Debütalbum von Lana Del Rey Vielleicht einfach mal keine Geigen drüberkleben?

Die Femme fatale auf Valium ist auf dem vierten Stück "Blue Jeans" dann leider wieder zurück. Man kann sich aber gut vorstellen, dass der Song live, weniger schlafmützig aufgeführt, gut funktioniert - vorausgesetzt die Sängerin hat ihr Lampenfieber dann besser im Griff als bei ihrem völlig missglückten "Saturday-Night-Live"-Auftritt. Vielleicht beim nächsten Mal vorher einfach eine halbe Valium-Tablette weniger. Oder lieber mal gar keine Beruhigungsmittel?

Lana del Rey bei einem Konzert in Amsterdam.

(Foto: picture alliance / dpa)

Es folgt der Überhit "Video Games", bei dem jetzt noch einmal besonders auffällt, wie geschickt der Gesang sich hier souverän gelangweilt dahinschleppt und eben gerade noch nicht ungelenk lahmt. Das Gewicht der feinen Unterschiede, auf die es gerade im Mainstream-Pop trotz allen Lärms doch fast immer ankommt, fällt hier besonders auf. Das vergleichsweise schnelle Stück "Diet Mountain Dew" erscheint danach eher konventionell, rumpelt aber gut. Ein etwas frischeres Arrangement hätte dem Song sicher nicht geschadet. Vielleicht hätte man auch einfach mal keine Geigen drüberkleben müssen.

"National Anthem" beantwortet dann endlich die Frage, die sich ja bestimmt jeder schon mal gestellt hat: Wie rappt eigentlich eine Femme fatale auf Valium, und muss man das gehört haben? Die Antwort ist einfach: Von Lana Del Rey nicht, Princess Superstar hätte den Song vermutlich gerettet - vorher aber noch Verse wie "Money ist the reason we exist / everybody knows it it's a fact kiss, kiss" gestrichen. Der Rap ist eine ungnädige Kunst. Als Anfänger kann man eigentlich nur verlieren.

Danach geht dem Album ziemlich die Luft aus. Die Atmosphäre ist weiter stimmig, aber der Sound klingt immer mehr nach Synthie-Konserve. Als hätte jetzt jemand schnell fertig werden müssen. "Dark Paradise" könnte fast ein Hit der deutschen Konservenschlager-Königin Helene Fischer sein. Dunkles Paradies. Streicherleim.

"Radio" unterscheidet sich kaum von "Dark Paradise", die markante Stimme ist nur noch ein austauschbares Chart-Hauchen. Jetzt müssen die Streicher die Sache fatalerweise ganz allein zusammenhalten. Auch "Carmen" ist B-Material. Man verpasst nichts, wenn man nebenher lokale Geigenbauer googelt.

Natürlich gibt es schon Deutungen für den Wahnsinn

Auf "Millionen Dollar Man", einem zweitklassigen Bond-Song, hat immerhin die Valium-Queen Lana Del Rey noch einen Auftritt. Oder das, was der Hallvon ihr übrig lässt. Überdeutlich ist jedoch spätestens jetzt, was für eine erzkonservative Männerphantasie hier entworfen wurde. Wir sehen: ein Exemplar aus dem Menschenzoo. Wir hören: eine starke Frau, die so weit sediert wurde, dass sie ihrem Mann nicht mehr gefährlich werden kann. Er kann sich furchtlos mit ihrer Aura schmücken. Schon ein Auto dürfte man in diesem Zustand weder fahren noch verlassen wollen. Geschweige denn: Geige spielen. Zum Schluss: "Summertime Sadness". Dem Titel ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Na ja, ein paar Streicherflächen vielleicht.

Die fleißigen Geschichtsphilosophen des Pop haben natürlich eine schöne Deutung für den Wahnsinn parat: "In den düster und schwül aufgeladenen Szenarios", schreibt der deutsche Rolling Stone in seiner neuen Ausgabe, "bündelt sich das Lebensgefühl einer von Abstiegsängsten und Selbstmitleid gequälten urbanen Mittelschicht".

Sogar Udo Dahmen, der "künstlerische Direktor" der Popakademie Baden-Württemberg, weiß im Focus schon Bescheid: "Del Reys morbider Charme und ihre rückwärtsgewandten Zitate entsprechen dem Lebensgefühl der aktuellen Hipster-Generation." Das klingt sehr gut. Was aber, wenn das nur die schmeichelhaften Erklärungen sind? Was, wenn Lana Del Rey so etwas wie die Pop-Weltformel entdeckt hat? Wenn der Pop also endlich verstanden hat, wie er die allgemeine Nostalgiesucht restlos befriedigen kann?

Dann werden wir feststellen, dass man Geigen nicht essen kann.