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Britische Literatur:Rosa und grau

Portrait of Graham Swift 15 june 2016 PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY Copyright LeonardoxCen

Graham Swift wurde am 4. Mai 1949 im Süden Londons geboren. 1996 bekam er den Booker-Preis.

(Foto: imago/Leemage)

Ein Besuch im Süden Londons bei dem großen, stillen Autor Graham Swift. Zu seinem 70. Geburtstag erscheint jetzt ein Band mit seinen Essays über das Schreiben.

Man muss sich sehr weit vorbeugen oder sehr nah an ihn heransetzen, wenn man Graham Swift verstehen will. Er spricht leise, bedächtig, eigentlich: verhalten. Als halte er etwas in sich zurück, was nicht herausdrängt, was bedacht, erwogen, zerlegt, zurückgeholt und dann, nach reiflicher Erwägung, doch ausgesprochen sein will.

So schreibt er auch. Mit einem Füllfederhalter, seine Sätze wieder und wieder bedenkend. Es fließe nicht einfach so aus ihm heraus, er sei, sagt er, kein "geborener Autor", aus dem scheinbar mühelos ganze Romane hervorschießen. Seine Kunst, das sind innere Monologe, kleine und große Geschichten von kleinen und großen Menschen, die in sich hineinhören, bis sich etwas aufdrängt, was gesagt, getan sein muss.

Paula etwa, seine Heldin "Im Labyrinth der Nacht" (im englischen Original "Tomorrow", 2007), denkt eine Nacht lang darüber nach, wie sie ihren 16-jährigen Zwillingen gemeinsam mit ihrem Mann sagen soll, dass ihr Vater in Wahrheit nicht ihr Vater ist. Viele Seiten lang fragt sie sich, im Dunkeln an die Zimmerdecke starrend, wie das geschehen soll. Liebevoll und einfühlsam natürlich. Aber was, wenn das schiefgeht? So ein schicksalhafter Einschnitt ins Leben will bedacht, vorbereitet sein. Das ist faszinierend und quälend. Es ist berührend und anstrengend. Auch für Swift selbst.

An diesem Samstag wird er 70 Jahre alt, und er betont, sein Werk habe ihn "glücklich gemacht". "Lucky me", sagt er, "ich Glückspilz". Aber es sei eben auch "harte Arbeit" gewesen.

Seine Figuren brauchen Zeit zum Leben, zum Wachsen, weil sie in ihm leben und wachsen

Swift, ein schmaler, jungenhafter Mann mit immer noch hellbraunem Haarschopf, ist in Großbritannien ein Star, aber ein in jeder Hinsicht stiller. Er hat ein Dutzend preisgekrönter Romane geschrieben. "Letzte Runde" ("Last Orders", 1996), der skurrile Roadtrip einer Gruppe alter Männer, die die Asche eines Freundes ans Meer bringen, um sie dort zu verstreuen, ist sicher der bekannteste. Für diesen Roman hat er den Booker-Preis bekommen und er ist, wie "Wasserland" ("Waterland", 1983), mit Starbesetzung verfilmt worden.

Jetzt kommt, pünktlich zum 70. Geburtstag, in Deutschland bei dtv "Einen Elefanten basteln. Vom Leben im Schreiben" heraus, das auf englisch bereits vor einigen Jahren erschienen ist. Swift schreibt nicht nur sorgsam, er denkt auch sorgsam. Er braucht diese Zeit, weil seine Figuren Zeit brauchen zum Leben, zum Wachsen, weil sie in ihm leben und wachsen. Das Ergebnis sind oft Novellen in Romanform: eine Nacht, ein Tag, ein Schicksalsschlag. "Einen Elefanten basteln" ist anders, Arbeitsprosa, Prosa über seine Arbeit. Er nennt es ein Werk, das er "heute nicht mehr schreiben könnte. Es muss einen Moment gegeben haben, wo ich das für mich brauchte. Dinge passieren, Bücher passieren".

Dieses Buch - und er betont das, weil es von all seinen Werken am ehesten autobiografisch ist, sollte "von mir handeln". Der Titel erinnert an einen Elefanten aus Holz, den er als Kind tatsächlich gebastelt hat. Sein Vater hätte ihn gern rosa gesehen, also mutig, anders, aber der junge Graham hüllte ihn, zu seinem eigenen, nachträglichen Kummer, aus juveniler Unsicherheit oder falscher Konventionalität, in fades Grau. Dinge passieren. Elefanten passieren. Manche bereut man.

Für Swift, der gern vom Akt des Schreibens spricht, weil er ihn als fortgesetztes Wunder betrachtet, ist dieser Satz deshalb schon sehr viel: "Es sollte von mir handeln". Er will nicht vor allem von sich sprechen, auch wenn seine Romanfiguren in aller Regel von sich sprechen, seine Romane oft in der ersten Person geschrieben sind. "Aber meine Figuren - das bin nicht ich."

Wenn er also im Elefantenbastelbuch erzählt, wie er bei der Feier für den Booker-Preis 1983 mit seinem Freund Salman Rushdie fotografiert und von Journalisten ständig mit dem südafrikanischen Preisträger J. M. Coetzee verwechselt wird, oder wie er hinnimmt, dass sein Bestseller "Waterland" von Kritikern versehentlich "Wasteland" (Ödnis) genannt wird, dann ist da nichts als selbstironische Zurückhaltung, gepaart mit gut versteckter Herablassung über den Hype, der auf ihn zielt, aber manchmal eben auch daneben trifft.

Die Brexit-Folgen: "Schlechte Stimmung, ein psychologischer Morast"

Über seinen Ruhm als junger Schriftsteller sagt er: "Ich hatte gute Tage und schlechte Tage, ich betrank mich viel und schlief wenig." Lakonischer geht es kaum. Die Herablassung schiebt er hinterher: Ein Preis habe keine Auswirkungen auf das Schreiben. "Man verleiht einer Sache kein größeres Prestige, indem man sie in einen Zirkus verwandelt, wie man auch Schriftstellern nicht zu mehr Ansehen verhilft, wenn man sie öffentlich zu Idioten stempelt." Graham Swift ist lieber kein Idiot, und große Auszeichnungen, findet er, sollte man nur einmal bekommen können, dann müsse man sich dem Preiszirkus nicht regelmäßig aussetzen. Lieber will er Bücher schreiben, die "präpolitisch, subpolitisch" sind. Fiktion, sagt er, sei subversiv, weil sie zeige, wie kompliziert das Leben ist. Politik hingegen sei voller Vereinfachungen und Lügen, weil sie verallgemeinere, Narrative zusammenbastele, grau in grau, wo doch das Leben bunt ist. Und manchmal rosa. "Ich bin auf der Seite der Wahrheit. Ich will kein Aktivist sein."

Deshalb bekommt man den Mann aus Süd-London auch nur schwer dazu, über Politik zu sprechen, oder über den Brexit, den er für eine Farce hält. Die Brexit-Folgen: "Schlechte Stimmung, ein psychologischer Morast". Swift, der am 4. Mai 1949 als Sohn eines Buchhalters in einem Vorort der Metropole zur Welt kam, wo er seither auch lebt und wo seit seinem Erstling "Ein ernstes Leben" ("The Sweet Shop Owner", 1980) auch viele seiner Romane und Erzählungen spielen, möchte "unpolitisch" sein. So wie seine Figuren. Er empfindet das nicht als banal. Sondern als ehrlich.

Er möchte lieber Isaac Babel lesen, den er bewundert, Montaigne, dem er sich nahe fühlt, Tschechow, den er "spannend" findet, und versinken in das Universum von Shakespeare. Möchte von Freunden umgeben sein, von echten und ausgedachten Gestalten. Swift hatte und hat viele Freunde, darunter viele Schriftsteller: Salman Rushdie, aber auch den in Japan geborenen Briten Kazuo Ishiguro, Caryl Phillips aus der Karibik, den früh verstorbenen Dichter Ted Hughes. Und dann sind da die Freunde aus seinen Büchern. "Lachen Sie nicht, aber sie sind bei mir. Ich habe das Gefühl, dass sie existieren, auch außerhalb des Buches. Es würde mich nicht überraschen, wenn ich einen träfe. Manche liebe ich, sie fehlen mir."

Charlie Yates zum Beispiel aus "England und andere Stories" ("England and Other Stories", 2015), der in Laufklamotten durch den Park in Hampstead joggt und vom Parlament Hill auf die Stadt herunterschaut - sitzt er nicht gerade dort drüben auf der Bank und schaut auf die Hochhäuser, die er so mühelos, weil nicht von Höhenangst geplagt, mit gebaut hat? Seine schmale Halskette, seine Sorge um den dick gewordenen Freund, der Stolz auf seine Leistung sind so nah. So vertraut. Oder George Webb, der abgehalfterte Privatdetektiv aus "Das helle Licht des Tages" ("The Light of Day", 2003) der sich in eine ehemalige Klientin verliebt. Ist das nicht Webb, der da in Wimbledon, wo er sein Büro hat, in einem Café hockt und leise murmelnd um seine Liebe trauert, die im Gefängnis sitzt? "Nur ein Schritt", sagt Webb. "Aber es ist ein anderes Land, eine andere Welt, wir überschreiten eine Grenze, wir machen eine Tür auf, von deren Vorhandensein wir vorher nichts gewusst haben." Lass die Frau gehen, wende dich ab, George, möchte sein Erfinder, sein Freund rufen, ihn aufhalten, aber da ist er schon hineingerannt in seine ganz persönliche Katastrophe.

"Manchmal", sagt Swift, während er Yates und Webb, die alten Herren aus "Letzte Runde", oder auch die zunehmend jüngeren Frauen, die seine neueren Romane bevölkern, vor seinem inneren Auge Revue passieren lässt, "manchmal bedauere ich Menschen, die nicht erleben können, wie viel in uns drinnen ist." Lucky him.

Graham Swift: Einen Elefanten basteln. Vom Leben im Schreiben. Aus dem Englischen von Susanne Höbel. dtv, München 2019. 453 Seiten, 25 Euro.

© SZ vom 04.05.2019

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