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Bühnenshow:Kluges auch für Dumme

american Idiot | KHP | Prinzregententheater; Theaterakademie August Everding / Green Day's American Idiot / Alexander Sichel, Niklas Schurz und Ensemble

Foto: ©Lioba Schöneck

"American Idiot" will die US-Politik kritisieren. In dieser Produktion gelingt das äußerst unterhaltsam.

(Foto: Lioba Schöneck)

Das Green-Day-Musical "American Idiot" an der Theaterakademie überrascht durch Witz und Tempo - trotz deutscher Texte

Mit ihrem Konzeptalbum "American Idiot" reagierte die US-amerikanische Punk-Pop-Band Green Day 2004 auf George W. Bush und den Irak-Krieg. Dass der Musiksender Viva das Video zum Titelstück am 8. November 2016 als Reaktion auf Donald Trumps Präsidentschaftswahl eine Stunde lang in Dauerschleife sendete, unterstellt, dass Idioten nicht nur austauschbar, sondern auch steigerungsfähig sind. Ergänzt um Songs vom Nachfolgealbum "21st Century Breakdown" hatte sich "American Idiot" da schon als Musical auf dem Broadway bewährt. Im Januar 2018 fand in Frankfurt am Main dessen Deutschlandpremiere statt - auf deutsch. Zum besseren Verständnis verlangten Green Day nämlich, dass ihr Musical in die jeweilige Landessprache zu übersetzen ist. Die Tournee-Version jener von Thomas Helmut Heep inszenierten ersten deutschen Fassung wirkte Anfang 2019 in der Münchner Tonhalle allerdings so belanglos, als wollte man die Zuschauer auch physisch die im Stück verhandelte provinzielle Langeweile spüren lassen.

Was für ein grandioser Kontrast gelingt dagegen nun Studierenden der Theaterakademie August Everding mit ihrer deutlich lebendigeren Version des Musicals im Prinzregententheater! Unterstützt werden sie von der Progrockband Vanden Plas, die zusammen mit der Bratschistin Katherine Barritt, dem Cellisten Jacob Roters und dem Violinisten Anton Roters die Green Day-Songs so nuancenreich aufbereitet, dass man das Original danach getrost in die Tonne kloppen kann. Hier wirkt allein schon das Intro zum Song "Last Night On Earth" wie ein eigenständiges, an Schönheit kaum mehr zu überbietendes Streichtrio. Und auch der auf 21 Stimmen verteilte Gesang wirkt so erhaben, dass man den seit "Tommy" von The Who strapazierten Ausdruck "Rockoper" endlich mal gelten lassen kann. Der Abend ist spannend inszeniert von Johannes Reitmeier, dem Intendanten des Tiroler Landestheaters in Innsbruck, wo "American Idiot" übrigens im Dezember zu sehen sein wird. Und geradezu halsbrecherisch rasant choreografiert von Stefanie Erb, die die zwanzig Darsteller nebst dem Vanden-las-Sänger Andy Kuntz als St. Jimmy auch mal in Einkaufswägen oder mit Sofas tanzen lässt. Dann wieder werden der audiovisuellen Reizüberflutung Standbilder entgegengesetzt, die so poetisch gelingen wie einst die Filme von Peter Greenaway. Dergestalt überbietet "American Idiot" jeden American Dream!

American Idiot, Dienstag, 12. November, 11 Uhr, Mittwoch, 13., und Donnerstag, 14. November, 19.30 Uhr, Prinzregententheater