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Streit um Platz für Gebrüder Grimm:Märchenhaft - oder einfach Kitsch

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Märchenhaft? So soll der Brüder-Grimm-Platz in Kassel nach einem Entwurf von Club L94 Landschaftsarchitekten aussehen.

(Foto: Club L94 Landschaftsarchitekten / Röver)

In Kassel soll der Brüder-Grimm-Platz aufgewertet werden, mit einem vernebelten Wald mitten in der Stadt. Fabelhafte Idee. Oder?

Von Gerhard Matzig

Am Ende kann der Held dem Elend, dem Brunnen, der Hexe und sogar dem Galgen entrinnen - und er erhält obendrein die Prinzessin samt Königreich. So endet das Märchen "Das blaue Licht". Märchenhaft eben. Mit Happy End. Die Erzählung stammt von Jacob und Wilhelm Grimm. Es ist eine Geschichte, die den Weg aus dunkler Tiefe hinauf ins Helle thematisiert. Sie gehört zum deutschen Kulturschatz. Und somit auch zu Kassel, einst Ausbildungsstätte der Grimms. Im Streit, der sich dort an der Umgestaltung des zentral gelegenen Brüder-Grimm-Platzes entzündet hat - hier war der frühere Wohnort der Märchenbrüder -, ist allerdings noch nicht ganz klar, wie die Sache für Frank Flor ausgeht. Etwas zwischen Elend und Königreich.

Flor ist einer der Partner im Büro Club L94 Landschaftsarchitekten. Am Telefon wirkt er freundlich, gesprächsbereit und optimistisch. Er glaubt an das Happy End in Kassel. Die Landschaftsarchitekten aus Köln haben eine bemerkenswerte Konkurrenz zur Neugestaltung des Grimm-Platzes für sich entscheiden können. Seit aber Stadtbaurat Christof Nolda von den Grünen das Jury-Votum für den - sagen wir: verblüffenden - Entwurf von Club L94 der Öffentlichkeit vorgestellt hat, rumort es in der hessischen Stadt fast so unheilvoll wie im Hexenhäuschen.

Ein Leserbrief an die örtliche Zeitung macht das deutlich. "Man traut Augen und Verstand nicht", schreibt die Kulturwissenschaftlerin und Grimm-Expertin Andrea Linnebach-Wegner in der HNA über eine "die historischen Blickachsen verstellende, nierenförmige Anpflanzung von Kiefern (...), künstlich benebelt und mit Sternenlämpchen geschmückt - mehr ökologischer Unsinn, assoziative Problematik, ahistorische Gestaltung und anbiedernder Kitsch gehen nicht, und das in der documenta-Stadt Kassel. Bitte, bitte nicht!"

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Glühwürmchens Traum: Das Lichtkonzept soll an verschiedene Grimm-Märchen erinnern.

(Foto: Club L94 / Röver)

Ihr Flehen wird nicht erhört. Vorerst. Die Stadt hat den Landschaftsarchitekten (in Arbeitsgemeinschaft mit dem Ingenieurbüro Röver aus Gütersloh) bereits den Auftrag zur Umgestaltung des Platzes erteilt. Der Baubeginn der auf knapp zehn Millionen Euro geschätzten Maßnahme soll eigentlich Ende nächsten Jahres erfolgen. Die Planung sieht bisher vor, den seit mehr als einem Jahrhundert polygonal ausgeformten, stadträumlich unscharf wirkenden und von der Wilhelmshöher Allee bedrängten, aber auch von bedeutsamen Bauten wie Torwache und Landesmuseum umstandenen Platz gestisch zu akzentuieren. Der annähernd als Fünfeck zu beschreibenden Figur - bisher ist es, obschon wichtiges Gelenk zwischen der Innenstadt und dem zum Unesco-Weltkulturerbe gehörenden Bergpark Wilhelmshöhe, ein Sammelsurium aus Infrastruktur und Restgrünrasen - implantieren die Gestalter einen kreisförmigen, etwa 70 Meter im Durchmesser umfassenden Hain aus hochstämmigen immergrünen Kiefern. Damit erinnern sie an die historische Platzgestalt, die ebenfalls einmal kreisrund und hochstämmig war.

Sieht man den Wald vor lauter Kiefern nicht?

Das Wäldchen - die Kiefer ist bislang untypisch für die Stadt -, das oben eine Schatten-Krone ausbildet und unten etwa von Farnen besetzt wäre, ist auf Anhieb eine verwirrende Vorstellung. Ist man nun in der Stadt oder steht man doch im Wald? Oder sieht man nur selbigen vor lauter Kiefern nicht? Die Entwurfsverfasser haben es dem Publikum nicht unbedingt leicht gemacht, in dem sie Visualisierungen aus der Hand gegeben haben, die aus dem Wald auch noch einen plakativ überzeichneten Märchenwald im vermeintlich Grimmschen Sinn machen. Verschiedene Lichtinstallationen sollen an "Die Sterntaler", "Der Geist im Glas" oder eben auch an das eingangs erwähnte Märchen "Das blaue Licht" erinnern. Eine Sprühnebelmechanik würde zudem dafür sorgen, dass das Wäldchen immer ein wenig dunstig erscheint. Märchenhaft. Vernebelt.

Man kann verstehen, wenn sich in Kassel Unmut äußert über etwas, was an den "anbiedernden Kitsch" aus dem Brief der Grimm-Expertin heranreichen kann. Und doch ist das Entwurfskonzept so simplizistisch nicht. Vor allem ist es auch nicht unökologisch. Die Kiefer, ein vergleichsweise hitzeresistenter Pfahlwurzler, der sich auch aus tieferen Schichten versorgt, ist vergleichsweise zukunftstauglich. Und natürlich ist es überlegenswert, statt der üblichen, insektenfeindlichen Rasenmonokulturen einen Hain zu realisieren. Mit großen Bäumen.

Fatal wäre es, wenn die Sichtachsen beeinträchtig werden. Doch das lässt sich darstellen, diskutieren und korrigieren. Eine solche - überfällige - Bürgerbeteiligung ist nun geboten. Vielleicht kommt die dann auch zu dem Ergebnis, dass man die lampionartigen Lichtinstallationen entweder dem Reich der deutschen Märchen oder den Trattorien am Tiber in Rom überlässt. Dann entgeht man im Fall des blauen Lichts auch dem Hinweis auf Leni Riefenstahls gleichnamigen Berg-Mythos aus dem Jahr 1932. Die Nazis waren vom Regiedebüt Riefenstahls begeistert. Man weiß seither, dass sich Märchen manchmal mit mythischer Sehnsucht auf unglückliche Weise verbinden. Sollte aber ein modern interpretierter Kiefernhain Rücksicht auf die Blickachsen nehmen und ohne nebulöse Licht-Fantastik auskommen: Wo, wenn nicht in der Beuys-Stadt der "Stadtverwaldung", wären Bäume sinnfälliger?

© SZ/beg
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