Deep-Purple-Album "Whoosh!":Der jüngste ist 66

Deep-Purple-Album "Whoosh!": Man wird nicht alt, man weiß nur genauer, dass es keine Erlösung gibt: Ian Gillan (oben in der Mitte) und "Deep Purple".

Man wird nicht alt, man weiß nur genauer, dass es keine Erlösung gibt: Ian Gillan (oben in der Mitte) und "Deep Purple".

(Foto: Ben Wolf)

Deep Purple hatten von Anfang an viel weniger Sex oder Horror als die Konkurrenz. Trotzdem überholte das neue Album in den deutschen Charts kurz sogar Schlager und Deutschrap. Die Frage ist: Warum bloß?

Von Joachim Hentschel

Über die englische Rockband Deep Purple lässt sich nicht sprechen, ohne zu erwähnen, wie alt ihre Musiker sind. Ian Gillan, Sohn eines Londoner Lagerarbeiters, erste größere Auftritte Mitte der Sechziger, singt noch mit 75. Drei weitere Gruppenmitglieder haben die 70 überschritten, Gitarrist Steve Morse ist der Jüngste, mit 66. Was alles kein Argument dagegen ist, an der Spitze der Charts zu stehen: Seit Anfang August "Whoosh!" erschien, die neue, insgesamt 21. Studioplatte von Deep Purple, steht sie in den Top-Ten der deutschen Albumcharts, segelte am Anfang kurz sogar an Volksmusik und Deutschrap vorbei auf Platz eins.

Weltweit seien allein in den ersten zwei Wochen rund 150 000 Exemplare verkauft worden, meldet die Plattenfirma auf Nachfrage, das ist für heutige Verhältnisse immens, erst recht bei einer Band, bei der nicht wenige zuletzt unsicher gewesen sein dürften, ob es sie überhaupt noch gibt. Sogar in Großbritannien kam die Platte bis Platz vier, obwohl für Deep Purple ihr Heimatland schon länger ein eher feindseliger Markt ist. Ear Music, das Label, das die Band seit 2005 exklusiv vertritt, sitzt in Hamburg.

Ihre Härte wirkte eher wie eine entnervte Schlussfolgerung aus der Hippiekultur

Das, was auch junge sibirische Ohrenärztinnen oder Lehramtsanwärter aus der Schweiz von Deep Purple kennen, stammt dagegen aus einem engen, weit entfernten Zeitfenster: Songs, die sich mit Du-du-dämm-dämm-Geräuschen singen lassen, "Child In Time" mit der Orgel und dem Heulen, das Roboter-Gitarrenriff von "Smoke On The Water", mächtige Sachen aus der Frühsiebziger-Geburtswehenphase des Heavy Metal. Dabei hatten Deep Purple von Anfang an viel weniger Sex oder Horror als die Konkurrenz, präsentierten ihre virtuose Härte, ihr demonstratives Nicht-Groovy-Sein eher wie eine entnervte Schlussfolgerung aus der Hippiekultur. Das Cover ihrer berühmten Platte "In Rock" von 1970, für das ihre Gesichter in die Präsidentenfelsen von Mount Rushmore hineinkopiert wurden, brachte ihnen viel Spott ein. Wahrscheinlich, weil diese Bilder nicht von Exzess und Möglichkeiten erzählen, sondern vom Ernst des Lebens.

Heute bestehen Deep Purple tatsächlich (noch und wieder) zu drei Fünfteln aus dem Personal der großen, reichweitenstarken Zeit. Ihr Genre hat in vielen, vergleichsweise kleinen Biotopen überlebt, also in den Pinkelpausen von "Wetten, dass ...?"-Sendungen zum Beispiel und Playlisten der Oldie-Radios, in den Mehrzweckhallen-Festivals mittelgroßer Städte und den Onlineforen, die Comic-Sans-Typografie nutzen, in denen aber Tausende leidenschaftlich ihre Nächte verschwenden.

Dass sie als kritische Masse von Plattenkäufern nun wieder so sichtbar werden, ist erstaunlich. "Das ist kein Song, den man mal eben aus Soundschnipseln am PC zusammenschustert", schreibt zum Beispiel Amazon.de-Nutzer Theo74 über ein Stück des "Whoosh!"-Albums, in einer der jetzt schon knapp 300, fast durchweg enthusiastischen Kundenrezensionen. Worum es hier geht, ist nicht Fortschrittsverweigerung oder Kulturpessimismus, die man den lustigen alten Rockern in ihren Lederwesten so gern nachsagt - sondern darum, ein künstlerisches Ideal zu verteidigen, einen Traum, eine besonders gute Illusion, die ein Typ wie Ian Gillan noch relativ umstandslos verkörpern kann. Viele geben dabei schon zu, dass die neue Musik längst nicht so gut sei wie die frühen Klassiker. Die volle Punktzahl geben sie trotzdem, aus Prinzip.

Manchmal sind alte Köpfe die akribischeren, absturzsichersten Computer

Frage an den Plattenfirmenchef, per Mail: Warum wird diese geisterhafte Gegenwart von Deep Purple eigentlich ausgerechnet in Deutschland so geschätzt? "Wenn man die historischen Entwicklungen vergleicht, ist zu Beispiel die britische Popkultur geradezu besessen von Jugendlichkeit", antwortet Max Vaccaro, Geschäftsführer von Ear Music, "das deutsche Publikum dagegen ist generell als sehr loyal und treu bekannt." Für Vaccaro ist es zudem ein Fehlschluss, dass hier nur die generalverdächtigen Boomer zuhören und Platten kaufen würden: In Südamerika oder Italien habe er triumphale Konzerte mit vielen jüngerer Fans erlebt. "Die Band hat die Grenze überschritten, hinter der Künstler nicht mehr als alt wahrgenommen werden, sondern als zeitlos."

Anderswo werden Leute ja auch deshalb mit 65 in Rente geschickt, weil man vermutet, dass ihre seniorigen Ideen den technologischen und prozessualen Fortschritt eher behindern als fördern. So gesehen leben Deep Purple auch weiterhin von dem Vorteil, dass sie eben schon 1968 nicht sonderlich viel Jugend und Potenz ausstrahlten, eher europäische Klassik als Blues, eher Symphonik als das Opereske, das später David Bowie oder Queen zu Popstars machte.

Auf "Whoosh!" muss man sich dann auch erst mal durch Wirbel aus gerockten Phrasen hindurchhören, durch Hymnen für kleinere Bierempfänge und Mitklatschorgeleien - bis man gegen Ende die komplexen Monster-Songgebirge erreicht, mehrteilige Existenzialismen wie "Man Alive", angenehm schlecht gelaunte Kurzepik wie "The Long Way Around". Ein Gelände, in dem sich diese Alten zugegeben hundertfach besser auskennen als der bemühte Progressiv-Nachwuchs. Am PC wurde das nicht zusammengeklickt, denn manchmal sind alte Köpfe die akribischeren, absturzsichersten Computer.

Naiv oder geschichtsvergessen ist diese Musik dabei nicht, auch wenn ihre Fans ab und zu so wirken. Das große Lied von der Ausweglosigkeit und Brutalität des Daseins könnte auch ein weißer, ledriger, männlicher Rocksong sein, denn von Erlösung singt hier keiner. Vielleicht machen sie auch einfach deshalb immer weiter.

Zur SZ-Startseite
Heavy Metal Storytelling Longread Teaser

SZ Plus50 Jahre Heavy Metal
:Die Härte

Sind Metal-Musiker alle Satanisten? Welche Alben waren prägend? Und gibt es deutsche Bands, die irgendwer ernst nimmt? Ein paar brachiale Fragen zum 50. Jubiläum des Genres.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB