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Comics:Irritierende Einfachheit der Gesichtszüge

Im 2016 in Deutschland erschienenen "Daisy aus Fukushima" von Reiko Momochi wird die Geschichte über die Folgen des Reaktorunfalls in Fukushima mit dem feinstrichigen, eher kitschigen Stil des Shojo Manga verbunden. Die Reifung der Themen mag damit zusammenhängen, dass der durchschnittliche Leser von Mangamagazinen wie "Young Jump" in Japan inzwischen über dreißig ist, ernste Themen gab es aber schon immer.

Unter den Anime ist der fantastische, todtraurige Klassiker "Die letzten Glühwürmchen", der wiederholt auf Arte lief, einer der bekanntesten. Darin wird die Geschichte zweier Kinder erzählt, die in den Wirren des Zweiten Weltkrieges zu überleben versuchen. Hat man sich einmal an sie gewöhnt, verstärkt die anfangs irritierende Einfachheit der Gesichtszüge die Identifikation mit den Figuren noch, da sie hoch expressiv und leer zugleich sind - ein emotionaler Bluescreen.

Und dann gibt es noch die Werke, die - jetzt ganz tapfer sein! - kommerziell und anspruchsvoll zugleich sind, in denen etwa in einer sorgfältig erzählten Geschichte Schulmädchen mit riesigen Brüsten Arthur Schopenhauer zitieren und zugleich Unterwäscheblitzer zeigen.

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Das trifft einen weiteren Kern der Sache (beim Manga handelt es sich eher um einen Granatapfel als um eine Pflaume): Das Kommerzielle und die Machbarkeit konkurrieren nicht selten mit dem künstlerischen Anspruch, da unterscheiden sich Manga und Anime kaum von anderen Pop-Gattungen. Deshalb bedienen viele Studios in Aussehen und Inhalt die Nachfrage der Fans.

Schulaufgabe: Die Menschheit retten

Und ja: Mit Mangas lässt sich Geld verdienen. Kai-Steffen Schwarz, Programmleiter beim Carlsen-Verlag für den Bereich Manga, schätzt den Jahresumsatz aller Verlage im deutschsprachigen Raum derzeit auf rund 40 Millionen Euro. Außerdem spricht er von jährlichen Umsatz-Steigerungsraten von rund zehn Prozent in den letzten fünf Jahren. Momentan am erfolgreichsten ist die Serie "Dragon Ball" von Akira Toriyama (bei Carlsen), es sind 42 Bände erschienen, nach Angaben von Schwarz wurden über acht Millionen Exemplare verkauft.

Dass Mangas so erfolgreich sind, liegt womöglich auch an den kulturellen Unterschieden, die zuerst befremdlich wirken, näher betrachtet aber ihren eigenen Reiz entfalten. Mangas überschreiten Grenzen, die sich der "Westen" nicht träumen ließe. In "Assassination Classroom" beispielsweise, einer Serie, die seit 2014 bei Egmont läuft, geht es um eine Klasse, deren Aufgabe es ist, ihren Lehrer zu töten.

Der ist natürlich kein richtiger Lehrer, sondern ein außerirdisches Monster, ein Krake mit Smileykopf, der aus tofuartigem, sich regenerierendem Gewebe besteht. Die Schüler sollen ihn auf Wunsch des Außenministeriums töten, um die Menschheit zu retten - und eine Belohnung von 10 Milliarden Yen einzustreichen. Was klingt wie im Vollrausch ausgedacht, ist tatsächlich ein unkonventioneller und erstaunlich spannender Manga - wenn man sich darauf einlässt.

In diesem Sinne: Wer seine Vorurteile revidieren will, schaue sich den Film "Die letzten Glühwürmchen" an. Er lese die wunderbaren Bücher von Jirō Taniguchi, gucke mit seinen Kindern die Filme aus den Ghibli Studios (der berühmteste dürfte "Chihiros Reise ins Zauberland" sein) oder gebe der avantgardistischen Anime-Serie "Serial Experiments Lain" eine Chance (besser ohne die Kinder!).

Denn was den meisten Comic-Liebhabern (und Manga-Verächtern) bisher entgangen ist, ist ein ganzes Universum, so vielfältig, bizarr und liebenswert wie das wirkliche, wenn nicht noch ein bisschen vielfältiger, bizarrer und liebenswerter.

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