschenrechte beigetragen".

Darf man so was sagen? Artikel 3 der Allgemeinen Menschenrechtserklärung lautet: "Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person".

Entbindung von der Arbeit am Mikrofon

Bettermann hatte in der aufgeregten Debatte in einem Interview dazu erklärt: "Es ist nicht in Ordnung gewesen, wie sie es formuliert hat. Daraufhin habe ich gesagt, dass sie bis zur Klärung der Angelegenheit von der Arbeit am Mikrofon entbunden wird." Wickert hingegen verweist darauf, dass der für seine kritische Berichterstattung preisgekrönte Zeit-Korrespondent Georg Blume in seinem Buch "China ist kein Reich des Bösen" fast wortgleich dasselbe geschrieben hat, was Zhang Danhong sagte. Er jedenfalls, so Wickert, könne in der Aussage "keinen tendenziösen Journalismus entdecken".

Wickert zitiert auch den früheren Repräsentanten der OSZE für die Freiheit der Medien, Freimut Duve: "Man darf die Aussage einer Journalistin nicht in einen Zusammenhang stellen mit dem Land, aus dem diese Person kommt." Wickert: "Dieser Zusammenhang scheint aber in der Kritik der Gegner von Zhang Danhong unterschwellig mitzuschwingen nach dem Motto: Was ein Deutscher sagt, darf eine Chinesin noch lange nicht sagen."

Dass in den Kommentarübersichten der Deutschen Welle, so Wickert, "auch Texte aus chinesischen Quellen veröffentlicht" würden, "die der Sicht, die in Deutschland gängige Meinung ist, widersprechen", sei "im Sinne einer objektiven Berichterstattung richtig". Der Sender habe "nicht die Aufgabe, ausschließlich Sprachrohr der Dissidenten zu sein".

Verführung unbedachter Politiker

Dass chinesische Staatsmedien wie die Nachrichtenagentur Xinhua die Affäre nutzten, um über die angeblich bedrohte Pressefreiheit in Deutschland zu berichten ("Chinesische Journalistin wurde mundtot gemacht"), mag dem Politikbetrieb in Berlin egal sein - Wickert ist es das nicht: "Es zeigt sich hier, wie in Zeiten einer gesteigerten Gefühlslage (Olympische Spiele, Fackellauf, Tibetunruhen) es ehrenwerten, meinungsstarken Personen, einigen Dissidenten, Vereinsträgern, Journalisten gelingt, vorschnelle Verurteilungen in den Medien zu platzieren und damit Politiker, die gern in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, zu unbedachten Äußerungen und Vorverurteilungen zu verführen." Dass die Journalistin Zhang durch Bettermann als stellvertretende Leiterin der Redaktion abgesetzt wurde, findet Kommissar Wickert "voreilig und nicht gerechtfertigt. Die Entscheidung war falsch".

Am 4. Februar hat Wickert das Papier bei der DW abgeliefert und seitdem nichts mehr vom Sender gehört. Auf Anfrage der SZ lobte Bettermann, der in Berlin dringende Termine hatte, Wickerts "sehr gute Arbeit - toll". Er wollte sie aber nicht veröffentlichen, "um die China-Debatte nicht neu aufleben zu lassen".

Rätselhaftes Berlin, noch rätselhafteres China. Vater Erwin hatte in Shanghai mal das Fell eines Sibirischen Tigers erworben. Abends haben die Brüder Wolfram und Ulrich in das aufgesperrte Maul des Tieres immer wieder einen Zwieback gelegt. Wenn sie am nächsten Morgen aufwachten, war der Zwieback verschwunden. Die Jungs waren überzeugt, der Tiger habe ihn gegessen.

© SZ vom 25.03.2009/irup
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