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Carsten Brosda im Porträt:Einer, der "wir" sagt

Kultursenator Carsten Brosda

Carsten Brosda (SPD), Senator für Kultur und Medien in Hamburg, nach einer Pressekonferenz im Museum für Hamburgische Geschichte.

(Foto: Felix König/picture alliance/dpa)

Der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda ist ein Mann, dem die Künstler vertrauen - auch in seiner neuen Aufgabe als Präsident des Deutschen Bühnenvereins. Porträt eines Politikers "mit Verve".

Von Till Briegleb

Wenn Carsten Brosda über "seine" Partei spricht, gewinnt man fast den Eindruck, die SPD habe ein sozialdemokratisches Profil. Die Partei, die er meint, fühlt sich für die gesamte Gesellschaft verantwortlich und will, "dass es um Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität geht". Sie möchte helfen, dass auch jene, "die nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren sind, ihre Teilhabeoption ausleben können". Das, was er das "sozialdemokratische Narrativ" nennt, hält der Hamburger Kultursenator für die stärkste politische Story, die man haben kann. "Man muss es nur ernst meinen."

Diesen Ernst vorleben kann der 46-Jährige jetzt auch außerhalb seines glücklichen kleinen Stadtstaats, wo trotz Corona der Kulturetat für die nächsten zwei Jahre deutlich erhöht wird und den meisten Kulturschaffenden in der verordneten Arbeitslosigkeit tatsächlich halbwegs schnell und unkompliziert geholfen wurde. Brosda ist seit Kurzem Präsident des Deutschen Bühnenvereins, des Interessen- und Arbeitgeberverbands der Theater und Orchester. Dem stehen nicht nur durch die Pandemie ein paar fundamentale Probleme ins Haus, die viel mit "Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität" zu tun haben - und relativ wenig mit Kunst.

Die drei wichtigsten sind: Fortbestand und finanzielle Perspektive der Bühnen nach Ende der aktuellen Krise; Teilhabe und Sichtbarkeit der gesamten Gesellschaft im Theater und dem Orchestergraben; sowie das drängendste Problem unserer Zeit, um das sich die Theater als Institutionen sowie der Bühnenverein als ihr Verband bisher eher herumdrückten - der Umbau auch dieses Teilbereichs der Gesellschaft zu umwelt- und ressourcenschonenden Betrieben mit dem Ziel, klimaneutral zu werden. Carsten Brosda will das alles sehr ernst angehen, in dieser Reihenfolge.

Er hat nicht dieses "Hoppla-hier-komm-ich!", das viele Politiker pflegen

Dabei ist der 1974 in Gelsenkirchen geborene Schalke-Fan trotz seiner auffälligen Körpergröße nicht unbedingt der Typ, dem man gleich die Meisterschaft im Problemlösen zutraut. Ein Hauch von Schüchternheit umweht ihn auch nach mehrjähriger Erfahrung im Amt des Kultursenators. Er hat es von der 2016 nach schwerer Krankheit verstorbenen Barbara Kisseler erst komissarisch und 2017 auch berufen übernommen. Brosda besitzt eine freundliche Ausstrahlung, in der das Resolute eher erahnt werden muss. Kommt er bei einer Veranstaltung an, fehlt im das "Hoppla-hier-komm-ich!", das viele Politiker pflegen. Carsten Brosdas Ausstrahlung ist dezent, freundlich, unaufdringlich. Er wirkt wie einer, der lieber am Rand steht und anderen zuschaut, die performen. Bis er sprechen darf.

Dann blüht der Mann auf. Da wird kein Bogen um das Entschiedene gemacht, sich stets positioniert. Die Sprachstile wechseln je nach Thema zwischen technokratischer Gewissheit, eingestreuten Aristoteles-Zitaten, Erinnerungen an Bernd-Begemann-Konzerte in Gelsenkirchen und moralischen Grundsätzen. Sein Lieblingsausdruck, wenn er über den richtigen Weg spricht, um Ziele zu erreichen, ist: "mit Verve". Und weil er anscheinend auch in politischen Konfliktsituationen mit Verve auftritt, erreicht Carsten Brosda Ziele und ist entsprechend beliebt.

Für "Sterne"-Sänger Frank Spilker ist er der erste Kultursenator, der die Popszene versteht

Der Pianist Igor Levit lobte Brosdas Einsatz für die finanzielle Unterstützung der Kultur in der Corona-Krise kürzlich als "vorbildlich". Die Schauspielerin Johanna Wokalek pries die Solidarität, die Brosda auch für "Nischenorte und freiberufliche Künstler" zeige. Der Sänger der Sterne, Frank Spilker, erklärte, Brosda sei der erste Kultursenator überhaupt, der die Popszene versteht. Und als vor der Bürgerschaftswahl Anfang des Seuchenjahrs viele mit einem Erdrutschsieg der Grünen in Hamburg rechneten, der den Sozi Brosda das Amt hätte kosten können, versammelten sich die Intendanten der Stadt von Kampnagel bis Elbphilharmonie zu einem Appell: "Brosda muss bleiben!"

So viel Lob will verdient sein, unter anderem durch die Kombination aus festen Prinzipien und Uneitelkeit. Die hat sich Brosda nach einem Journalismusstudium als Redenschreiber für Franz Müntefering und Olaf Scholz in der Berliner SPD-Zentrale antrainiert, wo er oft kaum etwas von seinen Manuskripten im Vortrag wiederhörte, seine Befriedigung aber darin fand, "die langfristigen Narrative, den Storybogen, den wir erzählen", in kleinen Dosen unterzubringen. Solche inhaltlichen Perspektiven verfolgt Brosda seither auf lokaler wie nationaler Ebene konsequent weiter, sei es in seinem engagierten Einsatz für die Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte, für die Relevanz von Pop als Kulturform oder die Teilhabe-Optionen derer, die mit dem Plastiklöffel im Mund geboren wurden.

Als Präsident des Deutschen Bühnenvereins spricht er nun viel von der bedrohten "Relevanz" des Kulturbereichs, wie sie sich exemplarisch in der Formulierung des ersten Regierungsbeschlusses zum herbstlichen Teil-Lockdown erkennen ließ. Die Bezeichnung der Kultur als "Freizeitbranche" und die Gleichstellung mit Fitnessstudios, Daddelhallen und Erotikbetrieben hat auch Brosda wie alle Kulturschaffenden als niederschmetternd empfunden. "Bei einigen politischen Entscheidungsträgern hält sich das Vorurteil hartnäckig, dass wir nur wenige Elitäre sind, um die man sich nicht kümmern muss", sagt Brosda.

Das "wir" in dem Satz zeigt klar, wo sich Carsten Brosda selbst verortet. Deswegen hat er auch mit Verve Einfluss genommen, dass im neuen Infektionsschutzgesetz zu lesen steht: "Bei Untersagungen oder Beschränkungen im Bereich der Kultur muss der Bedeutung der Kunstfreiheit ausreichend Rechnung getragen werden." Das war "ein ordentlicher Kampf den Hügel rauf", wie Brosda grimmig erklärt. Er hat in den vergangenen Jahren bereits auf Bundesebene in verschiedenen Bereichen Verantwortung übernommen: von der Schaffung und Leitung einer Bundeskulturministerkonferenz über die Teilnahme an der Reformkommission der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bis hin zur Formulierung des neuen Medienstaatsvertrags, denn der verhinderte Journalist ist als Senator auch für Medien zuständig.

Um die gesellschaftliche Relevanz der Kultur nicht nur zu behaupten, sondern auch erlebbar zu machen, fordert der Nachfolger von Ulrich Khuon im Ehrenamt des Bühnenpräsidenten von den Theatern eine stärkere Öffnung und größere "Verankerung" in der Gesellschaft. "Spiegeln Theater wirklich die Repräsentationbedürfnisse einer vielfältiger werdenden Gesellschaft wider?", fragt Brosda in Richtung seines neuen Vereins. Nicht ohne gleichzeitig zu relativieren, dass viele der aktuellen Diskurse über Sichtbarkeit gesellschaftlicher Minderheiten auf dem Theater auch in Sackgassen führen können.

Brosdas Bekenntnis zur Vielfalt ist so unverbrüchlich wie seine Liebe zur SPD

"Theater lebt mehr als alle anderen Kulturformen davon, dass man sich Charakteristika aneignet, die man nicht selbst besitzt. Das gerät dauernd in fundamentalen Widerspruch zu einem der Kernpunkte der Identitätspolitik, die besagt: Ich muss selber repräsentieren dürfen, was mich ausmacht." Die notwendige Diskussion, die gerade viele Theater und Festivals unter gehörigen Legitimationsdruck setzt, was die gerechte Teilhabe von Frauen, aber auch von Gruppen unterschiedlichster Identitätsbeschreibung von Afropäerinnen bis Transgender-Menschen betrifft, werde im Moment noch zu verdruckst geführt, so Brosda. Häufig gewinne man den Eindruck, dass "die Bedeutung des Sich-Einfühlens im Theater keine legitime Position mehr sei".

Solch kritische Anmerkungen zu einer komplizierten und emotional geführten Debatte, wie das neu gemischte Theater der Zukunft auszusehen habe, entwickelt Carsten Brosda aber immer aus einem Bekenntnis zur Vielfalt. Die Öffnung von Kulturinstitutionen für eine veränderte Stadtgesellschaft ist sein ständig vorgetragenes Credo sozialdemokratischer Kulturpolitik. Und natürlich auch die Vielfalt der Institutionen, die akut bedroht ist durch die Corona-Schuldenlage etlicher Städte, die zu drastischen Kürzungen führen kann, wie etwa in München.

Mit seinem Ex-Chef, Finanzminister Olaf Scholz, plädiert Brosda für einen kommunalen Altschuldenfonds und solidarische Länderhilfen, um Kommunen zu entschulden. Erst wenn Städte wieder "atmen" und gestalten können, gebe es Spielraum für eine aktive Kulturpolitik für alle. Und die wünscht sich der Kulturpolitiker mit der Schalke-Bibel im Regal aus genauso tiefer Überzeugung wie den Wiederaufstieg der SPD zur Volkspartei. Denn für den Sterne-Fan aus dem Ruhrpott hat sich die Liebe zur Partei niemals verbraucht. "Es galt immer: die oder keine", sagt Carsten Brosda. Mit Verve, versteht sich.

© SZ
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