Classical Art Memes "Der Moment, in dem du merkst: Dein Handy ist weg"

Das Internetphänomen "Classical Art Memes" versieht Kunstwerke mit modernem Witz und macht sie zur Jugendkultur.

Von Juliane Liebert

Neben den vielen hässlichen Dingen, die uns das Internet beschert hat, neben den Kinderfotos, den Katzenbaby-Gifs und Youtube-Stars, hat es auch ein Phänomen von universeller Schönheit erschaffen: Classical Art Memes (kurz: Cam).

Das Konzept ist simpel: Alltagsbeobachtungen des modernen Lebens werden mit klassischen Gemälden illustriert. Das funktioniert nicht nur, sondern ist oft unterhaltsam - und zeitweise sogar brilliant. Auf einmal erscheint, was nie zusammengehörte, als sei es füreinander geschaffen: So passt der Gesichtsausdruck von "David Garrick als Richard der 3." von William Hogarth perfekt zu dem Moment, in dem man feststellt, dass man sein Smartphone nicht in der Tasche fühlt.

Anderes Beispiel: Wenn unterschiedliche Gruppen von Freunden am selben Abend ausgehen wollen und man sich zwischen ihnen hin- und hergerissen fühlt, erinnert das an das Martyrium des Hippolytus von Dieric Boots dem Älteren. Wenn die Großeltern beschreiben, wie sich ihr Schulweg anfühlte, sieht das vor dem inneren Auge in der Tat aus wie die Malerei "Die Birkebeiner" von Knud Bergslien. Und vegane Märkte sehen wirklich genau so aus:

Der Witz generiert sich dabei (keine Angst, an dieser Stelle wird nicht der Witz erklärt) aus der Kombination aus klassischer Malerei und Jetztzeit, klar. Aber da ist noch mehr: Nicht nur, dass die Gesichtsausdrücke zeitlos zu sein scheinen (und was für Gesichtsausdrücke! Die ewige Genervtheit der jungen Damen angesichts ihrer Verehrer, die Gleichmut gefolterter Seelen im Hades, die Furcht, die Freude!). Die Spannung, die durch die Text-Bildschere entsteht, ist faszinierend. Auf den ersten Blick passt natürlich überhaupt nichts, und fügt sich doch perfekt. Jahrhunderte werden auf diese Weise weggewischt, der Humor der Bilder verstärkt sich kraft ihrer Absurdität.

Dazu kommt, dass die Meme klassische Kunstwerke nicht nur wieder ins Bewusstsein der Jugend heben, sondern sie wieder wirkliche Jugendkultur werden. Was ist, wenn man eigentlich nur zwei Bier trinken wollte, aber auf einmal Konstantinopel stürmt?

Wollte man es hochtrabend formulieren, könnte man diese Memes als Zeitmaschinen bezeichnen, die uns aufzeigen, wie wenig sich der Mensch trotz allen technischen Fortschrittes eigentlich verändert hat. Man könnte es aber auch lassen und sich schlicht über den absurden Trash amüsieren, wie die bald drei Millionen Follower der Seite es tun.

Etwas besorgniserregend ist allerdings, dass die beliebtesten der Meme oft von Soziophobie, Einsamkeit und Neurosen handeln.

War das mit dem Nihilismus nicht schon vorbei?

Was hätten wohl unsere Vorfahren gesagt, wenn sie von Cam gewusst hätten? Ob sie es geglaubt hätten, als sie sich damals, den Pinsel abstreifend und ihr Werk musternd, fragten "Was werden die Menschen wohl in 500 Jahren von meinem Bild denken?" Was, wenn jemand gekommen wäre und gesagt hätte: "Nun, so hundert Jahre werden sie es toll finden, dann finden sie es 400 Jahre relativ langweilig, bis Anfang des nächsten Jahrtausends eine Kehrtwende kommt, und sie es auf einmal zu Millionen betrachten und sich über die Jahrhunderte hinweg damit identifizieren und es all ihren Freunden zeigen."

Wir werden es nie herausfinden. Andererseits, bekanntlich ist Zeit ja sowieso nur ein künstliches Konstrukt. Insofern, wer weiß?