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Debütalbum von Frank Ocean:California Noir

Das erste echte Pop-Meisterwerk des Jahres: Auf seinem Debütalbum "Channel Orange" singt Frank Ocean von Moral und überholten Geschlechtervorstellungen. Und das nur wenige Tage nach seinem Coming-out.

Jan Kedves

Wie hört sich vollständige Isolation an, kurz vor dem inneren Kollaps? Wer davon einen Eindruck bekommen will, der steuere doch bitte Track 14 an von Frank Oceans Debütalbum "Channel Orange" (Universal): Eine elektrische Kirchenorgel leiert da los, dann steigt ein junger Afroamerikaner in ein Taxi und sagt zum Fahrer: "Entschuldigen Sie, dass ich Sie für eine Stunde als Seelenklempner missbrauche, nehmen Sie ruhig viele Umwege und lassen Sie die Uhr laufen - aber umfahren Sie bitte großräumig meine Dämonen!" Diese Dämonen heißen gleichgeschlechtliches Begehren und unerwiderte Liebe, und sie wollen raus, Hauptsache anonym. Der Taxifahrer dreht sich rum und sagt: "Allahu Akbar" - Gott ist größer. Der Junge solle beten.

Frank Ocean

"Beten kann nicht schaden, aber wenn mich eine Religion auf die Knie zwingt, ist sie schlecht."

(Foto: Island/Universal)

Man wartet in diesem Stück die ganze Zeit darauf, dass es knallt, dass Bremsen quietschen, Gewalt angedroht wird. Denn während sich zum Moll der Kirchenorgel noch das traurigste Streichquartett gesellt, das man seit langem im Pop gehört hat, erwidert der Junge auf der Rückbank: "Beten kann nicht schaden, aber wenn mich eine Religion auf die Knie zwingt, ist sie schlecht." Dann singt er in schmerzlichstem Falsett von einem "one man cult", womit Religion genauso gemeint sein könnte wie eine enttäuschte Liebe. Der Angehimmelte könnte Gott oder Allah sein.

Natürlich hält man das, was Frank Ocean hier singt, für autobiografisch. Schließlich hat der aus New Orleans stammende und in Los Angeles mit dem Hip-Hop-Kollektiv Odd Future bekannt gewordene Sänger am 3. Juli in poetisch raffinierten Zeilen öffentlich gemacht, dass seine erste, unglückliche Liebe mit 19 ein Mann war.

Premiere bei Jimmy Fallon

Das amerikanische Publikum scheint "Bad Religion" exakt so zu verstehen - wie vorletzten Samstag deutlich wurde, als Ocean das Stück zum ersten Mal in der Late-Night-Show von Jimmy Fallon live sang, grandios begleitet von Fallons Hausband The Roots. Der Jubel im Studio war euphorisch, als seien die zementierten Moralvorstellungen und Geschlechterbilder, die in weiten Teilen der amerikanischen Gesellschaft und im R&B und Hip-Hop noch immer herrschen, mit dieser einzigen, kaum drei Minuten langen Klage endgültig zerschmettert worden, als müsse sich in Zukunft niemand mehr von unaussprechlichen Tabus befreien. Das Debütalbum des 24-Jährigen wurde noch während der Ausstrahlung der Show um Mitternacht digital veröffentlicht und stand am nächsten Morgen schon auf dem ersten Platz der amerikanischen iTunes-Charts.

Nein, sein Coming-out hat Ocean, der neue große Star des R&B, bislang nicht geschadet. Sie passt fast zu perfekt auch zu Obamas jüngsten Wahlkampf-Bekenntnissen zur gleichgeschlechtlichen Ehe. Die Welle der Ermutigungen und Glückwünsche von Russell Simmons, Jay-Z, Beyoncé, Tyler The Creator und vielen anderen war überwältigend - obwohl eigentlich gar nicht so klar ist, was dabei ans Licht kam. Ist er jetzt schwul, bisexuell oder einfach nicht so ganz festgelegt? Das Rätsel deutete sich im vergangenen Jahr schon an, als er auf seinem Mixtape "Nostalgia, Ultra" eine Zeile sang, die sich als Plädoyer für die Homo-Ehe lesen ließ: "I believe that marriage isn't between a man and woman, but between love and love".

Fest steht: Frank Ocean hat die Aufmerksamkeit nun umso mehr auf sein phantastisches Debüt gelenkt, auf ein Album, das mit einer Ode an einen Mann beginnt ("Thinkin' About You"), auf dem aber genauso Frauen begehrt werden, ein Album, das neu bestimmt, was R&B heute sein kann - und ein Album, das eine Abneigung gegenüber dieser Genre-Zuschreibung genauso zeigt wie ein Unbehagen an fixierten Identitäten.

Die Sache mit dem R&B wird am klarsten im zweiteiligen Zehn-Minuten-Epos "Pyramids", dem Herzstück des Albums: eingebettet in luxuriös schimmernden Digitalsound, folgen wir hier einer Stripperin namens Kleopatra auf dem Weg zur Arbeit im Club Pyramid in Las Vegas. Zwischen rückwärts gedrehten Funk-Beats, zwischen Strophe und Refrain, schrillt ein harter Rave-Synthesizer hervor. Das ist kein Zugeständnis an den aktuellen Sound der Billboard-Charts, wo Kirmes-Techno-Referenzen im R&B längst zum guten Ton gehören.

Eher unterstreicht die Techno-Sirene Oceans Erzählung, als wolle er sagen: "Hört genau hin, so klingt das, was ihr heute R&B nennt, es scheppert billig und ist dazu gemacht, Frauen in Strip-Clubs auszuziehen." Ein wenig Afrozentrismus gehört natürlich auch dazu, wenn die schwarze Heldin des Songs genauso heißt wie jene Königin, die dem Geschichtsverständnis der Nubier nach in Ägypten einst die Krone der Zivilisation trug. Was, scheint Ocean zu fragen, hat Amerika, was haben Jahrhunderte Sklaverei und Prostitution aus unserer Kleopatra gemacht?

Es ist keineswegs übertrieben, aus "Channel Orange" ein solches Bewusstsein für Geschichte und Gesellschaft herauszuhören - auch an anderen Stellen des Albums scheint diese historische Sensibilität auf, besonders dort, wo Ocean Gefühle für Männer äußert. Er tut dies nie explizit. Hätte man in den vergangenen zwei Wochen nichts über sein angebliches Bekenntnis zum Schwulsein gehört, würde man an manchen Stellen nicht auf Ideen kommen. Ocean scheint sich hier auf genau jenem Grat bewegen zu wollen, der Homosozialität von Homophobie trennt. Häufig ist zu hören, die Trennlinie, von der an die Zuneigung unter Männern unter Verdacht steht, werde besonders in afroamerikanischen Gemeinschaften, somit auch im Hip-Hop und R&B, geradezu paranoid bewacht. Religion mag dafür ein Grund sein, und es gibt auch die These, im afroamerikanischen Männerbild stecke noch das Trauma der "entmännlichenden" Versklavung.

Leicht bittere Note

Das alles mag fraglich sein. Dennoch scheint sich Ocean zu überlegen, was eigentlich genau das gesellschaftliche Problem mit der Männlichkeit ist - zum Beispiel, wenn er im Song "Forrest Gump" sein Begehren in ein Footballstadion verfrachtet, wo die Menge demselben Spieler zujubelt wie er. Großartig, wie er sich hier ganze Fan-Chöre dazugebastelt hat, die in seinen nervös verliebten Refrain einstimmen. Und das ist nur einer der Sample-Tricks, die aus diesem Album fast ein Hörspiel machen. Dazu schrauben sich die Melodien jedes einzelnen Songs tief ins Hirn, nichts klingt zu süßlich, alles ist mit einer leicht bitteren Note überzogen. Ocean etabliert mit "Channel Orange" für den R&B tatsächlich einen neuen Stil. Man könnte ihn California Neo-Noir nennen.

Das einzig Merkwürdige an diesem frühen Meisterwerk ist, dass am Ende noch ein völlig überflüssiger, versteckter Bonus-Track wartet: "Golden Girl" spielt an einem verlockend rauschenden Traumstrand auf einer Trauminsel, Ocean bezirzt zu lässigem karibischen Hängemattenbeat eine Traumfrau, mit der sich Kinder kriegen und gemeinsam alt werden lässt. Das Stück ist keineswegs schwach, weil er sich hier als Familienvater imaginiert. Nur: Muss die Auserwählte unbedingt in Gold aufgewogen werden? So wertvoll wie ein 24-Karat-Edelstein sei sie, singt Ocean.

Wo ist da die metaphorische Finesse, mit der Kleopatra vorher in ihre 15-Zentimeter-Heels schlüpfte oder mit der Ocean zuvor den Materialismus ironisiert? "Super Rich Kids" handelt zu Beginn von trostlos reichen Bälgen, die in Ladera Heights, dem "schwarzen Beverly Hills" von Los Angeles, kistenweise Paradewein runterkippen, ohne überhaupt dessen Namen richtig aussprechen zu können. Ein Bild vollständiger Leere, für das sich Ocean den Refrain von Mary J. Bliges "Real Love" leiht, einem Glanzstück des R&Bs der neunziger Jahre, in dem erfolglos nach der wahren Liebe gesucht wird. Ganz am Ende des Albums in "Golden Girl" soll sich die Suche dann aber doch abkürzen lassen, ganz einfach mit Kreditkarte und einem Besuch beim örtlichen Juwelier?

Es ist eigentlich nicht vorstellbar, dass dieser schiefe Schlussakkord - der auf einer LP von Usher vermutlich zu den besseren Songs gehörte - keine bewusste Entscheidung war. Sicher wollte Ocean, während ihn manche längst als neuen Marvin Gaye oder Stevie Wonder bejubeln, eine weitere, allzu klare Zuschreibung im großen Bogen umsteuern - nämlich die, dass er ein unfehlbares poetisches Genie ist. Niemand soll offenbar behaupten können, er sei mit seinem allerersten Album schon direkt bei der Perfektion angekommen.

© SZ vom 16.07.2012/cag
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