Buchmesse Istanbul Graue Zone

Auf der Buchmesse in Istanbul treffen die deutschen Gäste auf Literaten, Verleger und Journalisten, die mit allen Tricks ums Überleben kämpfen - und Schlimmes ahnen.

Von Tim Neshitov

Das Frauengefängnis Bakırköy in Istanbul liegt eingequetscht zwischen einer Nervenklinik, einer Lepraklinik und einer Sporthalle neben dem Atatürk-Flughafen. Hier ist seit drei Monaten Aslı Erdoğan inhaftiert. In Europa ist diese Autorin erstaunlich schnell zum Sinnbild der neuen Türkei geworden, Hashtag: Unterdrückte Meinungsfreiheit, obwohl ihre Bücher nur zum Teil übersetzt und dem breiten Publikum kaum bekannt sind. Ebenso ihre Zeitungskolumnen, für die sie nun lebenslang hinter Gittern verschwinden soll.

Aslı Erdoğans Texte sind ein Gegenentwurf zum Weltbild des Staatschefs Recep Tayyip Erdoğan, wenn man so will: Erdoğan vs. Erdoğan (die beiden sind nicht verwandt). Im Westen dürfte diese Stimme nun lauter werden, Aslı Erdoğans Mutter flog in dieser Woche nach Stockholm, um im Namen der Tochter den Tucholsky-Preis des schwedischen PEN entgegenzunehmen. In der Türkei geht ihr Schicksal gerade im Grundrauschen der Säuberungen unter.

Es ist kalt in Istanbul, die heimtückischen + 9 Grad, bei denen sich auch die Einheimischen zu leicht anziehen und im feuchten Wind rote Nasen kriegen. Aslı Erdoğans Freunde halten vor dem Gefängnis eine Mahnwache ab. Theaterleute, Verlagslektoren, Journalisten, ein Dutzend Menschen in lockerer Kleidung, viele von ihnen arbeitslos. Sie kommen zweimal in der Woche zusammen, binden ein Banner an einen der wenigen Zwergbäume, trinken Tee, rauchen, zählen Flugzeuge. Das Gefängnispersonal ignoriert sie, das Gleiche tun die gleichgeschalteten türkischen Medien. Auf dem Hügel gegenüber dem Gefängnis liegt eine Cafeteria, Beuteltee für zehn Cent. Mehrere Gefängnisbesucher beobachten die Mahnwache vom Hügel aus mit erschöpften, misstrauischen Augen.

"Haus aus Stein" ist ein lyrisches Buch über die Folter: Der Schmerz "kommt zurück mit dem Wind"

An dieser Konstellation ändert sich wenig, als sich eine kleine deutsche Delegation zu Aslı Erdoğans Freunden gesellt. Alexander Skipis, Geschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, entrollt sein eigenes Banner, auf Englisch: "#FreeTheWords - Free Aslı Erdoğan!" Befreit die Wörter, befreit Alı Erdoğan. Die Deutschen sind zur Istanbuler Buchmesse gekommen, Deutschland ist in diesem Jahr Gastland. Bei der Mahnwache stellen sie sich etwas unglücklich vor den Zufahrtsweg, mehrere Krankenwagen müssen sie entnervt umfahren.

Als Aslı Erdoğan Anfang der Neunzigerjahre zu schreiben begann, war für sie die ganze Welt eine Art Freiluftgefängnis, ein existenzieller Knast. Schreiben war ein Akt der Befreiung. Damit reihte sie sich in eine längere literarische Tradition ein, folgte den großen Weltschmerzlern Peyami Safa, Sabahattin Ali, Ahmed Hamdi Tanpınar. In ihrem autobiografischen Roman "Die Stadt mit der roten Pelerine" (Unionsverlag) trinkt die Protagonistin Özgür, wenn es mit dem Schreiben gerade nicht klappt, Unmengen Tee und raucht Kette, sie richtet sich ein "in ihrer unendlichen Leere wie ein Leichnam".

Das Buch, für das Aslı Erdoğan in der Türkei am meisten gefeiert wurde, erschien vor sieben Jahren und heißt "Haus aus Stein", ein Erzählband, der noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde. "Das ist also nun mein Platz, mein eigener, der letzte, an dem ich Wurzeln schlagen kann. Blinde Mauern, eine geschlossene Tür, die leise, angespannt wartet; diese ganze hohle Welt aus Stein . . . diese Unmenge an Leere ist nun mein Nomadenheim. Sie sagen, wenn du lang genug auf die Decke starrst, ohne zu blinzeln, wirst du deine ganze Vergangenheit sehen."

Obwohl Schriftsteller in der Türkei inzwischen ein Risikoberuf ist, brummt die Buchmesse in Istanbul.

(Foto: PR)

Es liest sich wie eine literarische Prophezeiung, aber das Buch war ein Ergebnis von Aslı Erdoğans Gesprächen mit Häftlingen. "Haus aus Stein" ist ein Buch über Folter. Ein lyrisches Buch über Folter. Auf seine Art sehr türkisch, ohne straffe Handlung, dafür mit harten Inseln der Erkenntnis. Der Knüppel fühlt sich wie Feuer an, hinterlässt aber keine Spuren. "Das Mannschaftskoppel spaltet dich entzwei wie ein Blitz, der von innen kommt". Und der Stock? "Du döst für eine Weile weg, spürst gar nichts. Aber am nächsten Tag, an allen nächsten Tagen kommt der Schmerz zurück, als wäre er immer da gewesen. Er kommt zurück mit dem Wind aus dem Süden, mit dem Meeresgeruch, während der Schnee taut; aber der Knochen hält, er ist der weiße Komplize der Zeit."

Aslı Erdoğan ist eine zierliche Frau, sie wird nächstes Jahr 50. Sie darf ihre 72 Jahre alte Mutter einmal in der Woche sehen, zehn Minuten hinter einer Glasscheibe. Sonst darf sie ihren Anwalt Erdal Doğan sehen, einen kleinen Mann mit schütterem Haar und Ringen unter den Augen, der Morddrohungen erhält. Er hat bereits den ermordeten türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink verteidigt. Aslı Erdoğan braucht dringend eine Darmspiegelung, laut ihrem Anwalt verweigert der Gefängnisarzt jede Behandlung. Dessen Vorgänger, der zu den Patientinnen nett gewesen sein soll, sitzt selbst hinter Gittern. Aslı Erdoğans Anwalt hat einen Besuch in einem städtischen Krankenhaus durchgesetzt, der sich als Schikane entpuppte. Sie musste drei Stunden warten, in Handschellen, dann wurde sie zurückgefahren.

Laut der Internetseite der Anstalt hat die Haft hier folgendes Ziel: "Dafür zu sorgen, dass die Insassen patriotische, geistige und moralische Werte erlangen und als nützliche und gebildete Individuen in die Gesellschaft zurückkehren." Aslı Erdoğan ist von Haus aus Physikerin, sie war die erste türkische Wissenschaftlerin, die am Teilchenbeschleuniger Cern in Genf forschen durfte. Bis sie sich für das Schreiben entschied.

Einer ihrer alten Freunde, die vor dem Gefängnis frieren, ist der Regisseur und Schauspieler Mehmet Atak. Ein Mann von 51 Jahren in zerschlissener Jeans und Lederjacke. Langer, schwarzer Bart, strohgelbe Haarsträhnen unter der Häkelmütze. "Wir leben in einer kritischen Zeit, aber ich frage mich, inwieweit uns die Europäer noch helfen können." In der Türkei werde gerade etwas zementiert, wogegen Aslı Erdoğan angeschrieben habe: das Lagerdenken. Wir gegen die. Aber das werde ja nicht nur in der Türkei zementiert.

Mehmet Atak hat mal Fernsehen gemacht, bis sein Sender verboten wurde, in seiner Sendung kamen Schwule, Kurden, Aleviten, Frauen mit Kopftuch, Anarchisten, Armenier, Juden zusammen. Einen ähnlichen geistigen Raum schuf Aslı Erdoğan in ihren Artikeln. Die vier Zeitungskolumnen, für die sie verhaftet wurde, dokumentieren die Einsätze der Sicherheitskräfte in den Kurdengebieten. Wohl noch brisanter für die Zensoren: Sie beschreibt, was dieser unerklärte Bürgerkrieg in der türkischen Gesellschaft anrichtet.

Die Säle sind rappelvoll. Krimis und Liebesromane sind gefragt, auch Verschwörungstheorien

"Wir sind wie Puppen mit aufgefrischtem Make-up, wir wenden einander unser jeweils stärkstes Gesicht zu, aber keiner guckt dem anderen in die Augen. Die Blicke gleiten in die Ferne, matte Blicke ohne Fragen und ohne Antworten, die ohnehin ahnen, was sie ineinander sehen würden. Leere und tote Augen, leere und kalte Worte, frierende und tote Herzen . . . In Zukunft werden wir vielleicht zurückblicken und sagen: Eigentlich haben wir den Faschismus sehr geliebt!" 20. Mai 2016.

Die Hilflosigkeit der Worte war zuletzt ein Dauermotiv ihrer Texte. Das Motto des deutschen Pavillons auf der Buchmesse: "Worte bewegen". Vom Gefängnis in Bakırköy kommt man am schnellsten mit dem Metrobüs zur Messe. Der Metrobüs ist einer der Verdienste Recep Tayyip Erdoğans um das Vaterland, er fährt auf einem Extrastreifen, statt im chronischen Istanbuler Stau zu versinken. Der Fahrer fährt wie der Teufel, im Fenster lösen sich grell beleuchtete Moscheen und Supermärkte ab, an den Haltestellen bleibt ein halber Meter Abstand zwischen Bürgersteig und Tür. Eine ältere Frau in Hidschab und Sneakers fällt beim Aussteigen längs hin, ein Büchlein in arabischer Schrift landet neben ihrem Kopf. "Şerefsiz!", schreit jemand zum Fahrer, ein schlimmes Schimpfwort, und quetscht sich aus dem anfahrenden Bus. Im Bordfernseher laufen stumme Katzen- und Kochvideos. Auf der Metrobüs-Überführung vor den Messehallen krabbelt ein Handwerker auf allen vieren, sammelt sein Werkzeug ins abgewetzte Köfferchen. "Der ist wieder besoffen", kommentiert ein Maiskolbenverkäufer. Der Handwerker setzt sich erschöpft auf den Asphalt und atmet in den Bauch. Aus der Messe ergießt sich eine gut gelaunte Schulklasse.

Die Messe ist rappelvoll. Krimis und Liebesromane, die im späten Osmanischen Reich spielen, Kochbücher, die russischen Klassiker, Verschwörungstheorien haben wie immer Konjunktur. Die Regierung hat 29 Verlage geschlossen, die der Gülen-Bewegung nahestanden, aber ihre Stände wurden prompt an andere Verlage verkauft. Dem Prediger Fethullah Gülen in seinem amerikanischen Exil wirft Präsident Erdoğan vor, den Putsch vom 15. Juli organisiert zu haben, und auch dieses Kapitel der türkischen Geschichte macht bereits Auflage. Doğu Perinçek, eine graue Eminenz der türkischen Politik, hat in Rekordfrist ein Buch in Romanlänge über den Putsch verfasst. These: Gülen ist ein Agent der USA. Was genau in der Putschnacht passiert ist, steht nicht darin, aber die Schlange bei Perinçeks Signierstunde ist sehr lang.

Einer der nicht Gülen-nahen Verlage, die kurz vor der Schließung stehen, heißt Evrensel, zu Deutsch: Universal. Der Stand dieses Verlags in Halle 3 erhielt einen Solidaritätsbesuch vom Börsenverein-Chef Skipis. Vor dem Stand ein gelbes Plakat: "#Devam ediyoruz". Wir machen weiter. Evrensel verlegt Neruda und Gorki und weniger bekannte Genossen wie Larissa Reissner oder Anton Makarenko, die in Deutschland kein Mensch mehr verlegt. Geschäftsführer Cavit Nacitarhan raucht und friert draußen an einem Plastiktisch. Er trägt nur ein T-Shirt, will aber lieber draußen sprechen. Ein mitrauchender Verlagskollege holt einen Plastikstuhl, und der fliegt erst gegen einen Müllcontainer, so stark ist der Wind hier. Das Messegelände liegt am Marmarameer, einen Kilometer vom Ufer entfernt. "Noch sitzt keiner von uns im Gefängnis, aber mal sehen, was nach der Messe passiert." Der Geschäftsführer grinst gequält.

Die Konten des Verlags sind eingefroren. Das ist sicherlich nicht rechtens, denn offiziell stört sich die Regierung lediglich an den drei Zeitschriften, die bei Evrensel bis jetzt erschienen sind, eine davon zweisprachig Kurdisch-Türkisch. Die Redaktion der Zeitschriften wurde am 30. Oktober in Anwesenheit eines Panzerfahrzeugs versiegelt. Die Zeitschriften machten aber nur 18 Prozent des Verlagsumsatzes aus. Seit der Frankfurter Buchmesse hängen sechs frische Lizenzverträge in der Luft, weil nicht klar ist, wie man die Zahlungen abwickeln soll. "Sie lassen uns absichtlich im Unklaren", sagt der Geschäftsführer.

Nach ihrer Verhaftung druckt Aslı Erdoğans Verlag ihre Bücher nach, fehlt aber bei der Mahnwache

Die graue Zone, in der Verlage und überhaupt noch denkende Menschen in der Türkei existieren, hat keine klaren Grenzen, man muss sie ertasten. Dabei kommt es zu absurden Situationen. Der Leiter der Parlamentsbibliothek in Ankara hat das Notstandsdekret, mit dem die drei Evrensel-Zeitschriften geschlossen wurden, offenbar noch nicht gelesen, er fragte nach, wo die Novemberhefte denn blieben. "Wir haben ihm diplomatisch geantwortet: Wir werden Sie auf dem Laufenden halten!"

Der deutsche Stand auf der Buchmesse in Istanbul.

(Foto: Linda Say/dpa)

Die beschlagnahmte Novemberausgabe von Evrensel Kültür wurde von der Zeitschrift Ayrıntı, die zu einem anderen aufmüpfigen Verlag gehört, Buchstabe für Buchstabe nachgedruckt. Nun wartet man ab, ob auch diese Redaktion versiegelt wird. In dem Heft findet sich zum Beispiel ein Essay mit der Feststellung: "Die Türkei ist ein Land, in dem die Wirklichkeit von einer grobschlächtigen Metapher übernommen wurde."

Der Verlag Everest, in dem Aslı Erdoğans Bücher erscheinen, hat in der grauen Zone eine eigene Strategie entwickelt. Everest verlegt internationale Bestseller wie Elena Ferrantes Mailand-Trilogie und hat viel zu verlieren. Nach Aslı Erdoğans Verhaftung wurden all ihre Bücher demonstrativ nachgedruckt. Aber bei Mahnwachen macht der Verlag genauso demonstrativ nicht mit.

Bei der Eröffnung des blau-lila gestalteten deutschen Pavillons in Halle 1 werden Lachshäppchen, Rot- und Weißwein gereicht, Staatsministerin Maria Böhmer spricht von einem "Brückenschlag". Der dauerlächelnde stellvertretende türkische Kulturminister Professor Hüseyin Yayman sagt, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei seien "hervorragend". Yayman schenkt Böhmer ein Buch über den Sufi-Mystiker Mevlana, Böhmer revanchiert sich mit einem Krautkopf-Band über vegetarische Gerichte aus Baden-Württemberg.

In derselben Halle haben Aslı-Erdoğan-Aktivisten ihren Stand eingerichtet. Sie ziehen immer wieder mit ihren Plakaten los und laufen das Messegelände ab. Bei der Eröffnung des deutschen Pavillons trauen sie sich nicht, oder vielleicht haben sie nicht mitbekommen, dass ein wichtiger Gast aus Deutschland spricht. Die Aktivisten ziehen erst vorbei, als auf der kleinen Bühne bereits acht Dichter sitzen und sich darüber unterhalten, ob man ein Gedicht überhaupt übersetzen kann (Übereinkunft: Man kann, es gebe schließlich eine höhere Sprache, die jeder Dichter verstehe). Die Dichter winken den Aktivisten zu.

Bei einer mager besuchten Podiumsdiskussion mit dem Titel "Für das Wort und die Freiheit" fordern Alexander Skipis vom Börsenverein, der Schriftsteller Ilija Trojanow und der kaufmännische Geschäftsführer vom Rowohlt-Verlag Peter Kraus vom Cleff die Freilassung von Aslı Erdoğan und allen anderen Autoren, Verlegern und Journalisten. Es gebe gar keine Meinungsfreiheit mehr in der Türkei, so die Feststellung. Der türkische Moderator möchte wissen, wie die Deutschen sich nach Hitler und nach Honecker eigentlich wieder aufgerappelt haben, ab wann geht denn Selbstzensur in Fleisch und Blut über? Am Ende liegt eine bittere Erkenntnis in der Luft, die keiner in Worte fassen mag: Menschen wie Aslı Erdoğan sind nicht für Selbstzensur gemacht, sie würden nach ihrer Freilassung wieder den Computer hochfahren.