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Comic:Ring, ring!

Landschaften wie im klassischen Western, darin ein Cowboy - aber etwas stimmt nicht: Ausschnitt aus "Lucky Luke sattelt um".

(Foto: © Lucky Comics, 2019. All Rights Reserved - by Mawil.)

Schlangenlinien im Sand: In "Lucky Luke sattelt um" setzt der Berliner Zeichner Mawil den berühmten Comic-Cowboy aufs Fahrrad.

Die Zukunft gehört dem Fahrrad. Das wusste schon Paul Newman als Butch Cassidy in George Roy Hills Westernklassiker "Butch Cassidy and the Sundance Kid". Da kurvt er auf einem neumodischen Drahtesel zu "Raindrops Keep Falling on my Head" herum, die schöne Etta auf der Lenkstange. Nun wird ein weiterer klassischer Westernheld zum Radfahrer. In "Lucky Luke sattelt um" des Berliner Zeichners Mawil tauscht der berühmte Cowboy mit der Tolle seinen famosen Schimmel Jolly Jumper gegen ein seltsames Gefährt mit zwei Rädern: "Was . . . für . . . eine . . . bescheuerte . . . Erfindung!", ächzt Luke, während er einen Hügel hinaufstrampelt.

Erfunden hat dieses Ding ein gewisser Albert Overman, ein kleiner, niedergeschlagener Herr, dem Luke in den Weiten der Prärie begegnet. Overman schleppt eine große Holzkiste mit sich herum, in der sich das erste Modell eines modernen Fahrrads befindet. Er will beweisen, dass dieses Rad den gängigen Hochrädern überlegen ist und möchte deshalb an einem Radrennen in San Francisco teilnehmen. Luke erweist sich wie immer als selbstloser Helfer in der Not - und das ist auch nötig, denn ein skrupelloser Konkurrent Overmans will um jeden Preis verhindern, dass dieser und sein Rad heil ans Ziel kommen.

"Lucky Luke sattelt um" ist Teil eines Trends, der in den französischsprachigen Comics seit einem Jahrzehnt immer stärker geworden ist: Klassische Serien und Figuren werden durch teilweise radikale Neubearbeitungen namhafter Szenaristen und Zeichner revitalisiert. Vorreiter ist die "Spirou"-Serie mit großartigen Arbeiten von Émile Bravo ("Porträt eines Helden als junger Tor", 2008; "Spirou oder: die Hoffnung", 2018), ähnlich aufgefrischt wurde die Science-Fiction-Serie "Valerian und Veronique", und auch von "Lucky Luke" sind bereits zwei als "Hommage" betitelte Bände erschienen. Dass ein deutscher Zeichner seine Version eines großen Klassikers präsentieren darf, ist aber etwas Besonderes. Es war bislang erst einmal der Fall, bei dem Album "Spirou in Berlin", 2018 von Flix.

Lucky Luke ist bei Mawil immer noch supercool. Aber er muss auch ein bisschen leiden

Wie Flix zählt der 1976 geborene Mawil - bürgerlich: Markus Witzel - zu den profiliertesten deutschsprachigen Graphic-Novel-Zeichnern. Beide gehören einer Generation an, die vor rund 15 Jahren antrat, dem Erzählen im Comic wieder zu seinem Recht zu verhelfen. In der avantgardistisch orientierten hiesigen Szene der Neunziger war dies eher verpönt. "Wir können ja Freunde bleiben" (2003), die bittersüß-tragikomische Geschichte einer unglücklichen Liebe, war Mawils Durchbruch; in "Kinderland" (2014) schilderte er eine Jugend in Berlin unmittelbar vor dem Mauerfall. In den meisten seiner Arbeiten, auch in der One-Pager-Sammlung "Singles Collection" (2015), schöpft er aus eigenen Erfahrungen, verfällt aber nicht in die Jammerlappenhaftigkeit, die viele andere autobiografisch inspirierte Comics so anstrengend macht.

Angesichts dieser Arbeiten mag Mawils Interesse an Lucky Luke verwundern. Der Cowboy, der 1946 von dem belgischen Zeichner Morris erfunden wurde und dessen Abenteuer lange René Goscinny schrieb, ist nicht nur ein europäischer Comic-Mythos, sondern auch - neben Asterix und Donald Duck - die hierzulande beliebteste Comic-Figur. Mawils Annäherung an Luke geschah über einen Umweg, wie er im Gespräch darlegt: "Da hat mir der Overman sehr geholfen, weil er zwar ein toller Fahrradkonstrukteur ist, aber ansonsten ziemliche Schwierigkeiten hat, sich in der Welt zurecht zu finden. Das verbindet ihn mit den Figuren meiner anderen Comics." Außerdem hat Mawil dem Cowboy ein paar sehr menschliche Schwächen zugestanden: "Er ist natürlich supercool, aber ich lasse ihn wenigstens ein bisschen schwitzen und leiden. Er kann sich bei mir nicht immer mit einem gezielten Schuss aus jeder brenzligen Situation hinausschummeln."

Statt Lucky Lukes Fahrversuche zeigt Mawil ihre Spuren: Hand- und Hinternabdruck im Sand

Lustig ist "Lucky Luke sattelt um" (Egmont Comic Collection, Berlin 2019, 64 Seiten, Softcover: 7,99 Euro, Hardcover: 15 Euro) natürlich trotzdem. Der Humor ist bei Mawil nur etwas schärfer und schräger als in den regulären Alben. Die Gags sind das Ergebnis eines sorgfältigen Ausleseprozesses: "Ich habe mir überlegt: Ein Fahrrad im Wilden Westen - was kann da passieren? Alle Gags, die mir so eingefallen sind, habe ich aufgeschrieben, und als ich eine lange Liste hatte, habe ich mit dem Überprüfen angefangen. Waren sich zwei Gags zu ähnlich, habe ich einen weggelassen." Wie gut Mawil, der selbst passionierter Radfahrer ist, sein Humorhandwerk versteht, zeigt etwa die Szene, als Lucky Luke zum ersten Mal auf das neumodische Rad-Ding steigen muss. Ein durchschnittlicher Zeichner hätte vielleicht eine Slapstick-Szene daraus gemacht. Mawil aber zeigt nur zwei Verfolger Lukes, die anhand der merkwürdigen Spuren im Sand - Schlangenlinien, Hand-, Fuß- und sogar ein Hinternabdruck - darüber rätseln, was hier passiert sein könnte. Ihr staunendes Fazit: Zwei besoffene Schlangen müssen Lucky Luke gefressen haben.

Mawil musste beim Zeichenstil kaum Konzessionen an die Lizenzgeber machen. Die Bilder sollten nur übersichtlich, gut lesbar sein. Anspielungen auf andere "Lucky Luke"-Alben gibt es nicht: "Das wäre sicherlich schön gewesen, aber dafür hatte ich gar keine Zeit. Es hat mich schon genug beschäftigt, Luke gescheit zeichnen zu können."

Und dann ist da ja auch noch Jolly Jumper. Ihm hat Mawil sich mit besonderer Liebe zugewendet. Die Enttäuschung und die Eifersucht des Pferdes, das den Eindruck hat, von seinem Herrn zugunsten eines zweirädrigen Metallgestänges abgeschrieben worden zu sein, verleihen dem Album einen Human Touch, den man in "Lucky Luke" sonst nicht findet. Dass Luke am Ende wie stets "I'm a poor lonesome cowboy" singend davonreitet, ist hier erstmals mehr als die Parodie eines Klischees: Er hat ja wirklich bloß sich und Jolly Jumper. Zum Glück sind die zwei dann wieder vereint; nur dass am Sattel nun eine Fahrradklingel klemmt: "Ring, ring!"