Deutsche Literatur Krieg gegen das Leben

Utopie-Studie, Münchenroman und Euthanasie-Dokument: In Uwe Timms "Ikarien" kehrt ein junger Mann 1945 in seine zerstörte Heimat zurück.

Von Nicolas Freund

München ist im Frühjahr 1945 eine Ruinenstadt: Im Dach der Pinakothek, der Universität und vieler anderer Gebäude klaffen große Löcher, von Fliegerbomben in den letzten Tagen des Krieges gerissen. Fast ganz zerstört ist die Glyptothek am Königplatz, dem Isar-Athen, das nach dem antiken griechischen Idealbild einer Stadt errichtet wurde und nun in Trümmern liegt. Das Tausendjährige Reich verging im Zeitraffer.

Uwe Timm kommt in seinem Werk immer wieder auf das Ende des Krieges zurück

In München fahren die Amerikaner in offenen, grünen Armeejeeps durch die Straßen. Was sie bringen, kann nur besser sein als das, was war, aber sicher ist sich da nicht jeder. Auf den Gehwegen humpeln und betteln die Kriegsheimkehrer, oft mit umkrempelten Ärmeln oder Hosenbeinen, dort, wo Gliedmaßen sein sollten, aber keine mehr sind. Im Umland, an den Seen, wo der Sommer beginnt, scheint der Krieg schon halb vergessen zu sein, aber die Voralpenidylle wirkt wie eine Kulisse. "Was trieb diese Leute an? Es sieht doch alles so nett und adrett aus. Der gelbbraune Sandstein der Häuser, Blumen vor dem Fenster, das Grau, zuweilen ins Dunkelgrün spielend, der Schieferdächer. Aber vielleicht ist es ebendas, diese Nettigkeit, der eine Geducktheit entspringt, etwas Uneingelöstes, Selbstgerechtes, den Hass Suchendes", schreibt Uwe Timm über diese Zeit des Endes und des Neuanfangs in seinem neuen Roman "Ikarien". Die Ruinen, die vernichteten Städte, die verstümmelten Heimkehrer, die Versprechen des nun untergegangenen Dritten Reichs: Ihnen allen gemeinsam ist die Aura des Uneingelösten.

Das Ende des Krieges ist eine Zeit, auf die Timm, der sie selbst als Fünfjähriger erlebt hat, immer wieder zurückkommt. In seinem erfolgreichsten Buch, "Am Beispiel meines Bruders", hat er schon nach dem gesucht, was den älteren Bruder damals dazu gebracht hat, nach Russland in den Krieg zu ziehen. "Ikarien" beginnt nun mit einer Rückkehr: Der junge Michael Hansen kommt aus den USA, in die seine Familie schon viele Jahre vor dem Krieg ausgewandert war, nach Deutschland zurück. Wegen seiner Sprachkenntnisse wird er als GI vom amerikanischen Geheimdienst für besondere Aufgaben eingesetzt: Er soll Nachforschungen die Arbeiten des deutschen Arztes und Eugenikers Alfred Ploetz betreffend anstellen. Vordergründig interessieren sich die Amerikaner für dessen Ideen zur "Verbesserung" aller Menschen zum Ziele einer idealen Gesellschaft oder, wie es auch formuliert wurde, zur "Ausjätung des minderwertigen und kranken Erbguts". Bestrebungen, das eigene Volk durch die Partnerwahl oder Zwangssterilisierungen zu etwas Besserem heranzuzüchten, gab es nicht nur in Deutschland.

Blick durch das zerstörte Schwabing auf die Akademie der Bildenden Künste. Nicht weit entfernt wohnt im Roman die Figur Wagner.

(Foto: SZ Photo)

Das utopische Streben, das sich an den Bauten des Königsplatzes in München, aber auch in den Rastern der Stadtpläne New Yorks oder Barcelonas und in Nazibauten wie dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg zeigt, beschränkte sich nicht auf die Architektur, sondern zielte auf die Menschen, die diese Städte und Gebäude bevölkern sollten. Die Nazis haben dieses Begehren in perverse Höhen geschraubt. Was in Deutschland zu diesem Thema geforscht worden war, interessiert Hansens Auftraggeber auch als nicht unwichtiger Baustein zum Verständnis der Verbrechen des NS-Regimes. Eigentlich aber wittern die Amerikaner in der Eugenik-Bewegung, die auch in den USA Fuß fasste, die schwellende Gefahr des Kommunismus, denn diese ideale Gesellschaft, dieses Gleichschalten aller Individuen, klingt verdammt nach den Ideen der Marxisten.

Alfred Ploetz ist 1940 gestorben, aber sein langjähriger Gefährte, ein gewisser Wagner, lebt noch, und Hansen soll ihn verhören. Hier teilt sich der Roman in den Bericht Wagners und in die Erzählung der Zeit Hansens in München. Für ihn, den jungen, fließend Englisch und Deutsch sprechenden amerikanischen Offizier nimmt der Sommer in der zerstörten Stadt seltsam paradiesische Züge an. Er requiriert ein Cabrio und ein Haus am Ammersee mit Motorboot und kann sich über die amerikanischen Versorgungslinien nach Belieben mit Alkohol, Kaffee, Zigaretten und anderen Luxusgütern eindecken. Obwohl "Fraternisierung" mit der deutschen Bevölkerung streng verboten ist, verkehren die meisten GIs bald mit deutschen "Fräulein". Gleich mit mehreren Frauen, die er alle kaum kennt und auf die er alles möglich projiziert, verbringt auch Hansen diesen Sommer der Zwischenzeit, wenn er nicht Wagners Lebensgeschichte aufzeichnet.

Uwe Timm: Ikarien. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017. 512 Seiten, 24 Euro, E-Book 19,99 Euro.

(Foto: Verlag Kiepenheuer & Witsch)

Der Keim des Eugenik-Projekts, von dem der Zeuge Wagner berichtet, liegt in den USA: Mitte des 19. Jahrhunderts wollte eine Gruppe Siedler ausgehend von Ideen aus dem Roman "Reise nach Ikarien" des französischen Schriftstellers und Politikers Étienne Cabet in Nordamerika eine Kolonie errichten, in der gleiche Verteilung von Gütern, Arbeit und Bildung für alle galt. Mit dabei ist Alfred Ploetz. Das Projekt scheiterte, aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch, weil sich die Gleichheit nicht herstellen ließ, und die Grundvoraussetzungen jedes Einzelnen, von der Muttersprache bis zur Intelligenz und Anpassungsfähigkeit, erwartungsgemäß stark voneinander abwichen. Wagner schildert, wie Ploetz enttäuscht auf dem Rückweg im Zug sitzend die ersten Ideen von einer Verbesserung aller Menschen ausbrütet.

Die Figur Ploetz und die Geschichte Ikariens basieren auf historischen Fakten: Die Kolonien gab es wirklich, ebenso den Eugeniker Alfred Ploetz, er war der Großvater von Uwe Timms Ehefrau, der Übersetzerin Dagmar Ploetz. Erfunden ist die Figur Hansens. In den zwei Erzählsträngen führt Timm historische Ereignisse vom Scheitern der ikarischen Kolonien bis zum Untergang des Dritten Reichs mit dem Begehren seiner Figuren zusammen: das nach dem idealen Menschen mit dem Begehren Hansens nach Frauen und dem schönen Leben am See, in dem sich das Eugenikprojekt mit seinen Fortpflanzungsexperimenten eigenartig spiegelt. Nach was sucht Hansen im Cabrio und im Bett mit den Frauen? "Er hatte sich recht genaue Vorstellungen von dieser Nacht gemacht." Gemeinsam ist diesen utopischen Projekten, dass sie scheitern. "Ikarien" ist eine vielschichtige Utopiestudie, ein historischer Münchenroman und ein Dokument über die Abgründe der Eugenik, die Euthanasie in den Heimen und die idealistischen Ideen, die in Tierversuchen ausprobiert wurden und in den Konzentrationslagern ihren grausamen Kern offenbarten.

"Das Ziel ist die Regulierung des Lebens, die Ausschaltung aller unberechenbaren Elemente. Also die Kontrolle. Als führe man Krieg gegen das Leben", schreibt László Földényi in seinem gerade erschienen Essay über Kafka und die utopischen Stadtprojekte seit der Renaissance.

Uwe Timms "Ikarien" reicht vom Kleinsten ins Größte und vom Innersten ins Äußerste. "Ich kletterte über den Schutt, ging durch die Räume, die Mauern, an den Wänden Fresken, darüber der Himmel", heißt es über Hansens Erkundung der Ruine der Glyptothek. Merkmal faschistischer Architektur und utopischer Projekte ist die Absenz des Humanen, das Fehlen des menschlichen Maßstabs. Uwe Timm hat in seinem Roman die Ruinen wieder mit Menschen bevölkert, die sich in den Zerstörungen wiederfinden, die Fehler machen und die nicht perfekt sind.