Comic Die Wunderwaffe des Sozialismus

Für die Doppelgesichtigkeit der scheinbar so harmlosen DDR findet der Berliner Comic-Künstler Flix so komische wie beklemmende Bilder.

(Foto: Carlsen)

"Spirou in Berlin" ist der erste Band der Reihe, der von einem nicht-frankophonen Künstler entwickelt wurde. Dem deutschen Zeichner Flix ist damit ein zukünftiger Klassiker gelungen.

Von Christoph Haas

Es ist die Zeit der Reprisen, der Variationen. Man könnte auch sagen: Es ist die Zeit, in der sich der europäische Comic-Markt ein wenig amerikanisiert. In den USA ist es - zumindest bei den dort dominierenden Superhelden-Comics - üblich, dass Figuren und Serien im Lauf der Jahrzehnte von verschiedenen Künstlern sehr unterschiedlich gestaltet werden. Die klassischen belgischen und französischen Serien - von "Tim und Struppi" über "Blake und Mortimer" bis zu "Blueberry" und "Thorgal" - lagen dagegen immer in den Händen weniger Künstler; zudem wurde sorgfältig auf die Homogenität der jeweiligen fiktionalen Universen geachtet.

Inzwischen wird diese doppelte Regel aber gerne durchbrochen, und das heißt auch: Radikale, zuvor undenkbare Experimente sind im Umgang mit dem Erbe durchaus erwünscht. Am konsequentesten betreibt diese Politik seit einigen Jahren der Dupuis Verlag. In der Reihe "Spirou Spezial" lässt er individuelle Versionen seines Flaggschiff-Titels erscheinen, die von der Originalserie mitunter stark abweichen und auf ein erwachsenes Publikum zielen. So ist es nun dazu gekommen, dass mit dem deutschen Zeichner Flix ("Held", "Faust I", "Münchhausen") zum ersten Mal überhaupt ein nicht-frankophoner Künstler ein "Spirou"-Album vorlegen darf.

Flix lässt seine Geschichte im September 1989 spielen, kurz vor dem Fall der Mauer. Der Graf von Rummelsdorf, der beste Freund von Spirou und Fantasio und ein berühmter Pilzforscher, wird in die DDR eingeladen, angeblich zu einem Kongress. Als er keine Lust zeigt, die Fahrt anzutreten, wird er entführt. Spirou, Fantasio und ihr kecker Begleiter, das Eichhörnchen Pips, reisen ihm nach und quartieren sich im Ost-Berliner Palast-Hotel ein. Unterstützt von einer jungen Bürgerrechtlerin, kommen sie einer Wunderwaffe des Sozialismus auf die Spur, mit der ihr Erzfeind Zantafio, der böse Cousin Fantasios, das Honecker-Regime vor dem Staatsbankrott retten will.

"Spirou in Berlin" ist ein Comic, der einerseits vor Referentialität strotzt. Es gibt diverse Anspielungen auf die von Franquin in den Fünfzigern und Sechzigern gezeichneten Highlight-Alben der ursprünglichen "Spirou"-Serie. Zugleich streut Flix Verweise auf die westdeutsche Kultur der Achtziger und die deutsch-deutsche Geschichte ein: Ein begeistert Tennis spielender Schimpanse heißt Boris und ruft gerne "Bum Bum"; an einer West-Berliner Ampel wartet Gerhard Seyfrieds vollbärtiger kleiner Comic-Anarcho; bekannte Politiker-Aussprüche aus Ost und West - etwa Helmut Kohls "Wichtig ist, was hinten rauskommt" - werden Figuren in den Mund gelegt und erhalten durch diese Dekontextualisierung einen neuen, witzigen Sinn.

Andererseits erschöpft sich der Band nicht in solchen amüsanten Spielereien. Mit Ausnahme von Émile Bravos epochalem "Porträt eines Helden als junger Tor" (2008), der unmittelbar vor Beginn des Zweiten Weltkriegs in Brüssel angesiedelt ist, hat sich ein "Spirou"-Abenteuer noch nie so realistisch und ernsthaft mit der historischen Wirklichkeit beschäftigt. Flix gelingt es nicht nur, eine spannende Geschichte zu erzählen, er führt auch schlüssig die fatale Doppelgesichtigkeit der scheinbar so harmlos-friedlichen DDR vor: In einer erschütternden Szene wird Fantasio in einem Stasi-Gefängnis gnadenlos der Hell-Dunkel-Folter unterzogen.

Die meisten heutigen "Spirou"-Zeichner orientieren sich mehr oder minder stark an André Franquin. Flix ist dagegen seinem eigenen Stil weitgehend treu geblieben. Nur die Hintergründe sind deutlich sorgfältiger ausgearbeitet, als dies sonst bei ihm der Fall ist. Hier greift der dokumentarische Anspruch der frankobelgischen Schule: Spielt ein Geschehen an realen Orten, so sollen diese auch korrekt wiedergegeben werden. Wie in seinem Zeitungsstrip "Schöne Töchter" bricht Flix die schlichte Panelreihung mehrmals zugunsten eines Layouts auf, das den Leser auf eine ungewöhnliche, aber stets schlüssige Weise über die Seite führt. "Spirou in Berlin" ist ein außergewöhnlich gelungenes Album, nichts Geringeres als ein zukünftiger Klassiker.

Auch die "Gaston"-Reihe wird neu gedeutet: Einmal wird dem Faulpelz sogar gekündigt

Neben dem Marsupilami - das aus juristischen Gründen in "Spirou in Berlin" leider nicht mit dabei sein darf - zählt Gaston Lagaffe zu den populärsten Figuren, die André Franquin erfunden hat. Die One-Pager, in denen dieser Bürobote von 1957 an sein kreatives Unwesen trieb, sind im Grunde Vorläufer der Underground-Comix. Anders als Spirou und seine Kollegen aus der Zeit, als Comics ausschließlich für Minderjährige gemacht wurden, ist Gaston kein abenteuerlustiger und tugendhafter Held, sondern ein Faulpelz, Chaot und Träumer, dessen Lebensmotto eine der zentralen Parolen des Pariser Mai '68 sein könnte: "Die Fantasie an die Macht!"

Anlässlich von Gastons 60. Geburtstag im vergangenen Jahr ist ein Band mit Hommagen erschienenen, an dem sich mehrere Dutzend französische und belgische Comic-Künstler beteiligt haben. Die meisten von ihnen stammen aus dem Umfeld des wöchentlich erscheinenden Spirou-Magazins, und einige von ihnen sind auch im deutschsprachigen Raum bekannt: Fabian Vehlmann und Yoann - das Team, das aktuell die reguläre "Spirou"-Serie betreut -, Lewis Trondheim, Blutch, Olivier Schwartz und Jean-Claude Götting. Vieles in der "Galerie der Katastrophen" variiert die von Franquin vorgegebenen Muster: Gaston ersinnt immer neue Mittel, dem Nichtstun zu frönen, sabotiert kunstvoll die Arbeit seiner Vorgesetzten und beglückt die Welt mit sensationellen Erfindungen, die regelmäßig zu Unfällen aller Art führen.

Das ist nichts Neues, aber die Gags sind durchweg so gut, dass man es mit erheblichem Vergnügen liest. Manche Beiträge werfen aber auch einen völlig neuen Blick auf den "Gaston"-Kosmos, etwa aus autobiografischer Perspektive oder indem statt der humoristischen eine realistische Darstellungsweise gewählt wird: Götting etwa zeigt in deprimierenden Grau-Weiß-Bildern Gaston als schüchternen jungen Mann, dem aufgrund seiner Unfähigkeit gekündigt wird. So ist ein Band entstanden, der sich durchaus auf der Höhe seines genialen Vorbilds bewegt und sogar Lust auf mehr macht: Wie wäre es denn, wenn sich nicht nur Flix an "Spirou", sondern deutsche Zeichnerinnen und Zeichner auch an "Gaston" erproben dürften?

Flix (Text und Zeichnungen): Spirou in Berlin. Carlsen Verlag, Hamburg 2018. 64 Seiten, 16 Euro. Verschiedene Texter und Zeichner: Gaston - Galerie der Katastrophen. Carlsen Verlag, Hamburg 2018. 64 Seiten, 14,99 Euro.