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Zum Tod von Christo:Ingenieur des Wunderbaren

Christo

Sein letztes Werk, die Verpackung des l'Arc de Triomphe in Paris, wird Christo nicht mehr erleben, sie soll im nächsten Jahr erfolgen. (Archivbild)

(Foto: Regina Schmeken)

Gemeinsam mit seiner Frau sprengte er sanft alle Kategorien: Zum Tod des Verpackungskünstlers Christo, der das penetrant Spektakuläre seiner Aktionen stets mit Qualität überbot.

Nachruf von Joseph Hanimann

Das große Ganze hat Christo schon immer gemocht. Eine große Idee, ein klug ausgesuchter Ort und eine jahrelange minutiöse Vorbereitung gehörten zu den Grundlagen seines Schaffens. Eine weltweite Epidemie ist nun dazugekommen und hat dazu geführt, dass sein letztes Werk ohne seine Anwesenheit entstehen wird.

Das für diesen Herbst vorgesehene Projekt der Verhüllung des Pariser Arc de Triomphe musste wegen Corona auf nächstes Jahr verschoben werden und wird seine letzte Kunstaktion sein. Dieser seltene Fall eines posthum realisierten Werks ist möglich, weil bei Christo nicht nur die künstlerischen Details stimmten, sondern auch das Gesamtkonzept des administrativen Vorlaufs, der logistischen Ausführung und der auf Jahre angelegten Finanzierung. Christo war alles andere als ein Happeningkünstler, der sich mit dem Zufall verbündete und uns damit verblüffte. Er war ein Ingenieur des Wunderbaren mit solidem Handwerk und klarem Blick.

Dabei war die Kindheit des 1935 im bulgarischen Gabrowo geborenen Unternehmersohns Christo Wladimirow Jawaschew nicht besonders zauberhaft. Kriegserfahrungen und danach die Zwänge eines autoritären Regimes prägten seine Jugend. Diesen Erfahrungen entzog er sich dank seinem früh bemerkbar gewordenen Zeichentalent. Er hätte damit ein vorzüglicher Künstler des sozialistischen Realismus werden können. An der Kunstakademie Sofia bekam er dafür auch die nötige Ausbildung in Malerei, Bildhauerei und Architektur.

Mit seinen ausschweifenden Interessen über die klassischen Kunstsparten und politisch genormten Themen hinaus stieß der junge Mann aber bald an die Grenzen der Freiheit. 1956 verließ er sein Land in Richtung Prag und gelangte von dort weiter nach Wien. Über Genf kam er zwei Jahre später in Paris an, wo er sich in einem Dienstmädchenzimmer in der Nähe der Champes-Élysées einmietete. Die Bekanntschaft mit der am selben Tag wie er in Casablanca geborenen Jeanne-Claude de Guillebon führte zur Entwicklung eines legendären Künstlerpaars, das erst mit dem Tod Jeanne-Claudes im Jahr 2009 endete.

Das Paris der frühen Nachkriegsjahre bot ihm das nötige Experimentierfeld

Das Porträtmalen mit Öl während der ersten Pariser Monate betrieb Christo als reinen Broterwerb. Interessanter als die zum Bemalen aufgespannte Leinwand erschienen ihm Stoffe, die den Gegenstand mit Falten, Aufbauschungen und straffgezogenen Partien einhüllten und die Umrisse so zugleich verbargen und hervorhoben. In Stoff verpackte Flaschen und Dosen, mit Lack oder Gips gefestigt und mit Schnüren umbunden, gehörten zu den frühen Arbeiten dieser Art. "Inventar" nannte Christo sie. Bedeutsam wurden für ihn auch die Materialmischungen aus Sand, Leim und Farbe, die er in den Bildern Jean Dubuffets in der Pariser Galerie Cordier gesehen hatte. In der Werkserie "Krater", aufgerissene Bildflächen mit Randverkrustungen, schlug sich dieser Einfluss nieder. Das Paris der frühen Nachkriegsjahre bot das zugleich klassisch geformte und avantgardistisch offene Experimentierfeld, das dem Künstler Christo entsprach, bis die Flamme der kreativen Erneuerung nach New York übersprang und das Künstlerpaar ihr 1964 dorthin folgte.

Zuvor hatten die beiden mit ihrer ersten Außeninstallation 1962 in Paris vorgeführt, wie sehr ihre scheinbare Formspielerei in die politische Realität eingebunden war. "Rideau de fer", Eiserner Vorhang, hieß ein aus 89 Erdölfässern über Nacht auf der engen Pariser Rue Visconti errichtete Straßensperre, die ausdrücklich auf den Berliner Mauerbau Bezug nahm. Schon damals zeigte sich das praktische Organisationstalent des Künstlers, denn als die Polizei gegen Morgen den Abbau befahl, war das Werk schon ausreichend fotografisch dokumentiert. Die bunten Metallkanister waren ein visuelles Auflachen gegen den grauen Beton in Berlin und spielten zugleich hintergründig mit dem Treibstoff, der in dem sich anbahnenden Kalten Krieg bestimmend werden sollte. Die politische Botschaft kam bei diesem Künstlerpaar nicht als Konzept daher, sondern stets über die materielle Beschaffenheit des Werks.

Das bestätigte sich auch in den spektakulären Verpackungsprojekten nach der Übersiedlung nach New York. Schon in Paris hatte Christo an die Einhüllung monumentaler Bauten im Stadtraum gedacht und entsprechende Skizzen für die École militaire oder den Arc de Triomphe angefertigt. Die erste wichtige Arbeit dieser Art war 1972 dann der "Valley Curtain", der ein 400 Meter breites Tal der Rocky Mountains in Colorado durchquerte. Vier Jahre später folgte der 140 Kilometer lange, im Ozean sich verlaufende "Running Fence" in Kalifornien.

Der dafür aufgekommene Begriff Land Art ist jedoch zu kurz gegriffen. Statt um künstlerisch verschönerte, verfremdete oder hinterfragte Naturlandschaft handelt es sich um eine sanfte Sprengung aller Kategorien. Und die gesellschaftlich-politischen Implikationen dieser Projekte, um die sich hauptsächlich Jeanne-Claude kümmerte, spielten sich ganz konkret vor Behörden, in der Auseinandersetzung mit lokalen Projektgegnern und manchmal in Gerichtssälen ab. Denn nicht nur ästhetisch, sondern auch kunstpolitisch und ökonomisch schufen diese zum Verschwinden bestimmten Werke ganz neue Situationen. Finanziert wurden sie weder durch öffentliche Subvention noch durch die gängigen Formen des Kunstmarkts, sondern durch den Verkauf der Skizzenblätter, Modelle, Fotomontagen und anderen Vorstudien sowie durch die Erträge der nachträglich vertriebenen Kunstfotografien. In den Anfangsjahren des Künstlerpaars war das ein Unternehmen voller Tücken und Pannen. Dass es mit fortschreitender Berühmtheit der Künstler doch von den Marktgesetzen des Kunstbetriebs erfasst wurde, vermag das Ergebnis kaum zu schmälern.

Das penetrant Spektakuläre seiner Aktionen hat der Künstler Christo mit dem wuscheligen Woody-Allen-Kopf stets mit Qualität überboten. So viel man auch 1983 von den "Surrounded Islands" in Florida oder von dem 1985 wie ein schön geschnürtes Geburtstagsgeschenk in die Seine gestellten "Pont Neuf Wrapped" aus den vorbereitenden Abbildungen schon zu kennen glaubte, stand man doch jedes Mal sprachlos vor dem Resultat.

Es gab praktisch keine Grenzen mehr für eventuelle Verpackungskandidaten

Ganz besonders war dies der Fall bei der 1995 realisierten Einhüllung des Berliner Reichstags. Seit mehr als zwanzig Jahren hatte diese Idee dem Künstler vorgeschwebt. Als das Ding mit den 100 000 Quadratmetern weißer Stoffbahn aber dastand, schienen alle Assoziationen, Kommentare, Analysen zum Bauwerk und seiner Geschichte von der deutschen Einheit, von nationaler Katastrophe, Teilung und Wiedervereinigung angesichts der plastischen Wirkungskraft plötzlich hinfällig zu sein. In Erinnerung bleiben nicht die mehr oder weniger klugen Deutungen, sondern die im Gras lagernden Berliner, als wäre das Picknick vor der Monumentalität der treffendste Kommentar.

War die stumme Einhüllungsdynamik von Christo und Jeanne-Claude im öffentlichen Raum einmal in Gang, gab es praktisch keine Grenzen mehr für eventuelle Verpackungskandidaten. Als Mitteleuropäer mit amerikanischer Staatsbürgerschaft und dem Erfahrungshintergrund des Eisernen Vorhangs beschränkte Christo sich aber im Wesentlichen auf die westliche Welt und mied, abgesehen von Japan, fremde Kontinente. Neben den konkret ökonomischen Gründen seiner Produktionsweise dürfte dabei die Furcht mitgespielt haben, in exotischen Ästhetizismus abzugleiten.

Das Falten und Entfalten der Stoffe betrieb er als universale Kunstpraxis, wie Nomaden ihre Zelte auf- und abbauen: höchst sensibel für die Beschaffenheit des jeweiligen Orts, aber gleichgültig gegenüber seinen Legenden. So verstand er es, die Blickfänge unserer Alltagswelt vorübergehend auszuschalten und dadurch umso schärfer als solche deutlich zu machen. Zu seinen letzten wichtigen Arbeiten gehörten 2005 die 7500 safranorangenen Bögen "The Gates" im New Yorker Central Park und der silbergrau eingepackte, rot verschnürte Triumphbogen in Paris, dessen Realisierung Christo nächstes Jahr nur noch als unsichtbarer Zeuge wird überwachen können. Er sei am Sonntag eines natürlichen Todes gestorben, heißt es aus seinem Mitarbeiterstab. Am Projekt wolle man aber festhalten.

Christo wurde 84 Jahre alt.

© SZ vom 02.06.2020
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