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Coming of Age:Ein Spiel von Lug und Trug

In Lea-Lina Oppermanns "Fürchtet uns, wir sind die Zukunft" spielt die Heldin mit den Gefühlen.

Von Harald Eggebrecht

Ein schneller Puls prägt diese Geschichte einer Selbstfindung, bebende Unruhe treibt sie bis ins Druckbild voran, wo das Wort "Zukunft" stets groß oder kursiv gedruckt wird. Lea-Lina Oppermann, Jahrgang 1998, lässt den begabten Jungpianisten Theo Sandmann seine Erlebnisse als Student an der Akademie für Musik und Theater fast hastig mit fiebrigem Schwung erzählen. Aufregung und Neugier, verblüfftes Lernen und plötzliches Begreifen wechseln gleich bei der ersten Begegnung mit dem großen Klaviermeister Cornelius Goldstein. Der entpuppt sich nämlich als gelassener, psychologisch tief blickender Musikweiser, dem der Sinn nicht nach Oberflächenperfektion steht. Vielmehr interessiert den Professor das, was nicht in den Noten steht, und so lässt er seinen neuen Schüler "Der Mond ist aufgegangen" einhändig spielen und mahnt: "Hören Sie sich zu beim Spielen!"

Dieser ersten erhellenden Lektion, in der Theo anfängt zu ahnen, wie er zum echten Musiker werden könnte, folgen Bekanntschaften in der Kantine mit den Kommilitonen Tofu, Michelle und Derek. Dann die Eröffnungsgala, wo nicht nur eine Studentin mit grünen Augen überraschenderweise die Tenorarie (!) des Radames aus Verdis "Aida" singt, sondern auch noch eine Tuchbahn bei der Rede des wichtigen Honoratioren aus der Saaldecke fällt mit der drohenden Aufschrift: "Fürchtet uns, wir sind die Zukunft". Und dann kommt die Begegnung mit eben jener Grünäugigen, die mit ihren aufrührerischen Reden, ihrem Bund der Eingeweihten die braven Zustände in der Akademie zum Tanzen bringen will. "Sie drehte sich um, und ich spürte ihren Blick, wie er mich von Kopf bis Fuß abtastete. Ich hielt die Luft an. Auf einmal sah ich mich wie durch eine Kamera mit fremden Augen."

Theo verfällt der Zauberin, ohne ihr wirklich nahezukommen, geht mit ihr ins Risiko trotz Höhenangst, fühlt sich als Verschworener von Aidas spontihaftem Zukunftsclub, bis die Magierin plötzlich so prosaisch wird, dass Theos Kartenhaus aus Verliebtheit und überströmendem Zukunftsglauben und -aktionismus zusammenfällt. Am Ende muss er, wie jeder, der es ernst mit der Musik meint, ganz allein auf der Bühne sitzen und sich im Wettbewerb bewähren: Musik nämlich geschieht im Hier und Jetzt, nur dort kann er deren Aufgaben lösen: "Ich bin richtig, denke ich. Ich bin hier richtig. Ich bin hier ganz genau richtig."

Oppermanns Coming-of-Age-Geschichte besticht bei allem Jugendschaum, weil sie auf Ernüchterung zielt, um der Selbstbegeisterung Herr zu werden. Außerdem entpuppt sich der Rausch von Theo nicht als verfehlte Liebesgeschichte, sondern als böses Spiel mit den Aufbruchsemphasen der Jungen.

Lea-Lina Oppermann: Fürchtet uns, wir sind die Zukunft. Beltz & Gelberg, 2021. 291 Seiten,14,95 Euro.

© SZ vom 26.02.2021
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