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Cannes-Festspiele:Ich war dabei

In einem leeren Pariser Kino erzählt Festivalleiter Thierry Frémaux, welche Filme in Cannes gezeigt worden wären - etwa eine Fassbinder-Biographie von Oskar Roehler.

Filmfestspiele, die nicht stattfinden, brauchen auch keine offizielle Filmauswahl. Klingt logisch, aber für die Macher des Filmfestivals von Cannes wäre das zu klein gedacht. Am Mittwochabend haben sie es sich nicht nehmen lassen, wenigstens die Werke und ihre Macher zu verkünden, die man ohne Pandemie in Cannes hätte sehen sollen. Der Ort dieser etwas deprimierenden Liveshow: ein leeres Kino in Paris.

Cannes-Chef Thierry Frémaux ratterte dort in bester Filmnerd-Manier eine Liste herunter, voller Namen, Daten, Kurzteaser und oft etwas kryptischer Hinweise. Begonnen hätte es, wie allseits vermutet, mit Wes Anderson und "The French Dispatch": Bill Murray als amerikanischer Journalist in Frankreich, der ein herrlich exzentrisches Magazin macht. François Ozon hätte "Été 85" gezeigt, laut Frémaux ein "sehr persönliches Werk", der schwarze Brite Steve McQueen wäre gleich mit zwei Filmen dabei gewesen, die beide den Rassismus in Großbritannien zum Thema haben, "Lovers Rock" und "Mangrove". Die Frauen auf der Liste waren unter anderem die in Cannes geliebte Japanerin Naomi Kawase mit "True Mothers" und die Französin Maïwenn mit "DNA".

Die wichtigste Erkenntnis aber aus deutscher Sicht - auch Oskar Roehler und sein "Enfant Terrible", eine Filmbiografie über Rainer Werner Fassbinder, hatten eine Einladung aus Cannes bereits in der Tasche. Frémaux reihte den 61-jährigen Roehler in die Kategorie der "Newcomer" ein, von Fassbinder dagegen schwärmte er wie von einem alten Bekannten. Die Bavaria Film, die "Enfant Terrible" produziert hat, begrüßte die Nachricht in einer stolzen Pressemitteilung - offen blieb allerdings, ob es auch für die höchsten Weihen gereicht hätte, für die Teilnahme am Wettbewerb um die Goldene Palme. Das offizielle Programm umfasst schließlich auch die weniger prominente Nebenreihe "Un Certain Regard", und Frémaux hielt es für angebracht, hier nicht weiter zu differenzieren. So hat die ganze Liste die Funktion eines demokratischen "Ich war dabei"-Buttons, eines egalitären pandemischen Trostpflasters.

Dennoch ließ Frémaux keinen Zweifel daran, was dieser Stempel der Anerkennung aus Cannes bedeuten soll. Das Festival habe ja doch eine gewisse Macht, wiederholte er immer wieder, und er sehe es als seine Pflicht an, den Filmen auf ihrem weiteren Weg zu helfen. Dieser Weg wird nun zu anderen Festivals und zum Publikum führen, aber in aller Regel nicht mehr in andere große Wettbewerbe - so versucht Cannes, seinen Status als Platzhirsch virtuell zu behaupten.

© SZ vom 05.06.2020

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