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Café Mersand in Tel Aviv:Auf Wiedersehen

Im Café Mersand traf sich ein bunter Mix, mittendrin hielten die Alten die Stellung.

(Foto: Aleksandr Fau /All mauritius images)

Ein Refugium mit Streuselkuchen: Das legendäre Café Mersand in Tel Aviv muss nach 65 Jahren schließen. Ein Abschiedsbesuch.

Von Peter Münch

Drinnen stapeln sich die Tische und Stühle, zwei abmontierte Ventilatoren liegen auf dem Boden, und hinten im Eck, direkt neben dem braun gerahmten Bild der "Mädels", vergilben noch ein paar Zeitungen im hölzernen Ständer. Abbruchstimmung. Doch Boaz Tregerman hat sich noch einmal den Weg gebahnt zur alten Theke. Es sind die geübten Griffe, schnell entfaltet sich der geliebte Duft, und Tregermann sagt: "Ich vermisse es schon jetzt, Kaffee für andere Leute zu machen."

Boaz Tregerman führt das Café Mersand in Tel Aviv an der Ecke Frishman/Ben Yehuda. Einen Steinwurf vom Strand entfernt, glücklich vom Verkehr umtost, und nicht nur für den 51-jährigen Besitzer ist es immer schon so viel mehr gewesen als einfach nur ein Café. Denn Cafés, in denen sich die Älteren die Zeit vertreiben und die Jungen am Laptop ihrer Arbeit nachgehen, gibt es Hunderte und wahrscheinlich noch viel mehr in Tel Aviv. "Aber das Mersand ist ein Lebewesen, eine Person", sagt Tregerman. "Ich behandele es wie eine alte Großmutter oder einen Großvater."

Es war die alte Welt, mit Streuselkuchen, in der die Überlebenden des Holocaust ein Refugium fanden

65 Jahre ist das Café Mersand alt, im gepflegten Großeltern- und Rentenalter also, doch nicht deshalb muss es schließen. Das Virus hat das Mersand hart erwischt, drei Lockdowns und dazu ein Hausbesitzer, der keine Abstriche auf die Miete gewähren wollte. "Sehr traurig ist das", sagt Tregerman. Denn das Ende vom Mersand ist auch das Ende einer Ära.

1955 hatten Walter Mersand und seine Frau Sarah das Café eröffnet. Sie stammten aus Deutschland und schufen eine holzvertäfelte Kaffeehausatmosphäre, wie man sie aus Berlin kannte oder aus Wien. Es war die alte Welt, mit Käse-, Marmor- und Streuselkuchen, in der die Vertriebenen und Überlebenden des Holocaust ein Refugium fanden.

Sie taten sich ja nicht immer leicht in ihrer neuen Umgebung, und die Umgebung tat sich nicht immer leicht mit ihnen. "Jeckes" wurden die deutschsprachigen Juden in Israel spöttisch genannt, wahrscheinlich abgeleitet von der Jacke, die die korrekten Neueinwanderer, die Juristen und Schreiber und Kommerzienräte, nicht einmal bei harter körperlicher Arbeit und größter Hitze ablegten.

Kultiviert und zugeknöpft traf man sich am Morgen oder am Nachmittag im Café, unterbrochen von der mittäglichen "Schlafstunde". Fünf Jahrzehnte blieb das Mersand im Familienbesitz, zuletzt geführt von Miki Mersand, dem Sohn der Gründer. Die Enkel hatten kein Interesse mehr, und als Miki erkrankte, stand das Mersand zum Verkauf.

Boaz Tregerman, der das Café seit Kindheitstagen kannte, bekam vor 15 Jahren den Zuschlag - auch weil er versprach, nichts daran zu verändern. Es blieben die alten Holztische und die Hocker mit Kunstlederbezug, es blieb die gläserne Kuchenvitrine. Doch es kamen auch neue Gäste, Junge, Kreative, abends legte ein DJ auf.

Boaz Tregerman

"Ich vermisse es schon jetzt, Kaffee für andere Leute zu machen": Boaz Tregermann.

(Foto: Peter Münch)

Im Café Mersand traf sich ein bunter Mix, mittendrin hielten die Alten die Stellung. "Bei der Übergabe habe ich von Miki Mersand eine Liste des Inventars bekommen", erzählt Boaz Tregerman. "Aufgeführt waren die Möbel, die Kaffeemaschine und die Namen von 13 Jeckes-Damen." Hochbetagt waren die damals schon. "Es war Liebe auf den ersten Blick", sagt Tregerman: "Ich habe sie geliebt, und sie haben mich zurückgeliebt."

Die "Girls" sagt Tregerman, wenn er von den alten Damen spricht, "die Mädels" haben sie sich selbst genannt. Mimi und Chaja, Ilse und Batja und die anderen - sie trafen sich täglich im Mersand. "Sie kamen um neun und gingen um Punkt zehn Uhr dreißig", sagt Tregerman, "und obwohl sie sich zum Teil schon seit ihren Kindheitstagen kannten."

Im Mersand, an ihrem Tisch am Fenster, besprachen sie das Welt- und TV-Geschehen. Dem Satelliten sei Dank empfingen sie in Tel Aviv auch "Wer wird Millionär?" mit Günther Jauch. Der war für sie das freundliche Gesicht aus dem Land, aus dem sie vertrieben wurden. Die alten Damen waren große Fans, davon hörte irgendwann auch der Moderator in Berlin.

Tregerman erinnert sich, wie eines Abends vor gut zehn Jahren sein Telefon klingelte und Günther Jauch dran war. Er kündigte einen Besuch im Mersand an, er wollte die Damen überraschen. "Hör zu, Günther, habe ich gesagt, eine Überraschung ist keine gute Idee", erzählt Tregerman. "Dazu sind die Girls zu alt, sie könnten was am Herzen kriegen." Jauch kam also mit Voranmeldung, die Damen erwarteten ihn in ihren besten Kleidern, mit feinstem Schmuck. "Es waren wunderbare zwei Stunden", sagt Tregerman. Die Medien berichteten ausgiebig. Danach war das Mersand auch in Deutschland für eine Weile berühmt, und an der Ecke Frishman/Ben Yehuda hielten Reisebusse an.

"Das Mersand ist ja mehr als nur die Wände, die Tische und der Geschmack des Kaffees", sagt der Besitzer

Auch das ging vorbei, und bald wurde die Damenrunde im Mersand kleiner. "Heute sind sie alle tot, sie haben mich verlassen", sagt Tregerman, "aber ich bin froh, dass sie das jetzt nicht mehr sehen müssen." Er zeigt auf die die hoch gestapelten Tische und Stühle, die Ventilatoren am Boden.

All das wird er bald einpacken müssen - auch das gerahmte Foto mit den Jeckes-Damen hinten auf dem Weg zur Toilette, selbst die alte Holzvertäfelung will er herausreißen. "Das Mersand ist ja mehr als nur die Wände, die Tische und der Geschmack des Kaffees", sagt er. "Es ist eine Art Idee, und diesen Spirit will ich erhalten."

Zunächst einmal also wird das Mersand eingelagert, mit all den Gerätschaften, dem Geist und möglichst auch dem Geruch des Kaffees. Irgendwann, natürlich möglichst bald, will Boaz Tregerman ein neues Café Mersand eröffnen. Woanders. Aber das gleiche, sagt er. "Vielleicht werde ich es in Tel Aviv wiedereröffnen. Vielleicht aber auch in Haifa. Oder in Berlin."

© SZ/hert
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