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Chilly Gonzales beim Sommerfestival in Hamburg:Oh, wie dröge

Uraufführung 'The Shadow'

Wenn Naivität Schatten werfen könnte, wäre die Bühne den Abend lang schwarz: Schattenprojektionen in "The Shadow".

(Foto: Markus Scholz/dpa)

Chilly Gonzales und Adam Traynor erzählen in "The Shadow" ein Andersen-Märchen als Schattenspiel - erschreckend langweilig und naiv.

Von Till Briegleb

Nachdem Chilly Gonzales sich in seinen strassbesetzten Badelatschen an den Flügel gesetzt und mit seinem Kammerorchester etwas impressionistische Klangmalerei betrieben hat, kommt ein schwarzes Männlein mit einer Taschenlampe und sorgt für eine interessante Ansicht: Der Schatten von Chilly Gonzales an der Rückwand des Musikpavillons sieht exakt aus wie ein Scherenschnitt von Alfred Hitchcock.

Der Meister des Suspense - ein gutes Omen? Für einen Musiktheaterabend mit dem Titel "The Shadow", der vorab großes Entertainment mit einem düsteren Märchen versprach, komponiert von dem kanadischen Crossover-Pianisten, inszeniert von seinem Landsmann Adam Traynor, der mit der schrägen Berliner Hip-Hop-Sesamstraße "Puppetmastaz" bekannt wurde?

Chilly Gonzales

Kann auch fad sein: der sonst eher tolle Musiker Chilly Gonzales.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Als Schattenspiel mit Stummfilmgesten versuchen Gonzales und Traynor das Märchen von Hans Christian Andersen zu erzählen, in dem ein Gelehrter in Afrika seinen Schatten verliert und ihm Jahre später wieder begegnet - als Mensch, der das Böse der Welt erfahren hat. Uraufgeführt zur Eröffnung des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel in Hamburg mit Darstellern des Kölner Schauspiels, wo die Produktion ab September ins Repertoire geht, suchen Gonzales und Traynor Heil im Schlichten: Zwei Stunden lang kombinieren sie ein ständiges Zuviel an falschem Ausdruck mit einem ständigen Zuwenig an Inhalt, Idee und Inspiration.

Bereits nach wenigen Minuten ist klar: Wenn Naivität Schatten werfen könnte, wäre die Bühne den Abend lang schwarz.

Niveau einer Aida-Bordshow unterschritten

Aber so wechseln sich ständig peinlich übertriebene Hampeleien nach Stummfilm-Vorbild mit banalsten Schattenspielen im Vorschul-Unterhaltungsformat ab. Die an Symbolik so reiche Geschichte über die Zwillingsgestalt von Gut und Böse bleibt trotz zweistündigem Szenenstreckbett aufs dürftigste verkürzt. Die völlige Abwesenheit von Originalität wird potenziert durch die Ausdauer, mit der sie zelebriert wird. Wenn schließlich ein Conchita-Wurst-Trio in schreckfarbenen Bademänteln auftritt, ist das Niveau einer Aida-Bordshow endlich unterschritten.

Augen schließen hilft auch nicht weiter, denn selbst die Musik des begnadeten Alleskönners Gonzales klingt wie Nachmittagsunterhaltung für Kur-Schatten. Es ist kaum nachvollziehbar, wie Gonzales, dieses explosive Unterhaltungstier, das bei seinen Konzerten so viel Drama erzeugt, eine derartig lahme Show entwickeln konnte. Zumal er auch noch ein Faible für Vermittlung besitzt, wie er mit seiner originellen Klavieranleitung für Kinder und andere Frustrierte, "Re-Introduction Etudes", bewiesen hat.

Das qualifiziert doch mindestens für etwas wie "The Artist" als Bühnenshow. Aber von der brillanten und oscargekrönten Stummfilmerneuerung von 2011 ist "The Shadow" so weit entfernt wie "Cobra 11" von "Psycho". Mehr Langeweile geht nicht.

© SZ vom 08.08.2014/tgl

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