Depeche Mode in Leipzig:Diese Band ist ein Genre für sich

Depeche Mode Global Spirit Tour 2017 - Tourauftakt in Leipzig

Homoerotik und Pathos: Depeche Mode auf der Leipziger Festwiese

(Foto: dpa)

Depeche Mode spielen in Leipzig und ausgewachsene Männer im Publikum hüpfen und jubeln. Das liegt daran, dass die Band sich selbst treu geblieben ist.

Von Juliane Liebert, Leipzig

Drei Minuten zu früh beginnt das erste Deutschland-Konzert der Global-Spirit-Tour von Depeche Mode, bemerkenswert genug. Die Alkoholausdünstungen tausender vorfreudiger Körper wabern, zu einem Geist verwoben, über der Festwiese Leipzig, und Depeche Mode starten nicht um 20.45, sie starten um 20.42 Uhr.

Es ist wenige Tage nach dem Anschlag auf Ariana Grandes Konzert in Manchester, und das Areal um die Arena ist weitläufig abgesperrt. Polizisten spazieren außerhalb der Festwiese zwischen Depeche Mode-Fans. Die brummen vor Ungeduld. "Die Handys runter, ihr IDIOTEN!" brüllt einer, denn in just diesem Moment betritt Dave Gahan in einem roten Samtblazer die Bühne, mit dem Hüftschwung eines Topmodels. Der erste Song ist "Going Backwards". Hätten die Sicherheitsleute nichts anderes zu tun, wären sogar sie erstaunt, wie so eine Stimme aus diesem schmalen Körperchen kommen kann.

70 000 Gäste sind da, und Depeche Mode zeigen, dass sie nach wie vor die Band sind, die ausgewachsene, zentnerschwere Männer vor Freude hüpfen lassen kann wie Spatzen, wenn man ihnen einen Kräcker hinhängt. Eine Band, bei der heterosexuelle Stiernackentypen endlich mal jubeln dürfen über Gahans merkwürdige Erotik, vollendet bis in sein Ziegenbärtchen. Mindestens so beachtlich wie seine Stimme ist seine Beinarbeit an diesem Abend. An geeigneter Stelle geht er leicht in die Kniebeuge - wie beim Bowling - dreht sich mit dem Rücken zum Publikum, schwingt seinen Hintern, den Blick leicht verhangen, mit unverhohlener Freude. Dann geht er in Jesuspose, bis in die Fingerspitzen gespannt.

Homoerotik und Pathos waren bei Depeche Mode schon immer eine Pose, sie haben beides nie wirklich als spezifischere Ausdrucksmittel nutzbar gemacht, um politisch oder ästhetisch herauszufordern. Aber für eine Band, die ein gesamtes Genre durch ihre Musik geprägt hat, klingen Depeche Mode auch heute noch erstaunlich aktuell, weil sie nicht den Fehler machen, in die Fußstapfen ihrer eigenen Nachfolger zu treten. Sie bewegen sich innerhalb des Rahmens, den ihr seit jeher ganz eigener Sound absteckt. Depeche Mode sind keine "Synthpop-Band", sondern Depeche Mode - eine der Bands, die ein Genre für sich sind.

Depeche Mode sind nicht Madonna

Das übersetzt sich auch in die Atmosphäre der Shows, die neben anderen Stadionshows für sich stehen. Es gibt nur wenig andere Bands, deren anhaltende Beliebtheit ähnlich funktioniert. Derweil wechselt Martin Gore Gitarren: seine schwarz lackierten Nägel gleiten über Saiten und Tasten. Jede Bewegung führt er so sorgsam aus, als zerschlüge er ein Ei. Wenn er singt, diesmal "A Question of Lust", "Home", verlässt Gahan wie üblich die Bühne. Gores Kompositionen sind astreine Charthits, egal, ob man die Musik gut oder schlecht findet.

Auffällig ist, dass Depeche Mode zwar bestimmte Soundelemente des Zeitgeists aufgenommen haben, aber der Stimmung ihrer Musik sehr treu geblieben sind. Das unterscheidet sie vom Geschäftsmodell Madonna, die einfach immer schamlos alles eklektizistisch miteinander verkleistert hat, was zum jeweiligen Entstehungszeitpunkt ihrer Alben angesagt war. Die Fans danken es, indem sie auch den Handy-Werbung-Song "Where's the Revolution" mitsingen, naja, oder es zumindest versuchen.

Aber vor allem überträgt sich an diesem Abend die Freude, die in Gahans Augen glüht, wenn 70 000 Menschen "Everything counts in large amounts" mitsingen, auf die Massen. Hinter den Bäumen wird ein Feuerwerk abgebrannt, nach dem sich die Zuschauer nur aus Pflichtgefühl kurz umdrehen. Wer würde sich schon so ein ödes Feuerwerk antun, wenn er stattdessen Dave Gahan dabei zusehen kann, wie er sich in den Schritt fasst? Eben.

© SZ.de/mkoh
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