Preise der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung:Darmstadt telefoniert nach oben

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Verleihung Georg-Büchner-Preis

Der Akademiepräsident Ernst Osterkamp gratuliert Clemens J. Setz zum Georg-Büchner-Preis, der am 6. November 2021 im Staatstheater Darmstadt überreicht wurde.

(Foto: Helmut Fricke/dpa)

Abend der unwahrscheinlichen Verbindungen: Wie Clemens J. Setz, Franz Schuh und Hubert Wolf die Preise der Akademie für Sprache und Dichtung bekamen.

Von Marie Schmidt, Darmstadt

Man muss sich ja oft krummlegen, wenn man aus den Werken und Reden sehr unterschiedlicher Autoren ein gemeinsames Motiv herauslesen will. Diesmal ergab es sich mit seltener Klarheit, als im Staatstheater Darmstadt die drei großen Preise der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen wurden: Alle Gewinner und ihre Laudatoren (nicht generisch, in diesem Jahr alle männlich), hatten mehr oder weniger das Sprechen mit schwer ansprechbaren Instanzen zum Thema.

Die Preisverleihung bei der Herbsttagung der Akademie ist als Feier außergewöhnlicher Eleganz in Texten angelegt, in Kritik, Wissenschaft und schöner Literatur. Den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay bekam diesmal der österreichische Autor Franz Schuh. Dafür, dass er das "Tragische und das Komische der menschlichen Existenz" versprachliche, so die offizielle Begründung - in seinen Büchern finde man eine "Negative Dialektik mit Schmäh", sagte der Laudator Armin Thurnher, Kollege Schuhs aus dem Teil des österreichischen Journalismus, der sich besonders auf "radikale Nichtkorruptheit" beruft.

Schuh selbst kam von Krankheit gezeichnet schweren Schrittes auf die Bühne, um dann leichter Hand eine Ästhetik aus ironischer Negativität zu entwickeln. Er endete dann aber eben doch mit dem Erbe, das die Religion der Kunst hinterlassen habe: den Blick auf die letzten Dinge des Lebens und "das Wunder einer nicht narzisstischen Selbstreflexion".

"Welche Sprache spricht Gott? Ist sie gendergerecht?"

Für einen "herausragenden Sprachstil" in wissenschaftlicher Prosa ist der Sigmund-Freud-Preis ausgelobt. Laudatiert von Christoph Markschies, selbst Theologe und Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, wurde dieser Preis dem Kirchenhistoriker Hubert Wolf verliehen. "Welche Sprache spricht Gott? Welcher Grammatik folgt sie? Ist sie gendergerecht?", stellte Wolf sein Erkenntnisinteresse vor: "Und vor allem: Muss sich diese Sprache nicht, wenn Gott das Höchste ist, was gedacht werden kann, durch eine nicht zu übertreffende Schönheit des Ausdrucks und Eleganz des Stils auszeichnen?" Von der philologischen Arbeit an der oft stockenden Kommunikation zwischen Gott und seinen menschlichen Stellvertretern gab Wolf dann einige Proben.

Als es schließlich um das Werk des Schriftstellers Clemens J. Setz ging, der den berühmtesten, den Georg-Büchner-Preis bekam, wurden die Kanäle der Verständigung erst richtig wild: Ijoma Mangold, Literaturkritiker der Zeit, entschlüsselte in seiner Laudatio die untergründigen Verbindungen zwischen Sprache, Emotionen und Sinneseindrücken in den Büchern des Synästheten Setz. Er zeigte, wie seine Romane wie Computerspiele zum Nachspielen animieren können. Und wie unter Setz' Figuren oft diejenigen die rührendsten sind, die aus Maschinen, Computern und Robotern sprechen. "Nichts Nicht-Menschliches ist ihm fremd, keine Abweichung unzugänglich", sagte Mangold, und seine letzte Wendung betraf noch Setz' Verbindung zu den Abweichungen, die keine sind, sondern "seelische Pein".

Im Kern von Setz' Literatur: eine enorme Rücksicht

Dass der Akademiepräsident Ernst Osterkamp dem selten jungen Preisträger in seinen einführenden Worten die übersichtlichen Jahrzehnte vorrechnete, die seit seiner Geburt vergangen sind (fast vier, immerhin), wurde womöglich ausgeglichen durch die Süffisanz, mit der Mangold die Akademie in Facebooks Metaverse einführte, "sollten Sie Tiktok verpasst haben".

Clemens J. Setz brachte das Publikum schließlich sehr zum Lachen und rührte es mit seiner Erzählung von dem Tierpsychologen Karl Krall, der den Pferden das Menschenalphabet beizubringen versuchte. Im Kern seiner Literatur wird durch seine Dankesrede eine enorme Rücksicht erkennbar, so umfassend, dass sie sogar noch Wesenheiten jenseits unserer heutigen Vorstellung einschließen müsste, mit deren Botschaften "eine in unserem Namen in ein aphasisches, menschenfeindliches Jenseits ausgeschickte Sonde" zurückkommen könnte. Gerade da, wo man davon ausgehen müsse, nicht verstanden zu werden, beginne die Aufgabe des Erzählens, so Setz. Eine beeindruckend selbstlose Poetik.

Und ein Preisjahrgang, in dem bei aller hier wie überall beteuerten Freude darüber, dass man ihn nach dem letzten Pandemiejahr wieder physisch zusammen in Darmstadt feiern konnte, die fernen Verbindungen zu ganz oben und ganz außen, dem Transzendenten und Außerweltlichen offen blieben.

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