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Nachruf auf Chris Barber:Der Wegbereiter

Jazz-Posaunist Chris Barber gestorben

Posaunist für die Wirtschaftswunderstimmung: Chris Barber ist gestorben.

(Foto: dpa)

Chris Barber ist tot. Er hatte mit "Ice Cream" einen Welthit und ebnete in England mit Dixieland und Blues dem Rock den Weg.

Von Andrian Kreye

Irgendjemand musste dem Jazz und dem Blues in Europa ja eine Tür aufstoßen. Das war in London Anfang der Fünfzigerjahre der Posaunist Chris Barber, der am Montag gestorben ist. In Deutschland kannte man ihn vor allem, weil er mit seinem Hit "Ice Cream" die Wirtschaftswunderstimmung auf einen so herrlich albernen Punkt gebracht hatte. Und weil man den Refrain auch ohne Sprachkenntnisse mitgrölen konnte: "Ice Cream - News Cream - everybody wants Ice cream, rock, oh rock my baby roll." Ursprünglich hatte der Hit ja mal "Ice Cream - I Scream, You Scream, We All Scream for Ice Cream" gelautet, aber weil die Band den Text nicht auswendig konnte, schrieb sie im Studio einen neuen.

Daheim in England war Barber in den Fünfzigerjahren einer der ersten Superstars. Er stammte eigentlich aus dem hübschen Welwyn Garden City in Hertfordshire. Gegen Ende des Weltkrieges ging er dann aber in London auf die Schule und studierte nach dem Krieg an der Guildhall School of Music and Drama. Dort hing er auch schon früh in Jazzclubs herum und freundete sich mit dem Gitarristen Alexis Korner an, mit dem er dann 1950 auch die New-Orleans-Jazz Band gründete, in der Barber noch Bass spielte.

Paul McCartney schenkte ihm sogar einen Song mit dem Titel "Cat Calls"

Zwei Jahre später folgte die erste professionelle Band mit dem Klarinettisten Monty Sunshine. An Modern Jazz versuchte er sich erst gar nicht. Barber und seine Mitmusiker blieben beim Dixieland, beim Blues und später dann auch beim Skiffle - lauter Stilformen des Jazz, bei denen man sich nicht in Triolen und Synkopen verrenken musste, sondern auch mit einem trinkfest europäischen Rhythmusgefühl Ekstase erzeugen konnte. Gerade die Deutschen liebten ihn dafür. Zeitweise hatte er auf dem teutonischen Festland sogar noch größeren Erfolg als daheim. Er schrieb dann sogar noch eine deutsche Strophe mitsamt Büttenreden-tauglicher Pointe für seine Fans dort: "Und ich sag: Ach Brigitte, schenk mir doch bitte ein Eis, Eis, Eis. Nicht Vanillje, das ist das billje, Eis, Eis, Eis. Nicht Schokolade, das schmeckt so fade - und nicht das weiße, das schmeckt nach sch... lalalala."

Barber war aber vor allem ein Wegbereiter. Mitte der Fünfzigerjahre löste er gemeinsam mit dem Banjospieler Lonnie Donegan in England die Skiffle-Mode aus. Hunderte Bands spielten diese ländliche Version des frühen großstädtischen Jazz. John Lennon kam so zur Musik, der als 15-Jähriger die Skiffleband The Quarrymen gründete, aus der ein paar Jahre später die Beatles wurden.

In den späten Fünfzigerjahren organisierte Chris Barber dann die ersten England-Tourneen von amerikanischen Bluesmusikern wie Sister Rosetta Tharpe, Sonny Terry und Muddy Waters. Sein Kumpel Alexis Korner spielte dann selbst Blues. Die Touren und Korners Band brachten eine ganze Generation etwas jüngerer Gitarristen wie Eric Clapton, Keith Richards und Peter Green auf die Musik. 1958 eröffnete er zusammen mit einem Investor den Marquee Club, in dem Bands wie die Yardbirds oder die Rolling Stones in ihren ersten Jahren auftraten. Für die Titanen des Rock blieb er immer der Wegbereiter. Paul McCartney schenkte ihm sogar einen Song mit dem Titel "Cat Calls", den Barber 1967 einspielte.

Bis ins hohe Alter tourte er, gab oft mehr als hundert Konzerte im Jahr

In Deutschland war er vor allem Vorbild für Tausende Dixieland-Bands, die bis heute bei Jazzfrühschoppen, in Biergärten und bei Bezirksversammlungen der großen Volksparteien aufspielen. Cool war das nie, aber das lag ja nicht zuletzt am Vorbild. New-Orleans-Jazz verstand sich immer als "hot". Nie als Kunst. Immer als Entertainment und Gebrauchsmusik. Laune machte das allemal.

Berührungsängste mit dem Blues und dem Rock and Roll hatte er trotzdem nie. Er blieb aber trotz ein paar Ausflügen in den Modern Jazz beim sogenannten Traditional. Bis ins hohe Alter tourte er, gab oft mehr als hundert Konzerte im Jahr und erhielt sich immer diesen ansteckenden Enthusiasmus, als hätte er diese ganze alte Musik gerade erst neu entdeckt. Seine Aufnahmen von Nummern wie "Petite Fleur", "Wildcat Blues" oder "Bourbon Street Parade" wurden Welthits. Sogar im Mutterland Amerika. Offiziell zur Ruhe setzte er sich erst im Sommer 2019, nachdem er schwer gestürzt war. Er wurde 90 Jahre alt.

© SZ/biaz
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