Cannes-Gewinnerfilm "Shoplifters" im Kino Wir sind Familie!

Überleben in Tokio: Die „Shoplifters“ halten zusammen.

(Foto: dpa)

Und plötzlich ist ein Mädchen da und geht nicht mehr: Hirokazu Kore-edas "Shoplifters".

Von Philipp Stadelmaier

Ein älterer Mann und ein Junge, auf den ersten Blick Vater und Sohn, in jedem Fall Komplizen. Verschworene Blicke, die sie sich zuwerfen, Zeichen, die sie sich geben, unmöglich zu entschlüsseln. Die Überwachungskameras im Supermarkt scheinen sie zu kennen, ebenso wie die Blickachsen des Wachpersonals. Der Alte stellt sich deckend vor den Jungen, der öffnet den Rucksack und lässt packungsweise Trockennudeln hineinfallen, wonach er ihn rasch wieder schließt.

Shoplifting, Ladendiebstahl, sagt später der Alte, sei das Einzige, was er dem Jungen habe beibringen können. Eine illegale Handlung? Vielleicht. Aber auch eine Fertigkeit, um ein paar Sachen mehr mitgehen zu lassen, als man bezahlt. Und ein Gebiet, auf dem die Fortschritte des Schülers den Lehrer stolz machen.

Der Mann (Lily Franky) ist verheiratet mit einer Frau (Sakura Ando), den Jungen (Kairi Jyo) haben sie irgendwann "adoptiert". Das heißt nicht, dass sie ein kompliziertes Adoptionsverfahren durchlaufen hätten. Er ist ihnen zugelaufen, und sie haben ihn behalten. Dann ist da noch die "Großmutter" und ihre Enkelin, die in keiner Verwandtschaftsbeziehung zu dem Ehepaar und dem Jungen stehen. Alle zusammen leben als Familie in einem Vorort von Tokyo. Sie sind arm.

Der Mann geht auf den Bau, seine Frau arbeitet in einer Wäscherei, die Großmutter bezieht eine kleine Rente, die Enkelin arbeitet in einer Peep-Show. Für jeden Einzelnen reicht das Geld nicht, daher haben sie sich zusammengetan. Außerdem gibt es ja noch die Zusatzversorgung über die Ladendiebstähle.

"Shoplifters", der neue Film des japanischen Meisters Hirokazu Kore-eda, wirft einen zärtlichen Blick auf die kleinen Leute, erzählt von Liebe und Solidarität. In neoliberalen Zeiten wie unseren, in denen Arme oft als Wirtschaftsflüchtlinge und Sozialschmarotzer wahrgenommen werden, ist selbst ein so kleiner und süßer Film politisch. Dafür gab es schon den Hauptpreis in Cannes, die Goldene Palme, und eine Golden-Globe-Nominierung.

Kore-edas Thema ist die Familie. Diese ist aber nicht, wie bei so vielen anderen Filmemachern, aufgeladen mit Neurosen und Abgründen, sondern ein flexibler Verbund, ein Abenteuer, ein Feld für Entdeckungen. In "Our Little Sister" fanden drei Schwestern bei der Beerdigung ihres Vaters heraus, dass sie noch eine vierte Schwester haben. In "Shoplifters" funktioniert die Familie nicht nach biologischen Kriterien. Daher ist sie frei, ihre Mitglieder zu wählen. Damit beginnt der Film dann auch, denn auf einmal befindet sich in dem Verschlag, den man sich als Zuhause erkoren hat, ein wortkarges und verwahrlostes kleines Mädchen, das zuvor noch nicht da war. Sie beschließen, das Kind zu den Eltern zurückzubringen. Aber als sie sich ihrem Haus nähern, geraten sie ins Stocken. Ein Paar liefert sich dort einen wüsten Streit, Yuri ist offensichtlich ein ungeliebtes Kind. Da nimmt die Frau das Mädchen in den Arm, und sie machen kehrt. Sie werden sie bei sich aufnehmen und ihr zeigen, was Liebe ist.

Neben dem Blick auf die Armut ist dies der zweiter progressiver Aspekt: Familie ist hier keine biologische, sondern eine politische Angelegenheit. Wenn jemand durch seine natürliche Familie nicht genug Liebe erfährt, muss diese von woandersher kommen.

Es gibt ein wunderbares Bild für das zarte Band, das alle verbindet. Jemand stößt eine Schale um, und dann tropfen die Nudeln in einer sinnlichen Einstellung vom Esstisch und signalisieren die Nähe und Feuchte des Geschlechtsakts, den Mann und Frau gerade vollzogen haben, und die des Regens, der draußen auf den Jungen und Yuri niedergeht.

Polizei und Jugendämter gefährden natürlich diese fragile Gemeinschaft. Die Stärke ihrer selbstgewählten Bindungen aber erweist sich noch in den Auflösungserscheinungen. Am Ende ist es das Wort "Papa", das diese nicht-natürliche Familie adelt.

Shoplifters, Japan 2018 - Regie und Buch: Hirokazu Kore-eda. Kamera: Ryuto Kondo. Mit Lily Franky, Sakura Ando, Kairi Jyo. Wild Bunch, 121 Min.