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"Culture Recovery Fund":Bitte bejubeln

Die gebeutelte britische Kultur erhält von Boris Johnson endlich Nothilfe für ihre Corona-Ausfälle. Allerdings mit einer Bedingung: "Mit dem Erhalt dieser Mittel erklären Sie sich bereit, die Hilfe durch die Regierung öffentlich anzuerkennen."

Von Alexander Menden

Würde die historische Bedeutung eines Regierungschefs allein an seinen Versprechen gemessen, der britische Premier Boris Johnson befände sich als Staatsmann in derselben Liga wie jener Amtsvorgänger, als dessen Reinkarnation er sich begreift: Winston Churchill. Da war das berühmte Versprechen, dass Johnsons "Vote Leave"-Kampagne vor dem EU-Referendum auf einen Bus schrieb: Jede Woche 350 Millionen Pfund zusätzlich für den Gesundheitsdienst NHS nach dem Brexit. Der NHS wartet bisher vergeblich. Da war das Wahlversprechen, ein "ofenfertiges Abkommen" mit der EU ins Rohr zu schieben. Johnson feierte einen Erdrutschsieg, das Abkommen wird womöglich nie gebacken.

Im Juli versprach Johnson ein Hilfspaket von umgerechnet 1,71 Milliarden Euro, um den durch von der Coronakrise wirtschaftlich schwer angeschlagenen Kultursektor des Landes zu stützen. Da hatten die ersten Theater bereits zugemacht, die Royal Academy of Arts bereitete sich auf die Entlassung Hunderter Mitarbeiter vor. Doch die allgemeine Reaktion im Kulturbetrieb lautete: Besser spät als nie.

Doch es vergingen dann mehr als 100 weitere Tage, während die Lage für die Kultur immer bedrohlicher wurde. Nun ist allerdings etwas geschehen, das nicht immer die Folge eines von Johnson abgegebenen Versprechens ist: Die Regierung hat dieses Versprechen tatsächlich eingelöst. Seit vergangener Woche fließt Geld aus dem "Culture Recovery Fund", der sich aus dem regulären Subventionstopf und aus Mitteln des Finanzministeriums speist.

Auch wenn das in den meisten Fällen nur bis März ausreichen wird, um coronabedingte Ausfälle zu decken, äußerten sich diejenigen, die etwas abbekamen, ähnlich überschwänglich wie Kathryn McDowell, Geschäftsführerin des mit umgerechnet 927 000 Euro bedachten London Symphony Orchestra, die sagte, sie sei der Regierung "zutiefst dankbar für diese dringend benötigte finanzielle Unterstützung".

Geld kriegen Kultureinrichtungen, wenn sie sich in sozialen Medien darüber begeistert zeigen

Doch es meldeten sich umgehend auch kritische Stimmen, die anmerkten, dass jede geförderte Institution die Anweisung bekommen habe, "auf Ihren Social-Media-Konten, auf Ihrer Website und in Ihren Newslettern diese Unterstützung zu begrüßen". In dem Schreiben hieß es weiter: "Mit dem Erhalt dieser Mittel erklären Sie sich bereit, die Hilfe durch die Regierung öffentlich anzuerkennen. Darüber hinaus müssen Sie Ihre lokalen Medien darüber informieren." Die kulturpolitische Sprecherin der Labour-Opposition, Jo Stevens, erklärte, es sei "zutiefst beleidigend für Kunstorganisationen, gezwungen zu sein, eine Regierungskampagne auf diese Weise loben zu müssen".

Für Boris Johnson wäre es dennoch eine Gelegenheit gewesen, zu beweisen, dass er öffentliche Förderung nicht nur persönlichen Freunden wie der Amerikanerin Jennifer Arcuri zukommen lässt, die gerade eine Affäre mit Johnson zu Protokoll gegeben hat, sondern auch bedürftigen Institutionen. Das schriftlich eingeforderte Lob heimst aber nicht der Premier ein, sondern sein Schatzkanzler Rishi Sunak. Ob Johnson das gefällt, darf man bezweifeln: Sunak wird schon jetzt als sein Nachfolger gehandelt.

© SZ vom 21.10.2020

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