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Christian Krachts Roman "Eurotrash":Dreckiges deutsches Geld

Zürich und der Zürichsee von oben: Auf welcher Seite liegt nochmal die Goldküste?

(Foto: mauritius images/enricocacciafotografie)

In Christian Krachts Roman "Eurotrash" ziehen Mutter und Sohn aus, um das Fürchten zu verlernen.

Von Felix Stephan

Muss man sich, um sich für Christian Krachts neuen Roman "Eurotrash" zu interessieren, auch für Christian Kracht selbst interessieren? Und muss man 1995, als Krachts Debüt "Faserland" erschienen ist, schon dabei gewesen sein? Der Roman scheint mit solchen Lesern jedenfalls zu rechnen.

Am Anfang des Romans schlägt ein Erzähler namens Christian Kracht in einem Zürcher Hotel auf. Alle zwei Monate schaut er in Zürich vorbei, der "Stadt der geldgierigen Oberleutnants und selbstherrlichen Strizzis", um seiner tablettensüchtigen und alkoholkranken Mutter Blumen zu bringen, die dort seit Jahrzehnten in einer Wohnung am Seeufer lebt und die Bunte liest, weil diese "ohne Unterlass eine immerwährende Gegenwart zeigte".

In seinem eigenen Kopf hingegen ist immer Vergangenheit. Der Erzähler denkt daran, wie seine Mutter an ihrem 80. Geburtstag zusammengekauert im Gemeinschaftszimmer der Nervenklinik Winterthur gesessen hat, "das Gesicht vom betrunkenen Hinfallen zerschrammt und mit dunkelroten Blutkrusten überzogen", vor sich einen Blumenstrauß zu 800 Franken.

Er denkt an den Vater seiner Mutter, den Untersturmführer der SS, in dessen Haus nach seinem Tod zahllose sadomasochistische Sextoys gefunden wurden. Für heimliche Kellertreffs hatte er Mädchen aus Island angeheuert, denn "nur sie, so hatte der Großvater, mein Großvater, gedacht, würden das nordische Ideal angemessen vertreten".

Und er denkt an die Wirbelsäulenoperation, vor der seine Mutter so schreckliche Angst hatte. Er hatte am Telefon noch versucht, diese vollkommen berechtigte Angst zu zerstreuen, aber natürlich gab es Komplikationen, seine Mutter lag monatelang im Koma, während der versammelte Ethikbeirat der Klinik auf den Sohn einredete, doch endlich seine Zustimmung zu geben, "dass man nichts mehr unternehme, nur noch den kleinen Plastikhahn am Morphiumschlauch etwas weiter aufdrehe, weil, wie solle sie sich denn davon erholen, was für ein Leben sei das schließlich noch? Das Leben, was sei es denn?"

Krachts Deutschland ist ein Ineinander von Luxus und Verleugnung

Diese Erinnerungen, die so schmerzhaft sind, dass man sie sich am liebsten aus dem Hirn herausmeißeln würde, sind in diesem Roman mit den traurigen Geldsymbolen, die in der neureichen Familie des Erzählers Christian Kracht stets aufsteigerstolz ausgestellt wurden, zu einem Gesamtbild verschmolzen: das Teeservice aus reinem Gold, angefertigt vom Juwelier Wilm in Hamburg, die englische Fliegeruhr von Longines, die Hermès-Taschen, all die Villen, in deren Treppenhäusern deutsche Expressionisten ungewisser Herkunft hingen.

Aus einfachen Verhältnissen hat sich der Vater des Erzählers an die Spitze des Axel-Springer-Konzerns gearbeitet, dabei ein Vermögen angehäuft und war schließlich energisch bemüht, seine Herkunft zu verschleiern, indem er sein ganzes Leben mit Mahagoni und Gold auskleidete. Aber auch die Millionen machen aus dem Sohn eines Hamburger Taxifahrers keinen englischen Gentleman, und der Erzähler erinnert sich, dass es die Hemdkragen gewesen seien, an denen er immer als Neureicher erkennbar war. Die Hemden seines Vaters seien immer neu gewesen, obwohl sie in den Kreisen, zu denen er so dringend gehören wollte, doch fadenscheinig getragen wurden, "foxed mußten sie sein".

Dieses Ineinander von Luxus und Verleugnung, von notdürftig entnazifizierter Selbstherrlichkeit, blasiertem Herrenmenschentum und grotesker Niedertracht war auch schon die Rezeptur, aus der einst die nervös-depressive Erzählstimme von "Faserland" hervorgegangen war, und bis heute fragt man sich, was in den Leuten genau vorging, die das damals affirmativ gelesen haben.

Christian Krachts Erinnerungen sind gleichzeitig kollektive Erinnerungen

Die Gegenwelt zum deutschen Wirklichkeitshorror ist in Krachts Romanen stets der Mythos, die Sprache, das Erzählen. Schamanistische Riten und englische Lyrik. Wer weiß schon, wonach der junge Christian Kracht auf der Suche war, als er als Volontär bei dem damals maßgeblichen Magazin Tempo angefangen hat. Aber dass auch in der deutschen Medien- und Werbewelt der Neunziger das Bewusstsein noch auf Verdrängung moduliert war und alle über ihre Urlaube, Autos und Uhren redeten, obwohl das Blut der Juden im deutschen Boden noch kaum versickert war, von dieser Entdeckung und der haltlosen Verzweiflung darüber handelte damals "Faserland".

Der Erzähler erinnert sich auch an diese Zeit. Er sei damals in erster Linie hemmungslos betrunken durch Berlin gewankt. Einmal habe er Joschka Fischer körperlich angegriffen, bei anderer Gelegenheit Frank Schirrmacher über die Haare gestrichen, bis der gesagt habe: "Laß das bitte sein, Christian, das mag ich nicht." Und weil der Erzähler in diesem Roman der Schriftsteller Christian Kracht ist, der Autor des Romans "Faserland", sind seine persönlichen Erinnerungen zwangsläufig auch kollektive. Einige dieser Geschichten kann man schon mal gehört haben, wenn man in den Neunzigerjahren Zeitungsartikel über Literatur gelesen hat.

"Eurotrash" wurde vom Verlag als Fortsetzung von "Faserland" angekündigt, aber hier, auf den ersten Seiten, ist es eher eine Art programmatische Rückschau, die die kollektiven Erinnerungen an die popliterarischen Neunziger noch einmal aus der Perspektive seines Protagonisten rekapituliert, Krachts "Dichtung und Wahrheit". Das dauert aber nicht lang, schon bald ändert das Buch seine Gestalt und wird zu einem großen, heiteren Abenteuerroman, bestimmt dem herzlichsten, den es von Kracht bislang zu lesen gab.

Sein Vater war ein biederer Machtmensch "ohne Gegenwelt"

Mutter und Sohn beschließen also, in die Welt zu ziehen und sich von dem Ballast der Vergangenheit rituell zu befreien, indem sie das dreckige deutsche Geld, mit dem in ihrer beider Leben stets sämtliche Probleme begonnen haben, an die erstbeste Person verschenken, die ihnen über den Weg läuft. Mit 600 000 Franken in bar setzen sie sich in ein Taxi und fahren scheinbar intuitiv Orte an, die sich dann jeweils als zentrale Ortsmarken ihre Seelenlandschaft herausstellen. Von hier an geht es zu wie in Herrndorfs "Tschick": zwei emotional defizitäre Figuren auf großer Fahrt, die sich aneinander festhalten, um nicht vollends ins Leere zu kippen.

Und auch auf dieser Reise spielen die Geschichten eine tragende Rolle, die in Krachts Romanen immer die Geborgenheit spenden, und die die wirkliche Welt nicht zu bieten hat. Allerdings verkehren sich die Verhältnisse. Bislang waren es meist die männlichen Protagonisten seiner Romane, die im Reich der Legenden Halt gesucht haben. In "Eurotrash" aber ist es der Protagonist, der diesen Halt spendet.

Christian Kracht: Eurotrash. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021. 224 Seiten, 22 Euro.

(Foto: Kiepenheuer & Witsch)

Immer wenn seine todkranke Mutter Angst hat oder panisch wird, weiß die Figur Christian Kracht, was gegen dieses vertraute Gefühl der Fundamentalverlorenheit die beste Medizin ist, und erzählt ihr eine Geschichte. Und siehe da, es wirkt, seine Mutter beruhigt sich. Während er sein Leben lang Angst hatte vor ihrer Allmacht, ihrem Manipulationstalent, ihrer Härte gegen sich selbst, erlebt er jetzt, wie sie sich, den Tod vor Augen, in seine Hände begibt.

Clemens Setz hat einmal über den Erzähler von "Faserland" geschrieben, dieser wolle sich vollkommen umstülpen, sich einmal komplett von innen auf außen drehen. Wenn der Erzähler in "Eurotrash" auch nur halbwegs derselbe ist, dürfte die Verwandlung gelungen sein. Das blendende Sfumato, mit dem Kracht sein Werk routiniert überzieht, ist natürlich immer noch da: das konsequente Abstreiten jeder Programmatik, das Herbeireden abseitiger Einflüsse, der virtuose Einsatz fremder Gedanken und Motive. Darunter aber legt der Roman einen Kern frei, der wie immer, wenn alles kompliziert scheint, am Ende ganz einfach ist. Die Mutter spricht es an einer Stelle aus: "Erzähl mir noch eine Geschichte, Christian, das kannst du so gut."

© SZ/masc
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