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Biografie:Weltumsegler und Revolutionär

Jürgen Goldstein: Georg Forster. Zwischen Freiheit und Naturgewalt. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2015. 302 Seiten, 24,90 Euro. E-Book 19,99 Euro.

Jürgen Goldstein erzählt die Lebensgeschichte Georg Forsters - der schon 1793 versucht hat, eine deutsche Demokratie zu gründen.

"Haben Sie viel gelitten?", fragte Kaiser Joseph II. den damals gerade erst dreißig Jahre alten Weltumsegler Georg Forster, als er ihn 1784 zu einer Audienz empfing. Ja, Forster hatte gelitten. Der Bericht von der Weltreise, die der junge Deutsche von 1772 bis 1775 zusammen mit seinem Vater auf den Expeditionsschiffen von James Cook unternommen hatte, enthielt nicht nur arkadisch-schöne Bilder einer fast klassenlosen Gesellschaft auf den Südseeinseln um Tahiti, sondern auch alle Schrecken des Eises und der Finsternis der Antarktis. Von der monatelangen Gefangenschaft auf beengten Schiffen bei vergammeltem Pökelfleisch, verschimmeltem Zwieback und rationiertem Trinkwasser hat sich Forsters Gesundheit nie mehr erholt.

Dazu kam, dass der Abenteuerruhm, zu dem bald die Schriftstellerglorie der bis heute packenden Darstellung dieser Reise kam, Forster materiell gar nichts nützte: Der Kaiser erkundigte sich huldvoll, allein eine anständig dotierte Stelle hatte er nicht. "Ich correspondiere mit Fürsten und schreibe ein AbcBuch der Naturhistorie; ich seegle um die Welt, und komme nach Cassel zwölfjährigen Rozlöffeln ihre Muttersprache buchstabiren zu lehren", bemerkte Forster in einem Brief von 1779.

Georg Forster ist bis heute berühmt vor allem durch sein Leben. Denn er war nicht nur der erste Deutsche, der die Welt umrundete, sondern er hat auch am ersten deutschen Versuch mitgewirkt, eine Demokratie zu gründen, in der Mainzer Republik von 1793. In ihrem Auftrag hielt er die Rede vor dem Pariser Konvent, mit der ihr Beitritt zur französischen Mutterrepublik beantragt wurde. Dass er sich schon wenige Tage danach, im April 1793, von den "herzlosen Teufeln" entsetzt zeigt, die die Revolution in eine Schreckensherrschaft verwandelt hatten, gehört zu den tragischen Peripetien einer grenzenlos interessanten Biografie.

Jürgen Goldstein hat sie nun von Neuem erzählt, gestützt auf die noch in der DDR begonnene, erst kürzlich fertig gewordene kritische Forster-Ausgabe der Berliner Akademie der Wissenschaften und eine sich daran knüpfende Detailforschung, deren Ernte sein knappes, reichhaltiges Buch nun fürs breite Publikum einbringt. Es ist farbig und spannend, weil es seinen Helden in zahllosen, gut gewählten Zitaten zu Wort kommen lässt. Sein wichtigstes Verdienst aber ist, dass es Forster als Denker vorstellt und damit den Zusammenhang der beiden Hauptteile seiner Biografie - Weltumsegelung, Revolution - zum ersten Mal plausibel macht, jenseits des biografischen Zufalls, dass Forster 1792 als Bibliothekar des Kurfürsten von Mainz halt am richtigen Ort war, als die revolutionären Franzosen in Deutschland einmarschierten.

Forster hatte in der Südsee den Menschen als Naturwesen entdeckt, und zwar konkret, nicht als Projektion nach der Art von Rousseau. Eine egalitäre Gesellschaft im Einklang mit einer freundlichen Natur schien möglich zu sein; die Vielheit menschlicher Stämme bezeugte die Vielzahl anthropologischer Möglichkeiten.

Dem Konzept einer natürlichen Entwicklung blieb Forster auch als Revolutionär treu: Die Revolution war für ihn nicht der Ausdruck von Vernunftautonomie, nicht Fortschritt zur Freiheit, sondern eine Naturgewalt, die sich schicksalhaft die Bahn brach. "Revolutionäre Umstürze sind weder Ausdruck des souveränen Volkswillens noch der aufgeklärten Vernunft, sondern Folgen einer Natur, die auch den Menschen bestimmt", fasst Goldstein zusammen.

Mit seiner sorgfältigen Nachzeichnung von Forsters naturgeschichtlichem Denken, dessen empfindsame Ferne von den methodischen Vorgaben zeitgenössischer Philosophie er nicht unterschlägt, ist Goldstein eine nun selbst revolutionär anmutende Entdeckung gelungen: Er hat die Ideengeschichte mit der Figur des Links-Goetheaners bereichert (ohne Forster selbst so zu nennen). Denn Goldstein kann nachweisen, wie nahe Forsters Geschichtsdenken Goethes Wahrnehmung der Revolution als vulkanischem, sturzbachhaftem Naturgeschehen kommt - die Metaphern gleichen einander bis aufs Wort.

Man fragt sich, ob Goethes einfühlsame Revolutionsskepsis sich im Kern überhaupt stark von Forsters schicksalsergebener Revolutionsteilnahme unterscheidet und ob die Differenzen zwischen den beiden Naturdenkern nicht vor allem ihren unterschiedlichen biografischen Standorten geschuldet waren.

Jedenfalls hat sich Goethe an der Verdammung des Forster-Gedächtnisses nach dessen Tod nicht beteiligt - zum Ärger der Weimarer Autoritäten hat er sogar für einen ausführlichen, würdigen Nachruf gesorgt und Forsters Idealen in "Herrmann und Dorothea" pathetische Ehrerbietung gezollt.