Blues Welche Landschaft?

Eric Claptons neues Album "I Still Do" stört nicht beim Autofahren und hat auch ein paar schöne Momente.

Von Max Fellmann

1945. Wichtiger Jahrgang, einer von diesen Gründergenerationsjahrgängen des Rock. Pete Townshend. Rod Stewart. Lemmy. Neil Young. Und Eric Patrick Clapton, geboren Ende März 1945 in der englischen Kleinstadt Ripley. 18 Grammys, 70 Millionen verkaufte Platten, von der Queen geadelt zum "Commander of the Most Excellent Order of the British Empire".

Helden in diesem Alter, mit dieser Geschichte, haben genau drei Möglichkeiten: 1. Schweigen und der Welt eine unbeschädigte Erinnerung überlassen. Macht keiner. 2. Immer wieder Neues versuchen, auf die Gefahr hin, zu scheitern. Macht keiner. 3. Weiterwursteln, Stadionkonzerte geben, ab und zu Alben veröffentlichen, auf die niemand wirklich gewartet hat. Machen alle. Paul McCartney. Bob Dylan. Die Stones. The Who. Und Eric Clapton.

Die Zeiten, in denen der Mann Wesentliches hervorgebracht hat, sind ewig her, das weiß er selbst am besten. Alle paar Jahre nimmt er ein Album auf, dabei hüpft er nie höher als er muss. Bisschen Blues, bisschen Wohnzimmer-Poprock, in der Mitte ein hübsches Gitarrensolo, danke. Wobei man ehrlicherweise sagen muss: So richtig hoch ist er in seiner ganzen Karriere nie gehüpft - nur im genau richtigen Moment.

Clapton gilt als einer der einflussreichsten Gitarristen aller Zeiten, aber er selbst hat kaum etwas erfunden. Sein Verdienst war es, die Ideen des schwarzen Blues zu übernehmen und mit größtem Erfolg den weißen Kids zu verkaufen, als Teil der Blues Breakers, mit den Yardbirds, mit Cream und solo. Nahezu jede Phrase, die Clapton gespielt hat, jedes Lick, jeder Takt Pentatonik, stammt im Grunde von anderen, allen voran von den drei Kings, Freddie King, Albert King und B.B. King. Letzterem dankte er später mit dem Album "Riding With The King". Wie er sich ja auch mit gleich zwei Alben bei J.J. Cale bedankte, der ihn einst mit den Songs versorgte, die zu seinen größten Hits wurden: "After Midnight", "Cocaine", das großartige Zeug.

Wenn Clapton innovativ war, dann eher aus Zufall. Immer wieder eine schöne Geschichte: Der Blues-Klassiker "Crossroads" in der Live-Version von Cream hat Generationen von Gitarristen umgehauen. Wie Clapton da ungewohnt betont! Wie er gegen den Beat arbeitet! Jahre später hat Clapton erzählt, dass er damals einfach den Takt nicht mehr fand - hinter ihm veranstaltete der Schlagzeuger Ginger Baker so ein Remmidemmi, dass Clapton die Eins verpasste und für mehrere Minuten um ein Viertel neben dem Beat hing. Kein Wunder, dass das ungewohnt klang.

Später hing er dann jahrelang ganz grundsätzlich daneben, nahm zu viele Drogen, ging fast vor die Hunde, steckte in den Achtzigerjahren als Armani-Kleiderständer in der Sackgasse. Der Rest ist Katharsis: Sein kleiner Sohn starb, alles schien vorbei - aber "Tears In Heaven", das Lied, das Clapton darüber schrieb, wurde 1992 zu seinem größten Hit. Danach glitt er umgehend in die Rolle des elder statesman: eine Art offizieller weißer Blues-Botschafter.

Eric Clapton mit Gitarre im Schuppen: Das könnte dreckiger Blues sein - allerdings trägt er die saubersten Boots der Welt und die Gitarre ist frisch poliert.

(Foto: Dave Kaplan)

Und als solcher macht er weiter, immer weiter. Alle paar Jahre ein Album, keine Überraschungen, immer mal wieder das Altbekannte neu liefern. Jetzt, fast 40 Jahre nach den Alben "Slowhand" und "Backless", hat Clapton sich noch mal mit seinem damaligen Produzenten Glyn Johns zusammengetan. "I Still Do" (Polydor), der Titel des neuen Albums, wirkt fast wie eine Entschuldigung. Das letzte Solo-Album hieß "Old Sock", da klangen Titel und Musik nach einem Mann, dem ziemlich vieles ziemlich egal war. "I Still Do" könnte heißen: Halt, ich meine es schon noch ernst! Kann aber leider genauso heißen: Guten Tag, ich mach hier mal eben weiter, lassen Sie sich nicht stören.

Clapton drapiert Gitarrenlicks noch immer so geschmackvoll auf einem Septakkord wie Inneneinrichter einen Eames Chair auf dem Flokati. Aber es ist mit den Gitarrenlinien wie mit dem Sessel: beides arg vertraut. Man kann "I Still Do" stundenlang laufen lassen und vergisst dabei fast, dass überhaupt Musik läuft. Es ist, als fahre man mit dem Auto eine Strecke, die man schon ein Leben lang gefahren ist. Landschaft? Welche Landschaft?

Clapton versucht nichts Neues - er besinnt sich aber genauso wenig aufs Wesentliche. Er liefert eine Schnittmenge aus den letzten 40 Jahren Karriere, frei von jeglicher Irritation, zur Sicherheit immer etwas überproduziert. Fast nur Cover-Versionen, Blues-Klassiker, ein Dylan-Song, zwei von J.J. Cale, Midtempo-Poprock, zwischendurch ein gemütlicher Shuffle. Bitte die markierten Wege nicht verlassen.

Vor J.J. Cale verneigt er sich gleich zweimal: "Can't Let You Do It" ist genau der eckige Bluesfunk, den er von Cale gelernt hat, ein bisschen frisch geputzt. Auf "Catch The Blues" spielt Clapton die leise Wah-Gitarre exakt wie sein verstorbener Freund. Schön. Aber der arg dezente Salsa-Groove und der Schubidu-Chor, da wird's schon wieder heikel: So etwas lassen auch Hoteldirektoren mit Faible für Beige (und Eames Chairs) im Hotelfoyer laufen.

Zum Glück gibt es auch ein paar erfreuliche Songs. Hübsch ist "Little Man, You've Had A Busy Day", ein Gute-Nacht-Lied aus den Dreißigerjahren, das Clapton liebevoll zur sanft gezupften Gitarre singt (schwer, da nicht an seinen toten Sohn zu denken, er wäre heute knapp 30). Richtig ordentlich ist "Alabama Woman Blues": schön dreckige Gitarre, das Ganze so schleppend, fast faul, als hätte im Studio tatsächlich die Hitze der Südstaaten geherrscht.

Das andere herausstechende Lied heißt "Cypress Grove": noch mal lärmige Gitarre, wieder so ein toll verschleppter Beat, der fast zerfällt. In beiden Songs taucht eine Ziehharmonika auf, die da eigentlich nicht zwingend reingehört. Aber man freut sich über sie, denn sie erinnert an Howlin' Wolf, bei dem sie ja auch gern dazwischenzirpte, ohne dass es richtig gepasst hätte. Ein vager Zydeco-Anklang - oder einfach nur der sympathische Drauf-los-Ansatz des frühen Blues: Wer grad da ist, mischt mit, auf geht's, zwölf Takte, ihr kennt euch aus. So könnte, so sollte, so müsste das weitergehen. Der Rest aber ist Konfektion für wohlhabende Vorstädter, Leasing-Wagen, beige Sitzgruppe.

Die wenigen, von denen Clapton einen Ratschlag annehmen würde, sind tot. Man würde sich wünschen, sein alter Held, der Blues-Urvater Robert Johnson (oder wenigstens Rick Rubin) erschiene ihm im Traum, um zu sagen: Eric, bitte mal den SUV-Fahrer-Unterhaltungskram kurz sein lassen, erinner dich, der Blues, das war mal ein aufregend schmutziges Geschäft, da ging es um Sex und Alkohol und Gewalt und die ewig dunkle Nacht, und die Musik klang wie das Geheul der geknechteten Seelen. Als du zwanzig warst, hast du das verblüffend genau kapiert, weißt du noch? Und jetzt geh hin, spiel den Blues. Spiel ihn wirklich. Du kannst es.

So muss man leider sagen: Du könntest es.