CD Daniel Röhn

(Foto: SZ)

Von Harald Eggebrecht

Die Bezeichnung "Stehgeiger" gilt nicht nur unter Musikern kaum als Qualitätsbegriff. Da schimmert Halbseide, Flitter und Tand durch, geschniegelte Herren schieben Tanzpartnerinnen übers Parkett, in Hinterzimmern werden verbotene Glücksspiele arrangiert und an der Bar sitzen jene Schönen der Nacht, die sich an die Reichen und Betuchten heranmachen und sie nach allen Regeln professioneller Verführungskunst ausnehmen wollen und sollen. Über all diesem Glitzertreiben aber schweben unvermeidlich die Klänge des Salonorchesters und noch darüber die süffigen, sehnsüchtigen, oft auch schmissigen Melodielinien eben des Stehgeigers, der das Ensemble leitet.

So haben wir es dank zahlloser Filme jener Jahre, ob aus Hollywood oder aus Babelsberg, im Kopf. Doch der Beruf des Stehgeigers war damals keineswegs anrüchig, sondern eine Spezialität. Viele Großmeister der Violine jener Zeit hatten Auftritte in Varietés, vor Salonorchestern oder in Tanzcafés. So hat etwa der Maestrissimo Arturo Toscanini den genialen tschechischen Geiger Váša Příhoda eben als Stehgeiger in einem Café entdeckt. Und viele jener Evergreen-Melodien gehören zum selbstverständlichen Zugabenschatz jedes Geigers von Rang. Gustostückerln werden sie in Wien genannt.

Daniel Röhn, in München geboren und Spross einer Geiger-Dynastie, hat sich nach seiner gelungenen Expedition ins Reich Fritz Kreislers nun solchen Glamour-Miniaturen und -Arrangements zugewandt und sie vergnügt, niemals Schmelz mit Schmalz verwechselnd, eingespielt (Berlin Classics). Damit etwa Gershwin- oder Kurt-Weill-Stücke ihren Pep behalten, braucht es Ironie, erst recht für eingängige Hits. Röhn spielt frei von stämmig-naiver Schöngeigerei. Er bindet aus den stilistisch durchaus sehr unterschiedlichen Stücken gleichsam einen Strauß von Blumen, deren Künstlichkeit in ihrer Vielfarbigkeit auch den Nichtgeigenspezialisten überraschen kann. Daniel Röhn versteht die CD auch als Hommage an den Jahrhundertgeiger Jascha Heifetz. Der geschmeidige Schlager "When You Make Love To Me", den Heifetz als Jim Hoyl schrieb und den Bing Crosby einst sang, klingt bei Röhn so fein und kitschfrei, dass man fast gerührt sein möchte.