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Bob Dylan:Lieder vom Brotbacken und Pferdereiten

Die großartigen Berghütten- und Studentenclubversionen volkstümlicher Songs wie "Railroad Bill", "House Carpenter" oder "Tattle O'Day" hatte Dylan im kleinen Stuhlkreis mit Gitarrist David Bromberg und Pianist Al Kooper aufgenommen. Man hört förmlich, wie die Bärte brennen, wie die Schuhe scharren und der Generationendichter es genießt, vom Brotbacken und Pferdereiten zu singen, nachdem er sich die ganzen heißen Sixties lang mit dem urban-unterirdischen Heimwehblues herumschlagen musste, mit Einstein, Robin Hood, der Pik-Ass-Königin, dem Bombenregen und wahrscheinlich auch der Rettung der Welt. Eine Rückkehr zu genau der Musik, aus der er sich irgendwann selbst abgeleitet hatte.

Diese eher simplen Folkbänder, die vor kurzem angeblich bei Recherchen im Sony-Archiv entdeckt wurden, wären auch damals schon veröffentlichungsreif gewesen. Theoretisch. Was heute längst zur Kulturtechnik, zum Klischee geworden ist, die öffentliche Selbsterkundung und Erdung, das mit Demut und Reinigung verbundene, demonstrative Zurück-zu-den-Wurzeln - das hatte Dylan hier schon vorweggenommen, aus der Notwendigkeit heraus, ohne jede Zeremonie. Und zu früh. Poptechnisch, vor allem als Äußerung eines Künstlers seiner Statur, ließ sich so etwas 1970 einfach nicht verwerten.

Bizarres "Selbstporträt"

Deshalb schickte Produzent Bob Johnston die Aufnahmen nach Nashville, ins Disneyland der Country-Industrie, wo (ohne dass Dylan dabei gewesen wäre) eine fantastilliardische Anzahl zusätzlicher Instrumentalisten weitere Spuren dazuspielte, Schlagzeug, Steel-Guitar, ein ganzes Orchester.

Das bizarre Doppelalbum "Self Portrait", das Johnston daraus kompilierte, wurde von den Hörern nicht etwa als Ausrutscher gewertet (es kam in den USA bis auf Platz vier der Charts, in Großbritannien bis an die Spitze), sondern als echter, bösartiger Affront. Purer Eskapismus in einer Zeit, in der in Amerika alle Erschütterungen der Sechziger ohrenbetäubend nachbebten. Plötzlich sang Dylan, der Autor, vor allem fremde Lieder, spielte bei "The Boxer" von Simon & Garfunkel beide Rollen, artikulierte am Ende nur noch "Da da da da", in "Wigwam", einem Stück mit rundfunkorchestralem Schmalz, das es bei uns in der Version von Drafi Deutscher in die "ZDF Hitparade" schaffte. Der "Self Portrait"-Verriss, den der Kulturwissenschaftler Greil Marcus seinerzeit für den Rolling Stone schrieb, war vier eng bedruckte Seiten lang.

In Nashville verhunzt

Auch das kann man nun auf "Another Self Portrait" nachhören, der neuen Box, deren Name überdeutlich macht, dass hier auch ein historischer Bildfehler korrigiert werden soll: reduzierte Urfassungen einiger Songs, die seinerzeit in Nashville nachträglich verhunzt wurden. Man kann das Vorher-nachher-Spiel betreiben, kann spekulieren, wie die Geschichte verlaufen wäre, hätte Dylan damals bessere Ratgeber gehabt.

Genau das wäre aber der größte Trugschluss. Weil ja auch jede einzelne Peinlichkeit zu diesem berüchtigten Selbstporträt gehört, weil Dylan sich damals natürlich auch den Schleim, die Schlager und all die Knödel aus seinem System heraussingen musste. Weil man - um doch noch die Perspektive einzunehmen, die der kleine, auf die 30 zugehende Sänger in diesem schönen Bauernhofmoment wahrscheinlich gar nicht hatte - auf dem Weg durch die amerikanische Musikgeschichte auch am sogenannten Kitsch nicht vorbeikommt, ohne dass etwas abfärben würde. Und ohne ihn dabei allzu selbstverständlich zu nehmen.

"When I Paint My Masterpiece"

Die 35 Stücke auf "Another Self Portrait" ersetzen also nichts, räumen nichts vom Tisch. Sie ergänzen ein kryptisches Gemälde, erweitern es um ein paar Fragmente, von denen gar niemand so genau gewusst hat, dass sie fehlten: Bob Dylan, der Künstler, an dem Punkt, an dem er die innere, rasende Suche nach der eigenen Stimme nach außen stülpte. So dass sich alle mit ihm gemeinsam wundern konnten über die lustigen, struppigen Zwischenergebnisse. In den richtigen, repräsentationsfähigen Körper, seinen Body politic, schlüpfte der Sänger dann ja schnell genug wieder.

Ganz ans Ende haben die Archivpfleger dann auch eine sehr frühe Version des berühmten Stücks "When I Paint My Masterpiece" gesetzt. Dylan hockt am Klavier, erzählt eine kleine erotische Novelle aus Rom. Die Tasten klingen wie die Stufen der Spanischen Treppe, die Sonne scheint ihm aus dem Mundwinkel. Eine unglaubliche, kostbare, wunderbare Aufnahme. Ein Blick nach vorne, bis in die Gegenwart.

© SZ vom 24.08.2013/khil
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