Bücher des Monats:Es ist nie genug

Lesezeit: 4 min

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(Foto: Verlage/Collage: SZ)

Neben unerreichbaren Schönheitsnormen und den Gefahren sozialer Medien werden realitätsnah und nüchtern Gegenwart und Vergangenheit beobachtet: die Bücher des Monats Mai.

Von SZ-Autorinnen und -Autoren

Wolfgang Knöbl: Die Soziologie vor der Geschichte

Sich über soziologische Zeitdiagnosen lustig zu machen, ist leicht. Sehr viel schwieriger ist es aber zu bestimmen, wo sie eigentlich ihre Überzeugungskraft hernehmen. Der Hamburger Soziologe Wolfgang Knöbl hat einen Beantwortungsversuch gewagt, der einer Kritik soziologischer Vernunft gleichkommt. Während mit riesengroßen Prozessbegriffen wie etwa der Modernisierung die Evolution des gegenwärtigen Zustands erklärt wird, wird dabei laut Knöbl das vergessen, was das wirklich "Prozesshafte an all diesen Prozessen" ist. Woher nehmen wir die Begriffe, mit denen wir uns die Gegenwart erklären? Und: Woher wissen wir, wie es historisch zu dieser Gegenwart kommen konnte? Knöbls Kritik an der "Soziologie vor der Geschichte" ist als Warnung zu verstehen.

Eine ausführliche Rezension lesen Sie hier.

Bücher des Monats: Wolfgang Knöbl: Die Soziologie vor der Geschichte. Zur Kritik der Soialtheorie. Suhrkamp, Berlin 2022. 316 Seiten, 22 Euro.

Wolfgang Knöbl: Die Soziologie vor der Geschichte. Zur Kritik der Soialtheorie. Suhrkamp, Berlin 2022. 316 Seiten, 22 Euro.

(Foto: Suhrkamp)

Nicole Krauss: Ein Mann sein

"Ein Mann sein" versammelt zehn Erzählungen, die bei aller Geradlinigkeit komplex und auf eine spezielle Weise intim sind. Die enge Bindung zwischen Personen ist häufig das Schwungrad der Handlung. Und diese Bindungen entstehen manchmal wie aus dem Nichts oder ergeben sich aus beinahe absurden Konstellationen. Es geht häufig ums Kümmern und Versorgen und um den Abgrund an Bedürftigkeit, der entsteht, wenn Eltern ihren Kindern keine Sicherheit geben, sei es wegen transgenerationaler Traumata oder weil sie andere Pläne haben. So, wenn zum Beispiel Romi, die Freundin aus der Ershadi-Geschichte, mit ihrem früheren Freund vögelt und ihr Körper endlich wieder zum Leben erwacht, nachdem sie monatelang ihren sterbenden Vater pflegte.

Eine ausführliche Rezension lesen Sie hier.

Bücher des Monats: Nicole Krauss: Ein Mann sein. Storys. Aus dem Englischen von Grete Osterwald. Rowohlt Verlag, Hamburg 2022. 253 Seiten, 24 Euro.

Nicole Krauss: Ein Mann sein. Storys. Aus dem Englischen von Grete Osterwald. Rowohlt Verlag, Hamburg 2022. 253 Seiten, 24 Euro.

(Foto: Rowohlt)

Yade Yasemin Önder: Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron

Ein schwergewichtiger Vater, dazu eine Tochter, der von Verwandten wenig subtil geraten wird, besser aufs Essen zu achten, während sie sich vollstopft, um sich dann auf der Toilette den Finger in den Hals zu stecken. Dieser Roman ist ein eigensinniger Fundus an Assoziativprosa, etwas grotesk, vor allem aber durchgehend heiter und zugleich ein wenig morbide. Autorin Yade Yasemin Önder leuchtet diese Ambiguität weiblicher Erfahrung von Wehrlosigkeit und Selbstnormierung aus. Manchmal tut das beim Lesen zu weh. "Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron" ist formal herausfordernd, angenehm verstiegen und mit lauter schweren Zeichen, wie Bulimie, Gewalt und dem furchtbaren Prozess des Reinwachsens in die ewig unerreichbare Schönheitsnorm.

Eine ausführliche Rezension lesen Sie hier.

Bücher des Monats: Yade Yasemin Önder: Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 2022. 256 Seiten, 20 Euro.

Yade Yasemin Önder: Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 2022. 256 Seiten, 20 Euro.

(Foto: Kiepenheuer & Witsch)

Eckhart Nickel: Spitzweg

Obschon Kirsten, Carl und der Erzähler vor dem Abitur stehen, ist "Spitzweg" kein Coming-of-Age-Roman im Sinne wilder Herzen und aufregenden nächtlichen Nacktbadens im See. Und obschon das Buch in einer erweiterten Gegenwart zu spielen scheint, bleibt jeder konkrete Verweis darauf aus. "Spitzweg" ist eine Fantasie, in der keine Smartphones aufleuchten, keine E-Autos um die Ecke biegen. Es geht um drei Schüler, die gemeinsam einen Plan aushecken, um der Kunstlehrerin eins auszuwischen. Wie sehr die Kunst ein lehrreicher Spiegel sein kann bei der Suche nach dem Ich und welche Wunder sie für jeden von uns bereithält, darüber lässt sich in "Spitzweg" aber vor allem lesen.

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Bücher des Monats: Eckhart Hickel: Spitzweg. Piper, München 2022. 256 Seiten, 22 Euro.

Eckhart Hickel: Spitzweg. Piper, München 2022. 256 Seiten, 22 Euro.

(Foto: Piper)

Wolfram Lotz: Heilige Schrift I

Ein Total-Tagebuch, in dem nichts fehlt, wirklich gar nichts, das stellt die "Heilige Schrift I" von Wolfgang Lotz dar. Ein Jahr lang wollte der Dramatiker Wolfram Lotz über "alles" schreiben und schauen, was so passieren würde, mit dem Text und mit ihm. Dabei überlässt er dem Text die Kontrolle. Was auf den 912 Seiten passiert, ist Poesie, Prosa, feinster Humor, schönster Quatsch. Und dieser Quatsch gleicht einem Gedankenstrom, in den man eingesogen wird. So folgt man Lotz im Familienalltag, auf Nachtspaziergängen, ICE-Fahrten oder im Theater. Manchmal kommt das Notieren der Einkaufsliste dazwischen. Ein Roman in Notizen, Mini-Dramen, Aphorismen, Wortschöpfungen und Gedichten. Jeder Tag wird aufgefaltet und dokumentiert.

Eine ausführliche Rezension lesen Sie hier.

Bücher des Monats: Wolfram Lotz: Heilige Schrift I. S. Fischer, Frankfurt 2022. 912 Seiten, 34 Euro.

Wolfram Lotz: Heilige Schrift I. S. Fischer, Frankfurt 2022. 912 Seiten, 34 Euro.

(Foto: S. Fischer)

Shulamit Volkov: Deutschland aus jüdischer Sicht

Die israelische Historikerin Shulamit Volkov hat eine moderne deutsche Geschichte aus der Sicht der Juden vorgelegt. Man merkt dem Buch jahrelanges Forschen und Nachdenken an. Volkov zeigt, wie zweischneidig das Bestreben der Aufklärung zur "Verbesserung" der Lage der Juden war: Aus bürgerlicher Emanzipation sollte auch das Ablegen als unangenehm empfundener, historisch überholter Eigenschaften folgen, "verbessert" sollte nicht nur die Lage der Juden werden, sie selbst sollten sich dadurch bessern. Volkovs Buch vertreibt alle Feierlichkeit aus der nationalen Selbstbetrachtung, ohne ins Gegenteil umzuschlagen, eine unterschiedslose apokalyptische Anklage.

Eine ausführliche Rezension lesen Sie hier.

Bücher des Monats: Shulamit Volkov: Deutschland aus jüdischer Sicht. Eine andere Geschichte. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Aus dem Englischen von Ulla Höber. Verlag C.H. Beck, München 2022. 336 Seiten, 28,00 Euro.

Shulamit Volkov: Deutschland aus jüdischer Sicht. Eine andere Geschichte. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Aus dem Englischen von Ulla Höber. Verlag C.H. Beck, München 2022. 336 Seiten, 28,00 Euro.

(Foto: C. H. Beck)

Delphine de Vigan: Die Kinder sind Könige

Ein weiterer kurzweiliger Roman von Delphine de Vigan, in dem es um gar nicht so kurzweilige Problematiken geht. Dass soziale Medien bei Kindern und Heranwachsenden Schaden verursachen und sie unter Druck setzten, ist zwar allseits bekannt, wird in ihrem Roman aber zu Recht aufgegriffen. "Die Kinder sind Könige" erzählt die Kriminalgeschichte einer vermeintlichen Entführung. Dazu spricht der Roman engagiert von den Auswirkungen der sozialen Medien, und schließlich stellt er das psychologische Drama einer Abhängigen, ihres in Co-Abhängigkeit gefangenen Mannes und der ihr ausgelieferten Kinder vor.

Eine ausführliche Rezension lesen Sie hier.

Bücher des Monats: Delphine de Vigan: Die Kinder sind Könige. Roman. Aus dem Französischen von Doris Heinemann. Dumont-Verlag, Köln 2022. 320 Seiten, 23 Euro.

Delphine de Vigan: Die Kinder sind Könige. Roman. Aus dem Französischen von Doris Heinemann. Dumont-Verlag, Köln 2022. 320 Seiten, 23 Euro.

(Foto: Dumont)

Franziska Davies, Katja Makhotina: Offene Wunden Osteuropas

"Die Ukraine ist auf unserer Landkarte der Erinnerung viel zu blass, viel zu schemenhaft verzeichnet." Das sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier anlässlich des 80. Jahrestags des Massakers von Babyn Jar bei Kiew im vorigen Jahr. Die Historikerinnen Franziska Davies und Katja Makhotina haben sich darangemacht, das zu ändern. Sie sind zu vielen Schauplätzen der NS-Massenverbrechen in Osteuropa gereist und haben sich angesehen, wie in Russland, Belarus, Polen, in der Ukraine und im Baltikum an den Vernichtungskrieg der NS-Besatzer 1939-45 gedacht wird. Nicht nur in Deutschland gibt es da Lücken, die mit historischem Wissen zu füllen wären. Angesichts des Putin'schen Angriffskriegs ein wichtiges Buch darüber, warum vor allem die Deutschen verpflichtet sind, der Ukraine zu helfen.

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Bücher des Monats: Franziska Davies, Katja Makhotina: Offene Wunden Osteuropas. Verlag wbg Theiss. 286 Seiten. 28 Euro.

Franziska Davies, Katja Makhotina: Offene Wunden Osteuropas. Verlag wbg Theiss. 286 Seiten. 28 Euro.

(Foto: wbg Theiss)

Rüdiger von Fritsch: Zeitenwende. Putins Krieg und die Folgen

Rüdiger von Fritsch weiß, wovon er schreibt. Der Diplomat im Ruhestand war von 2014 bis 2019 deutscher Botschafter in Moskau; Wladimir Putins Gedankenwelt kennt er aus einigen persönlichen Begegnungen. Fritsch erklärt sehr deutlich, welche Fehler im Westen gemacht wurden - von mangelndem Geschichtsbewusstsein bis zum Unverständnis von Befindlichkeiten in Osteuropa. Und er analysiert präzise, wie der russische Präsident tickt und was nun angesichts der Invasion in die Ukraine zu tun sei. Ein kluge Abhandlung eines Kenners, der mit zahlreichen - leider immer noch verbreiteten - Mythen über Putins Politik aufräumt.

Eine ausführliche Rezension lesen Sie hier.

Bücher des Monats: Rüdiger von Fritsch: Zeitenwende. Putins Krieg und die Folgen. Aufbauverlag, 176 Seiten, 18 Euro.

Rüdiger von Fritsch: Zeitenwende. Putins Krieg und die Folgen. Aufbauverlag, 176 Seiten, 18 Euro.

(Foto: Aufbau)
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