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Coronakrise und Geschlechterverhältnis:Die Home-Sorge

Die Arbeit und das private Leben verschwimmen. Aber die Wohnung war immer schon ein Ort voller Arbeit: vor allem für Frauen.

Von Agnes Striegan

Die Ausgangsbeschränkungen und das Home-Office drängten das Berufliche endgültig ins Private, liest man. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwömmen, das sei ein Problem. Verständlich. Nur: Das Zuhause war immer schon ein Ort voller Arbeit, bezahlter und unbezahlter. Vor allem für Frauen.

Die Trennung zwischen Arbeiten und Wohnen hat sich überhaupt erst im 19. Jahrhundert entwickelt, mit der Entstehung des Bürgertums. Davor hatten die meisten Menschen zu Hause gearbeitet, als Landwirte oder Handwerker. Und gerade Frauen erledigten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Lohnarbeit in ihren Wohnungen: Große Teile der Textilbranche lebten davon, dass Frauen zu Hause Hutbänder und anderes mehr nähten; Produkte, für die sie keine Maschine brauchten. Eigentlich stammt unsere Vorstellung von der Wohnung als arbeitsfreie Zone aus der Zeit nach 1945.

Und diese Vorstellung ist - oder war - nur dann einigermaßen realistisch, wenn mit Arbeit bezahlte Arbeit gemeint ist. Denn das Zuhause beherbergt eine Menge unbezahlter Arbeit: Kochen, Waschen, Putzen, Kinder erziehen, überhaupt das Familienleben organisieren. Man spricht auch von Care-Arbeit: Reproduktionsarbeit, Pflegearbeit, Fürsorgearbeit. Die wird nur oft übersehen.

Die unbezahlte Hausarbeit kennt auch keinen richtigen Feierabend

Diese vergessene Hausarbeit erledigen auch heute noch hauptsächlich Frauen. Bis 1977 waren sie in der Bundesrepublik gesetzlich dazu verpflichtet, den Haushalt zu führen. In der DDR änderte die Berufstätigkeit von Frauen kaum etwas daran, dass sie - dann eben zusätzlich - den Haushalt schmissen. Einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation von 2018 zufolge verrichten Frauen weltweit etwa viermal mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer. In Deutschland kümmerten sich laut einem 2016 veröffentlichten Bericht von Eurostat und Statistischem Bundesamt 72 Prozent aller Frauen täglich in irgendeiner Form um den Haushalt, aber nur 29 Prozent der Männer. Einige Feministinnen fordern, Hausarbeit zu bezahlen, andere fürchten, dann würden Frauen erst recht darauf fixiert - bislang hatten die Verfechterinnen des Hausarbeitslohns jedenfalls keinen Erfolg. Wenn Hausarbeit ausgelagert wird, dann meist auf andere, ärmere Frauen. Und in der Krise, konstatierte die Personalberaterin Claudia Irsfeld vergan-gene Woche im SZ-Interview, trete die alte Rollenverteilung umso stärker hervor.

Was ist also von dem Hinweis zu halten, es sei auch im Home-Office wichtig, Arbeit und Privates zu trennen? Dass es in Ordnung sei, sich in der Mittagspause Zeit zum Kochen zu nehmen? Arbeit, Kochen und Privates sind oft dasselbe. Das Home-Office müsse abends ein Ende kennen, heißt es - Hausarbeit aber kennt keines. Und wem im Home-Office die Kolleginnen und Kollegen fehlen - früher fragten sich Feministinnen, wie Frauen überhaupt gemeinsam für ihre Rechte einstehen sollen, wenn sie einander nicht bei der Arbeit sehen.

© SZ vom 22.04.2020

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