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"Der Weltphilosoph":Wozu man sich die Stirn zerfurcht

Büste von Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Hegel Büste vor der Universität Jena.

(Foto: picture-alliance/ ZB)

Neben vielen anderen schildert auch Sebastian Ostritsch Leben und Denken Hegels.

Vom Denken ist schlecht erzählen. Was im Kopf eines Menschen vorgeht, worüber einer ins Grübeln kommt, wie er sich seine Gegenstände zurechtlegt, welche Schlüsse er daraus zieht, wie Argumente aufgebaut werden, wie man sie verwirft und neu zusammensetzt, um endlich zu mehr oder minder bleibenden Urteilen zu gelangen: Das alles spielt sich hinter der Stirn eines Denkenden ab. Wenn diese auch manchmal zerfurcht erscheint, so ist das Denken doch selber der Anschauung nicht zugänglich. Biografien von Philosophen sind daher ein eher undankbares Genre, gelegentlichen Erfolgen auf dem Buchmarkt zum Trotz. Entweder erzählen sie vom Leben und verkleinern das Denken auf anekdotisches Maß. Was heißt: Sie verschaffen ihren Lesern die Illusion, an einem Werk teilzuhaben, von dem sie im Zweifelsfall nur wenig verstehen. Oder sie stellen das Denken dar, woraufhin sich das Leben in mehr oder minder ausführliche Fußnoten verwandelt. Das gilt um so mehr, je weniger sich im Leben eines Philosophen ereignet.

Immanuel Kant mag in letzterer Hinsicht den exemplarischen Fall darstellen: In achtzig Lebensjahren ist bei ihm, außerhalb des Kopfes, tatsächlich kaum etwas Ungewöhnliches passiert. Doch stehen ihm viele seiner Kollegen und Nachfolger in Sachen Ereignislosigkeit nur wenig nach. Das gilt zum Beispiel für Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dessen Geburtstag sich im kommenden August zum 250. Mal jährt. Entsprechend häufen sich die Biografien und also die Versuche, dem Verhängnis der anekdotischen Ermäßigung zu entgehen. Bei Eberhard Rathgeb entstand das Abenteuer, das Leben und Werk zusammenhalten könnte, durch Hegels Freundschaft mit Friedrich Hölderlin. Zusammen bilden sie in einem Buch mit dem Titel "Zwei Hälften des Lebens" (München 2019) einander komplementäre "Extremisten des Geistes". Ein Abenteuer schuf auch Klaus Vieweg, indem er Hegel in einer großen Biografie (München 2019) in einen aufrührerischen Geist verwandelte, der hinter der Fassade des preußischen Staatsdenkers als Partisan der Freiheit unterwegs gewesen sein soll.

Sebastian Ostritsch, wissenschaftlicher Mitarbeiter am philosophischen Institut der Universität Stuttgart, geht dagegen vorsichtiger zu Werke. Sein Buch über den "Weltphilosophen" Hegel ist eine Gelehrtenbiografie, in einem konventionellen Sinn. Der Spannung, ob darin nun das Leben dem Werk oder das Werk dem Leben dienen soll, versucht er auszuweichen, indem er abwechselnd das eine und das andere behandelt: An das Kapitel über die Jahre in Jena (1801 bis 1807) schließt sich eine Übersicht über die "Phänomenologie des Geistes" an, auf einen Bericht zum Umzug nach Berlin im Jahr 1818 folgt eine Darlegung zur "Philosophie des Rechts".

Nach Hegels Tod hatte das allumfassende philosophische System nicht mehr lange Bestand

Stets erkennbar ist dabei die Absicht, dem philosophisch weniger geschulten Leser einen möglichst leichten Zugang zum Werk zu verschaffen. Diesem Motiv ist auch der programmatisch gesetzte Untertitel des Buches geschuldet. Im "Weltphilosophen" erscheint angekündigt, was man gemeinhin über Hegel weiß: dass dieser nämlich versucht haben soll, das komplette Wissen über die Welt in ein philosophisches System zu überführen. Und auch der Anfang des Buches kommt dem Leser weit entgegen. Er ist der Dialektik gewidmet, genauer: dem volkstümlichen Missverständnis, es gehe dabei um ein "klapperndes" (Adorno) Schema aus These, Antithese und Synthese.

Hegel starb im November 1831, auf dem Höhepunkt seiner öffentlichen Geltung und zur Verzweiflung seiner vielen Bewunderer. Das allumfassende philosophische System hatte danach nicht mehr lange Bestand. Rechts- und Linkshegelianer befehdeten einander, und das System entließ immer mehr akademische Fächer aus seiner Obhut. Am Ende waren von einem gigantischen Gedankengebäude, das von der Mathematik bis zur Psychologie und zur Kunstgeschichte fast alles enthielt, was sich in einer Universität zusammenfassen ließ, lediglich die Geschichte der eigenen Disziplin und die Ethik übrig (für Angelsachsen gibt es eine späte Ausnahme: die formale Logik).

Das System und die ihm zugrundeliegende Lehre vom Wissen wurden indessen nur aufgegeben, kaum widerlegt - und wenn, wie von Karl Marx, nur in Teilen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts erscheint Hegels Werk als etwas Historisches, Überlebtes, was heute, von Platons "Phaidon" bis zu Adornos "Minima Moralia" auf fast alle philosophischen Werke der Vergangenheit zutrifft, zu Recht oder zu Unrecht. Hegels Lehre gilt zudem als etwas einzigartig Vermessenes, als grandios verfehlter Versuch eines Philosophen, seine Lehre und damit auch sich selbst an die Stelle eines Allwissenden zu setzen.

Für den Biografen eines Philosophen entsteht dadurch eine grundsätzliche Schwierigkeit. Von Königinnen, Feldherren und Entdeckern lassen sich Abenteuer und Intrigen erzählen, bei Erfinderinnen, Ingenieuren und Unternehmern herrscht der Fortschritt, einschließlich aller Rückschläge, bei Politikern und Staatsfrauen will man nicht nur wissen, wie Geschichte entsteht, sondern auch nach der Moral fragen. Was aber macht man mit einem Philosophen, der höchst komplizierten Gedanken nachhing, die allesamt der Geschichte anheimgefallen zu sein scheinen?

Sebastian Ostritsch entscheidet sich für den einen Weg, den man gehen muss, wenn man Hegel zwar noch irgendwie interessant finden, aber nicht, wie Klaus Vieweg es tut, das Vergangene unmittelbar für die Gegenwart reklamieren will: Er lässt die Frage nach der Aktualität Hegels in der Schwebe. So kommt es, dass begründete Gedanken sich in einem fort in "Thesen" verwandeln, von denen dann versichert wird, sie seien "genial", die aber nie danach befragt werden, ob der Gedanke richtig oder falsch sei.

Angesichts eines Philosophen, der nicht nur selbst mit Kategorien wie dem "Wahren" oder der "Wahrheit" arbeitete, sondern immerzu auf seinem System als einer Wissenschaft insistierte, müsste man ein solches Verhalten zu einem Fall von Demutshybris erklären: unterwürfig, insofern man vorgibt, den "wahren" Gedanken des toten Philosophen zu dienen, indem man sie in scheinbar vereinfachter Form wiederholt, überheblich, indem man es nicht für nötig zu halten scheint, sie am eigenen Anspruch zu messen.

Es ist enttäuschend, wenn davon nicht mehr bleiben soll, als eine "grandiose Vision"

Eine gotische Kathedrale, so hoch und mächtig, wie sie dastehen mag, ist Ausdruck einer Wahrheit, die auch der Kirche entschwunden ist und die von der Mehrheit selbst des gläubigen Volkes schon lange nicht mehr geteilt wird. Ihre Architektur lässt sich trotzdem bewundern, wobei die Auseinandersetzung mit ihren Pfeilern, Spitzbögen und Fialen die meisten Besucher nur wenig kostet. Mit einem philosophischen System ist das anders, zumal mit dem Hegels, und zwar nicht zuletzt, weil dieser Denker seine Vorgänger und Kollegen in Grund und Boden kritisierte, mit Argumenten, denen man die Zustimmung kaum verweigern kann: "Die Abtrennung der Wirklichkeit von der Idee ist besonders bei dem Verstande beliebt", heißt es in der "Enzyklopädie", auch gegen Kant und den "kategorischen Imperativ" gewandt, "der die Träume seiner Abstraktionen für etwas Wahrhaftes hält und auf das Sollen, das er vornehmlich auch im politischen Felde gern vorschreibt, eitel ist, als ob die Welt auf ihn gewartet hätte, um zu erfahren, wie sie sein solle, aber nicht sei; wäre sie, wie sie sein soll, wo bliebe die Altklugheit des Sollens?"

Gewiss, Syntax und Wortgebrauch dieses Denkers sind gewöhnungsbedürftig und zuweilen tatsächlich unklar. Aber dagegen hilft oft ein Blick in Michael Inwoods zwar schon etwas älteres, aber nach wie vor nützliches "Hegel Dictionary" (Oxford 1992). Ansonsten gilt, was der Publizist Dietmar Dath in seinem ebenso munteren wie überraschenden und vor allem klugen Büchlein "Hegel. 100 Seiten" (Ditzingen 2000) für den Umgang mit dem Philosophen empfiehlt: "1. bei Hegel nachsehen und 2. selbst denken".

Hegel besteht darauf, dass es so etwas wie "Wahrheit" gibt. Spätere Philosophen hielten diesen Anspruch für etwas Fantastisches, ungeachtet des Selbstwiderspruchs, dass die Gewissheit, es gebe so etwas wie Wahrheit nicht, selbst nur in Gestalt einer Wahrheit auftreten kann. Die philosophische Lehre von der grundsätzlichen Abwesenheit der Wahrheit ist deswegen nie beim Gemeinverstand angekommen: Wir sind erbost, wenn wir angelogen oder betrogen werden, aus gutem Grund. Und wir sind enttäuscht, wenn von einer philosophischen Wissenschaft am Ende nicht mehr bleiben soll als eine "grandiose Vision". Hatte man sich deshalb die Stirn so zerfurcht?

Sebastian Ostritsch: Hegel. Der Weltphilosoph. Propyläen Verlag, Berlin 2020. 320 Seiten, 26 Euro.

© SZ vom 30.06.2020

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