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Bob Dylan:Der Patriarch bittet ins Herrenzimmer

Es ist also so, als würde Dylan, der nach einer Topical-Phase auf seinen ersten vier Alben (1962-64) und vielen individualistischen Perioden danach, in denen er gewissermaßen das Persönliche als Topic entdeckte und entwickelte, nun die dritte Möglichkeit von Songkultur erkunden, die kurz vor seiner aktiven Zeit ihren Höhepunkt hatte: Songs, die zum musikalischen Gebrauch durch andere komponiert wurden.

Große Meister dieser Kultur wie etwa Hoagy Carmichael, Harold Arlen oder Irving Berlin sind auch von der späteren Pop-Musik, etwa von performenden Historikern wie Leon Redbone oder Geoff Muldaur, immer mal wieder gewürdigt worden. Eine Band wie Dan Hicks & His Hot Licks leitete nostalgisch beschwingte, durchaus auch ironisch gebrochene Befreiungsvorstellungen aus der Eleganz von Dreißiger- und Vierzigerjahre-Songs ab.

Bob Dylan Der Rätselhafte
SZ-Magazin
Bob-Dylan-Quiz

Der Rätselhafte

Verstehen Sie Bob Dylan? Wir auch nicht immer. Versuchen wir es mal gemeinsam: mit einem Quiz zum 75. Geburtstag des alten Meisters.

Ganz anders der aktuelle Dylan, der eher gedämpft, behutsam, etwas klaustrophil und allenfalls listig und verschmitzt mit dem betagten Material umgeht. Kleine Ensembles, mit Geigen, Mandolinen, aber auch elektrischen Instrumenten, spielen keinen Ton, der nicht im Notenheft steht. Dylan zelebriert, manchmal charmant an den fordernden Tonhöhen scheiternd, Klassiker wie "Polka Dots & Moonbeams" als fragile Kabinettstückchen.

Nach einem guten Essen hat der Patriarch in das reich dekorierte Herrenzimmer gebeten, um noch einen guten Brandy zu kredenzen. Das ist in etwa die nicht ganz unsteife Stimmung des Albums: zart, anrührend, nicht völlig humorlos, aber auch etwas gezwungen.

Dylan triumphiert schließlich auch wieder fast mehr als Konzeptualist denn als Musiker oder Sänger

Dabei ist er seinem Genie treu geblieben, seinen Weg über große Selbstnegationen zu steuern. Die Songs des Great American Songbooks sind ja nicht nur Antithesen zur personenorientierten Singer/Songwriter-Kultur und zur gegenstandsorientierten Tradition des Topical Songs, sie sind vor allem in ihrem Insistieren auf musikalische Genauigkeit und Werktreue das Gegenteil dessen, was Dylan auf seiner "Never Ending Tour" in den letzten Jahrzehnten praktiziert: die Idee, dass es bei seinen Songs nun so gar nicht um irgendwann mal festgelegte Melodien gehe, sondern um Lyrics, mit denen er jedes Mal aufs Neue machen könne, was er wolle. Hier aber lässt er sich nun fast masochistisch Ton für Ton bis an die Grenzen der 75-jährigen Stimme genau vorgeben, was er zu tun hat - und triumphiert schließlich auch wieder fast mehr als Konzeptualist denn als Musiker oder Sänger, weil er auch mit diesen Exerzitien etwas Spezielles anzufangen weiß.

Was ist dieses Spezielle? Vielleicht das Gefühl, dass hier ein ganz großes Geheimnis, ein entwendeter Brief in dem für alle sichtbaren, bekannten und kanonischen Material zu finden ist. In der leicht verschmunzelten, pedantischen Akkuratesse, mit der sich das brüchige Altersorgan des Erfinders der Stimmindividualität durch diese als Kleinode inszenierten Themen des 20. Jahrhunderts pflügt, entdecken wir den Wert jenes Insistierens per se, eine Schönheit von Eigensinn, Konsequenz und eben auch Altersstarrsinn - wenn nämlich diese Verfallsprodukte von Individualismus durch eine große und von außen kommende Aufgabe geadelt werden: Amerika, das 20. Jahrhundert, Frank Sinatra, Hollywood und Jazz.

Der Autor, Jahrgang 1957, ist Kulturwissenschaftler, Kritiker und Hochschullehrer. Er gilt als einer der wichtigsten deutschen Poptheoretiker.