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Buchpreis-Eklat:Scherbengericht über das Zitieren

Während der Verleihung des Bayerischen Buchpreises in der Kategorie Sachbuch wurden Plagiatsvorwürfe gegen die Autorin eines der nominierten Bücher, Cornelia Koppetsch, öffentlich gemacht.

Der Bayerische Buchpreis - getragen vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels mit Unterstützung des Freistaats Bayerns - wird in einer beliebten Dramaturgie vergeben: Vor der Entscheidung steht eine Diskussion der Jurymitglieder vor Publikum über die zur Wahl stehenden Bücher. Ein aufregendes Spiel, das die Nervenstärke der nominierten Autoren, die geladen sind, ähnlich herausfordert wie die Debatten beim Bachmannpreis in Klagenfurt.

Am Donnerstagabend kam es in der Münchner Allerheiligen-Hofkirche - und im Livestream im Internet - zu einem diese anstrengende Inszenierung noch übersteigenden Eklat. Eines der nominierten Bücher, Cornelia Koppetschs "Die Gesellschaft des Zorns" (SZ vom 3. Juli) wurde von der vorschlagenden Kritikerin, der FAZ-Redakteurin Sandra Kegel, in aller Form aus dem Spiel genommen, denn "aus vertrauenswürdiger Quelle" hätten sie Plagiatsvorwürfe erreicht. Dem Transcript-Verlag, der Koppetschs Buch herausgebracht hat, waren diese Vorwürfe seit dem 24. Oktober bekannt. Der für den Bayerischen Rundfunk, der die Veranstaltung überträgt, federführende Juror Knut Cordsen erfuhr erst eine Woche vor der Preisverleihung summarisch von den Vorwürfen, denen er dann in eigener Recherche nachging, mit Resultaten, die er in der Veranstaltung am Donnerstagabend vortrug. So wurde die Szene zu einem öffentlichen Scherbengericht über die anwesende Autorin. Diese war über die Vorwürfe informiert, hatte ihr Buch aber nicht zurückziehen wollen. Ein Austausch auf der Liste der Nominierten wäre, so Cordsen, auch nicht möglich gewesen. Koppetsch habe darauf vorbereitet sein müssen, dass über ihr Buch und die Vorwürfe geredet würde. Koppetsch versichert, sie sei zur Veranstaltung im Glauben gegangen, dass über ihr Buch dort nicht mehr diskutiert würde.

Die "vertrauenswürdige Quelle", die sich zwei Wochen vor der Preisverleihung an den Transcript-Verlag wandte, soll der Suhrkamp-Verlag sein, der die Interessen seines Autors Andreas Reckwitz schützen wollte. Der Kern der Vorwürfe gegen Koppetsch betrifft unzureichend gekennzeichnete Übernahmen aus Reckwitz' viel gelesenem Buch "Die Gesellschaft der Singularitäten". Dabei geht es unter anderem um den Begriff "Neogemeinschaft". Damit sind Zugehörigkeiten gemeint, "in die man" - so Reckwitz - "nicht mehr hineingeboren wird, sondern für die man sich entscheidet, weil sie identitätsstiftend sind", etwa Gruppen von sexuellen oder ethnischen Minderheiten. Überkommene Klassenfronten werden dabei überspielt.

Koppetsch übernimmt diese Begriffsbildung, verwendet sie aber, wie sie in einer ersten Stellungnahme darlegt, in einem anderen Zusammenhang. "Ich interessiere mich nicht für Tendenzen der Singularisierung und der Kulturalisierung in spätmodernen Gesellschaften, sondern für das protestförmige Aufkommen der neuen Rechtsparteien als Reaktion auf Globalisierungsprozesse in westlichen Gesellschaften." Im Fokus steht also nicht die Singularisierung der Lebensstile, sondern im Gegenteil ein kosmopolitischer, durchaus vereinheitlichender Klassenhabitus und die Reaktionen darauf.

Dass sie "an unterschiedlichen Stellen des Buches handwerkliche Fehler begangen und das Werk von Andreas Reckwitz nicht hinreichend zitiert habe", räumt Koppetsch ein. Inhaltliche Übernahmen bestreitet sie. Koppetschs Buch ist eine Synthese, Übernahmen fremder Argumente und Formulierungen werden dort generell nicht mit Seitenangaben in Fußnoten ausgewiesen, sondern durch summarische Verweise auf die Bibliografie. An einer Stelle, die die FAZ in einer Meldung als "Übernahme einer längeren Formulierung" kennzeichnet, wechselt sie im Satz aus dem Konjunktiv der indirekten Rede in den Indikativ. Die Sache ist also kleinteilig und kompliziert. Der Agon einer Preisverleihung ist eine unglückliche Bühne für eine solche Auseinandersetzung.