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Internet-Plattformen für Fans:Viele Tausend Mäzene

Adult Swim Festival 2018

"Patrons" nennt die amerikanische Sängerin Zola Jesus ihre Fans auf der Patreons-Seite. Immerhin zählt sie dort schon 700 Fans, die sie finanziell unterstützen.

(Foto: OH)

Keine Konzertauftritte? Keine Filmpremieren? Viele Stars nutzen jetzt Plattformen wie Patreon und Cameo als exklusive Kanäle. Gegen Bezahlung gibt es auch private Einblicke. Und Stars wie Alice Cooper singen Geburtstagsständchen.

Von Jan Kedves

Harte Zeiten für Fans sind das gerade. Normalerweise quetschen sie sich beim Konzert in die erste Reihe, oder am roten Teppich an die Absperrung. Sie campieren vor dem Hotel, in dem ihr Star übernachtet. Die härtesten unter ihnen reisen dem Star sogar um die Welt hinterher, auf eigene Faust und eigene Kosten. Daher kommt ja der Begriff: Fans sind Fanatiker.

Für Stars sind es genauso harte Zeiten. Sie dürfen wegen des Coronavirus gerade nicht touren, die Konzerthallen sind leer, Filmpremieren fallen aus. Die Stars hocken, wie ganz normale Menschen, zu Hause. Das bringt ihre Ökonomie durcheinander, denn es kommt ja kein Geld herein, oder jedenfalls viel weniger Geld als vorher. Auch das spezielle Star-Fan-Verhältnis gerät durch Corona durcheinander. Es basiert doch sonst darauf, dass der Star hin und wieder irgendwo physisch auftaucht, wohin der Fan dann unbedingt will, und dass es neue Produkte von und mit dem Star zu kaufen gibt.

Kostenpflichtige Abos und exklusive Videos

Und schon wäre der Hauptgrund dafür genannt, dass sich im Jahr 2020, im Jahr des Coronavirus, immer mehr Stars auf digitalen Fan-Plattformen angemeldet haben und dort nun mit ihren Fans direkt in Kontakt treten, beziehungsweise: Immer mehr Stars bieten ihren Fans kostenpflichtige Abonnements und exklusive Videos an.

Gemeint sind nicht soziale Plattformen wie Instagram. Die sind zwar gut für die Reichweite und für Werbung. Geld kommt aber über diese sozialen Medien nicht herein. Bei Fan-Plattformen wie Cameo, Patreon oder Onlyfans ist das anders. Dort sieht oder hört der Fan die Inhalte eines Stars nur gegen Bezahlung. Patreon zum Beispiel, gegründet 2013 von dem kalifornischen Jazz-Gitarristen Jack Conte, ist eine Plattform, auf der Stars - viele von ihnen sind Musiker - vorab skizzieren, was sie als Nächstes vorhaben. Und die Fans helfen ihnen dann mit einer monatlichen Zahlung bei der Realisierung des Projekts. Vielleicht kommen sie sich dabei vor wie kleine Mäzene? Die amerikanische Goth-Pop-Sängerin Zola Jesus zum Beispiel verspricht ihren "Patrons" - so nennen sich Fans auf Patreon - ein exklusives neues Album und ein exklusives Konzert im Live-Stream. Aktuell hat Zola Jesus auf Patreon 700 Unterstützer, die zwischen einem und 25 Dollar pro Monat für das Abo zahlen. Je nach Mitgliedschaftsmodell zieht Patreon für den Service fünf bis 12 Prozent der Einnahmen ab.

Über Patreon lassen sich Plattenproduktionen im Vorhinein absichern

Patreon ist eine Fan-Plattform, auf der es vergleichsweise unhysterisch zugeht. Man scheint hier tatsächlich an künstlerischer Produktion interessiert zu sein, an kreativen Prozessen. Die Einstürzenden Neubauten aus Berlin sind auch vertreten. Die Band um Blixa Bargeld fing schon lange vor den Zeiten des heutigen Plattform-Kapitalismus an, neue digitale Finanzierungsmodelle für sich zu testen. Um nicht mehr so abhängig von Plattenfirmen und ihren Vorschüssen zu sein, rief die Band 2002 auf ihrer Website das "Supporter's Project" ins Leben. Fans konnten sich ein neues Album kaufen, das noch gar nicht aufgenommen worden war. Patreon bietet für solche Finanzierungs- und Vorschussmodelle nun eine ausgereifte digitale Infrastruktur, in die Künstler sich einfach einklinken können. Die Einstürzenden Neubauten, die aufgrund der Pandemie mit ihrem aktuellen Album "Alles in Allem" im Jahr 2020 nicht auf Tour gehen konnten, haben auf Patreon derzeit 650 Patrons.

Am anderen Ende des Fan-Spektrums lockt die Plattform Onlyfans, und zwar mit Voyeurismus. Das Versprechen hier lautet: Fans bekommen exklusive Einblicke in das privateste Privatleben ihrer Stars. Die Trennlinie zur Pornografie ist kaum zu ziehen, was nicht wundert, wenn man weiß, dass der Erfinder von Onlyfans schon die Erotik-Webseite Glamgirls betrieb, bevor er 2016 dann Onlyfans startete. Sein Name ist Tim Stokely, er ist Brite, er nennt sich "Tech-Entrepreneur" und streicht 20 Prozent der Einnahmen ein.

Nacktheit und Selbstbefriedigung ist auf Onlyfans keine Bedingung, aber doch die Regel. Es waren eben die Cam-Girls, die schwulen Strip-Boys, die Pornostars, die die Plattform groß gemacht haben. Für Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen ist Onlyfans eine Möglichkeit, ihr Gewerbe selbständig und in relativ sicherem Rahmen zu betreiben: per Webcam, ohne direkten Kontakt zur Kundschaft, ohne Zuhälter.

Seit einer Weile bemüht sich Onlyfans offensiv auch um Inhalts-Lieferanten aus anderen Sparten, aus Fitness, Ernährung, besonders aus dem Pop. Der prominenteste Neuzugang war im August 2020 die New Yorker Rapperin Cardi B. In einer Videobotschaft stellte sie zu Beginn gleich klar: "Ihr braucht nicht drauf zu hoffen, dass ich mich hier ausziehe."

Was sieht man also im Onlyfans-Kanal von Cardi B? Das interessanteste Video dort ist eine circa zehnminütige Behind-the-scenes-Doku, die Anfang September hochgeladen wurde. Sie zeigt die Dreharbeiten zum "WAP"-Musikvideo, das Cardi B im August mit der Rapperin Megan Thee Stallion veröffentlichte. Mit ihrem sehr sexpositiven "WAP"-Song standen die beiden Rapperinnen in den USA wochenlang auf Platz eins der Charts. All diese luxuriösen Raubkatzen-Zimmer, Swimmingpools, vergoldeten Schlossflure und bunt gestreiften Maschinenkeller, durch die Cardi B und Megan Thee Stallion in dem "WAP"-Video laufen, hatte man eigentlich für digitale Renderings gehalten. In der Doku auf Onlyfans sieht man nun, dass die Räume existieren - eine Orgie des Kulissenbaus. Ob genügend Fans dieser Einblick 4,99 Dollar pro Monat wert ist?

Auf Cameo laufen dagegen die Geschäfte: Auf der Plattform, die 2017 in Chicago gegründet wurde, können Fans ihren Stars mitteilen, was sie von ihnen hören wollen. Und die Stars sagen das dann auf, für Geld. Eine Grußbotschaft per Video? Bestellt und geliefert. Vor einigen Tagen führte dies schon zu einem ulkigen kleinen Skandal, als nämlich der herzige amerikanische Soul-Star Smokey Robinson in einer personalisierten Videobotschaft, die jemand bei ihm zur Feier des jüdischen Chanukka-Fests bestellt hatte, das Wort Chanukka falsch aussprach: "Sie wollen, dass ich dir ein fröhliches Tschanuuukah wünsche", sagt Robinson in dem Video, das der Adressat prompt ins Netz stellte. "Ich hab' keine Ahnung, was Tschanuuukah ist, aber ich wünsche dir trotzdem ein fröhliches Tschanuuukah, weil sie mir das so gesagt haben!", sagt Smokey Robinson. Mit "sie" sind die Auftraggeber gemeint, die 307,50 Dollar für dieses Video bezahlt haben.

Man kann das traurig finden, oder tragisch. Jetzt ernten die Stars, die in ihrem Leben schon viel höhere Gagen gewohnt waren und die in der Corona-Krise neue Verdienstmöglichkeiten für sich ausprobieren müssen, auch noch Häme. Andererseits: Neue Dienstleistungen sind das ja eigentlich gar nicht. Es gehörte zum Beispiel schon lange zum Pflichtprogramm von Popstars auf Tour, in jeder Stadt vor ihrem Konzert noch bei einem ortsansässigen Radiosender vorbeizuschauen, um via Hörertelefon in Dialog mit den Fans zu treten.

Persönliche Treffen wie diese werden in der Regel, wenn nicht gerade irgendein Öl-Prinz aus der Golfregion Millionen Dollar für sie zahlt, unter Promotion verbucht, das heißt: Es fließt kein Geld. Jetzt sind solche personalisierten Star-Aufmerksamkeiten dank Cameo digitalisiert und bringen immerhin ein kleines bisschen Profit (die Plattform behält 25 Prozent der Einnahmen).

Der Zulauf bei Cameo ist aufgrund des Coronavirus stark gewachsen, die Plattform meldete bereits im Frühjahr 2020 einen im Vergleich zu den Monaten vor der Pandemie um 400 Prozent gestiegenen Umsatz. Über 30 000 Stars aus Pop, Film, Entertainment und Sport bieten sich hier inzwischen an. Unter ihnen ist, neben der US-Rapperin Lil' Kim und dem kanadischen Folk-Sänger Rufus Wainwright, seit Juli auch Alice Cooper.

Im März sollte Cooper eigentlich auf große "Rock meets Classic"-Tour durch Deutschland gehen, sie wurde wegen des Virus verschoben. Man bezahlt also per Kreditkarte 276 Euro - dafür erscheint dann der knuddeligste Schockrocker der Welt mit verschmiertem Kajal auf dem Screen und singt ein personalisiertes Geburtstagsständchen. Cooper sagt, er habe es sogar extra für den Empfänger komponiert: "This is your birthday song, it isn't very long." Aber wenn sich Stars auf eines verlassen können, auch in der Corona-Krise, dann ist es scheinbar dies: Ihre größten Fans sind häufig schon mit sehr wenig zufrieden.

© SZ
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